| 21:22 Uhr

Militäreinsatz
Türkei lässt Syrien-Konflikt eskalieren

Istanbul/Damaskus/Moskau. Für Ankara ist es „Selbstverteidigung“, für die Kurden eine Aggression. Der türkische Einmarsch torpediert den fragilen Friedensprozess in Syrien.

Türkische Kampfjets werfen zu heroischer Musik Bomben ab, Soldaten bedanken sich – kurz vor dem Grenzübertritt nach Syrien – beim Volk für die Unterstützung. Die Botschaft der türkischen Fernsehsender ist gestern eindeutig: Bei der Militäroffensive gegen die kurdischen Truppen im Bürgerkriegsland geht es um die Verteidigung der Türkei. Und die Nation soll dafür zusammenstehen. Dabei ist der Militäreinsatz „Operation Olivenzweig“ nicht nur militärisch brandgefährlich. Für die innere Stabilität der Türkei und für den Friedensprozess im Bürgerkriegsland ist er Gift. Es könnte zu Protesten der Kurden in der Türkei kommen.


Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan äußerte gestern jedenfalls die Hoffnung, dass seine Truppen den Angriff auf die Kurden-Enklave um die Stadt Afrin schnell durchziehen. „Selbstverteidigung“ nennt Ankara als Grund für die Offensive, die in den vergangenen Tagen immer wieder angekündigt wurde und zuerst mit Artilleriebeschuss, am Samstag dann auch mit Luftangriffen und tags darauf schließlich mit dem Einsatz von Bodentruppen in die Tat umgesetzt wurde.

Denn die kurdischen Volksschutz­einheiten (YPG) in Nordsyrien sind für die Türkei schlichtweg Terroristen. Sie kontrollieren als bewaffneter Arm der Kurdenpartei PYD nicht nur die Region um Afrin, sondern stehen über Hunderte Kilometer an der türkischen Grenze. Als Ableger der in der Türkei verbotenen kurdischen Arbeiterpartei PKK machen die mächtigen Kurdenverbände Ankara schon lange Sorgen. Die PKK verübt immer wieder Anschläge in der Türkei.



Außerdem fürchtet die Türkei schon seit langem, dass die kurdischen Gebiete in Syrien auch den Wunsch nach mehr Selbstbestimmung der Kurden im eigenen Land befeuern. Die Operation „Schutzschild Euphrat“ im Jahr 2016 war damals zwar offiziell gegen die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) in Syrien gerichtet. Sie traf aber auch die Kurden und trieb einen Keil zwischen zwei von der YPG kontrollierte Gebiete an der Grenze.

Doch der türkische Einmarsch geht über einen türkisch-syrischen Grenzstreit weit hinaus. Denn die YPG ist ein enger Verbündeter der USA und ein Schlüssel im Kampf gegen den IS. Wenn Staatschef Erdogan sagt, dass nach Afrin die Region um Manbidsch weiter im Osten dran sei, kann dies auch den Dschihadisten helfen. Denn ein Angriff auf die YPG dort könnte eine Verschiebung von Kämpfern aus anderen Teilen des kurdischen Gebietes zur Folge haben. Zum Beispiel aus dem Euphrattal im Osten des Landes, wo die Truppen noch immer gegen die letzten Reste des IS kämpfen. Das dürfte vor allem den USA überhaupt nicht gefallen.

In der Region um Afrin waren zudem russische Militärbeobachter und Truppen vor Ort. Vor dem türkischen Einsatz wurden sie zwar in ein nahe gelegenes Gebiet verlegt, doch die Bodenoffensive löste auch in Moskau große Besorgnis aus. Das militärische Vorgehen könne den sehr fragilen Friedensprozess für Syrien deutlich gefährden, sagte der russische Außenpolitiker und Dumaabgeordnete Konstantin Kossatschow.

Zeitgleich zum Beginn der türkischen Offensive hieß es aus Moskau, man wolle trotz der veränderten Lage weiter an dem Termin für die Sotschi-Konferenz festhalten, auch wenn die türkischen Handlungen den Start deutlich komplizierter machten. Nach russischen Vorstellungen sollen in Sotschi bereits über eine Nachkriegsordnung verhandelt werden und Impulse für den UN-geführten Friedenprozess bringen.

Doch das Vorgehen Ankaras könnte nun das ohnehin angespannte Verhältnis zu Moskau weiter belasten. Denn Russland hofft auch auf eine Teilnahme der syrischen Kurden. Sogar eine Delegation der YPG sollte in Sotschi mit am Tisch sitzen – sehr zum Ärgern der Türkei.