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Bluttat in Pittsburgh
Trumps Rhetorik und das Synagogen-Massaker

Weiße Davidsterne erinnern vor der Synagoge Tree of Life in Pittsburgh an die elf Menschen, die hier vor einer Woche getötet wurden.
Weiße Davidsterne erinnern vor der Synagoge Tree of Life in Pittsburgh an die elf Menschen, die hier vor einer Woche getötet wurden. FOTO: AP / Matt Rourke
Pittsburgh. Die Menschen in Pittsburgh versuchen, die Bluttat zu verarbeiten. Doch was trieb den mutmaßlichen Mörder an? Einige glauben an eine Mitschuld des US-Präsidenten. Von Frank Herrmann

An der Synagoge Tree of Life, mitten im Stadtviertel Squirrel Hill, dem Zentrum jüdischen Lebens in Pittsburgh, liegen Blumensträuße. Viele Hundert Sträuße sind es, pro Minute kommen zwei, drei neue hinzu. Es ist der Abend nach Halloween, und wie an jedem Abend dieser Woche steht eine schweigende Traube von Menschen vor den elf weißen Davidsternen mit den Namen der elf Getöteten. Auf dem Bürgersteig gegenüber haben John Cihon, Aaron Jackendoff und Louis Snyder Zeltbahnen aufgespannt, zum Schutz gegen den Regen, bereit, jedem zuzuhören, der einfach nur reden will über das, was ihn bewegt. Abend für Abend kommen die drei an die Wilkins Avenue, setzen sich auf Klappstühle und stellen Cookies, Brot und Kichererbsenpaste auf einen Tisch, weil sie der Meinung sind, dass Essen zum Trauern dazugehört.


Für politische Debatten, sagt Snyder, ein Maler, sei es viel zu früh. Man habe doch gerade erst angefangen, das Geschehene zu verarbeiten. Er werde noch viele Abende hier verbringen, also bitte, man möge ihm jetzt nicht mit Donald Trump kommen. Natürlich müsse sie irgendwann beantwortet werde, die Frage, ob der US-Präsident ein Klima schuf, in dem sich der Täter ermuntert fühlte. „Aber nicht hier und nicht jetzt.“ Cihon, auch er ein Künstler, will überhaupt nichts davon wissen. In der Synagoge habe ein Durchgeknallter um sich geballert, „ich sehe nicht, was das mit Trump zu tun haben soll“.

Bevor er vergangenen Samstag nach Squirrel Hill fuhr, um auf betende Juden zu schießen, hatte Robert Bowers im Internet gegen ein jüdisches Flüchtlingshilfswerk gehetzt. Gegen HIAS, die Hebrew Immigrant Aid Society. Die bringe Eindringlinge ins Land, „die unsere Leute töten“, schrieb er, während Trump vor einer Migrantenkarawane aus Mittelamerika warnte und Laura Ingraham, Moderatorin bei Fox News, kommentierte, in Wahrheit handle es sich um eine Horde von Invasoren. Es gibt Menschen wie John Cihon, für die kann man einfach keinen Bogen schlagen von solchen Worten zur Tat eines Psychopathen. Es gibt aber auch Leute, die ohne jeden Zweifel einen Zusammenhang sehen. Leute wie Robert Reich, einst Arbeitsminister im Kabinett Bill Clintons, heute Politikprofessor im kalifornischen Berkeley. „Demagogen begehen selber nur höchst selten Gewalttaten“, sagt Reich. „Sie schüren den Hass, machen andere lächerlich, erklären andere für schuldig, doch die Gewalt überlassen sie Dritten.“ Auf diese Weise könnten sie hinterher immer erklären, sie seien es nicht gewesen.



Bowers, ein Lastwagenfahrer, ist offenbar ein unbelehrbarer Neonazi. In Trump sieht er, so hat er es in sozialen Medien verbreitet, eine Marionette der Juden, weshalb er ihn nicht gewählt habe. Bowers hasst Juden, und ein kurzer Auftritt am Donnerstag im Saal 8A des Joseph-Weis-Gerichtsgebäudes im Zentrum Pittsburghs macht deutlich, dass er keine Reue empfindet. „Ja“, antwortet er laut und trotzig, als ihn der Staatsanwalt fragt, ob er die Anklagepunkte verstehe. Dann plädiert er auf „nicht schuldig“.

Der Auslöser für den mutmaßlichen elffachen Mord war wohl eine sehr konkrete Wut, die Wut auf das HIAS-Netzwerk, das vor allem Flüchtlingen aus Nepal, Bhutan und dem Irak hilft. Der Täter, so der HIAS-Direktor Mark Hetfield, habe mehrere Kästchen zugleich angekreuzt, Hass auf Juden, Hass auf Flüchtlinge, Hass auf Migranten. Insofern, findet auch Hetfield, habe Trumps Rhetorik sehr wohl mit dem Massaker zu tun.

Das Jewish Community Center in Squirrel Hill wird jetzt von Polizisten bewacht, ob nur vorübergehend oder auf Dauer, weiß keiner. Uniformierte vor jüdischen Einrichtungen sind eher untypisch für die USA, man hielt sie für unnötig, und viele möchten, dass es so bleibt, schon, um keine Barrieren zu schaffen. „Kippt da gerade etwas?“, spitzt Ron Symons, der Rabbiner des Gemeindezentrums, die Frage zu, lehnt sich in seinem Stuhl zurück und sucht behutsam nach Worten. Schusswaffenangriffe auf Gotteshäuser, auf Kirchen, Moscheen, einen Sikh-Tempel, das habe es in Amerika schon gegeben, sagt er schließlich. Nun also eine Synagoge, im Grunde nichts Neues. Symons beschreibt die Lage mit einer Metapher. Die Kugeln hätten Löcher in die Wand eines Hauses gerissen, dem Fundament aber nichts anhaben können.

Und Trump? „Ich will meine Energie nicht verschwenden, indem ich über den Präsidenten rede“, wehrt er zunächst ab, um dann doch Klartext zu reden. Das Gift des politischen Diskurses müsse klar beim Namen genannt werden, mahnt er. Denn manche nähmen die gehässigen Worte als Freibrief, „um Außenstehenden alles anzutun, was sie ihnen gerade antun wollen“. Und wann immer eine Gruppe von Menschen ausgegrenzt werde, sei das für Juden nicht gut. Noch prägnanter hat es Jeffrey Herf zusammengefasst, Historiker an der University of Maryland. Wer Verschwörungstheorien verbreite, treibe Wasser auf die Mühlen des Antisemitismus. Schließlich sei die älteste aller Verschwörungstheorien jene über die Juden, die angeblich die Welt kontrollierten.

Rabbiner Ron Symons vom Jewish Community Center in Pittsburgh.
Rabbiner Ron Symons vom Jewish Community Center in Pittsburgh.