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Tod eines Journalisten
Im Hambacher Forst mischen sich Trauer, Wut und Widerstand

Aktivisten trauern an der Unfallstelle im Hambacher Forst. Hier stürzte am Mittwoch ein 27-jähriger Journalist in den Tod.
Aktivisten trauern an der Unfallstelle im Hambacher Forst. Hier stürzte am Mittwoch ein 27-jähriger Journalist in den Tod. FOTO: dpa / Oliver Berg
Kerpen. Der Tod eines 27-jährigen Journalisten ist eine Zäsur im Ringen um den Wald. Die Räumung der Baumhäuser wurde bis auf weiteres gestoppt. Von Jonas-Erik Schmidt

Der Hambacher Forst klingt an diesem Donnerstagmorgen anders als in den vergangenen Tagen. Keine schweren Laster mit Hebekränen bahnen sich ächzend ihren Weg, keine „Hambi ­bleibt!“-Rufe schallen aus den Untiefen des Waldes. Stattdessen hört man ganz leise ein Lied. „Bella ciao, bella ciao, bella ciao ciao ciao“ singt eine Gruppe junger Menschen. Sie sitzen vor einem improvisierten Schrein, auf dem sie Kerzen angezündet und Zweige abgelegt haben. Ein Mann fängt heftig an zu schluchzen. Ein anderer umarmt ihn.


Es ist die Stelle, an der am Tag zuvor ein Journalist aus rund 15 Metern auf den Waldboden stürzte und starb. Er war zu den Besetzern ge­klettert, die zum Teil seit Jahren hoch oben in Baumhütten leben. Sie wollen verhindern, dass der Forst gerodet wird, um dort Braunkohle zu baggern. Viele hier kannten den 27-Jährigen, weil er die Besetzung des Waldes mit Kameras dokumentierte. Die Besetzer bezeichnen den freien Journalisten als Freund.

Seit dem Sturz ist alles anders im Hambacher Forst. Die Räumung der Baumhäuser wurde von der Landesregierung bis auf weiteres gestoppt. Doch die Vorwürfe gehen weiter. NRW-Innenminister Herbert Reul (CDU) wirft einigen Waldbesetzern vor, die Unterbrechung der Räumungsarbeiten für den Bau neuer Baumhäuser zu nutzen. Er fordert die Aktivisten auf, die Häuser zu verlassen. Eine Sprecherin der Waldbesetzer lehnt das ab. Wenn die Räumungen fortgesetzt würden, werde man sie weiter behindern.



Doch noch hält die Polizei sich zurück. Die Aktivisten trauern. Es ist eine Zäsur im schier endlosen Ringen um den Wald, den der Energiekonzern RWE im Herbst zu einem großen Teil weiter abholzen will. Nach einer Räumaktion vor zwei Wochen riefen die Aktivisten den „Tag X“ aus. Für den nun eingetretenen Zustand gibt es keinen Namen.

„Wir fordern, dass jetzt erstmal ein Moment der Ruhe und des Friedens für den Wald und alle Menschen, die beteiligt sind und sich betroffen fühlen, einkehrt“, sagt eine junge Frau, die sich Lykke nennt. „Und dass der Irrsinn dieses Einsatzes nicht einfach so weitergeführt werden kann.“ Einen Toten habe es in sechs Jahren Besetzung noch nicht gegeben. Man dürfe das Unglück aber auch nicht politisch instrumentalisieren.

Das dürfte ein frommer Wunsch bleiben. Auch Lykke selbst verweist bei der Frage nach den Umständen für das Unglück schnell auf den Polizeieinsatz im Wald. Die Diskussion um den Forst wird emotional geführt, es geht um die großen Fragen: Klima, Kohle, Konzerne. Auch zwei junge Männer, die lange vor dem Schrein für den Toten gekniet haben, deuten an, wen sie für den Schuldigen halten: „Ohne RWE gäbe es hier keine Besetzung.“ Und damit, so sehen sie es, keinen Toten.

Die Aachener Polizei spricht dagegen von einem tragischen Unglück und betont, es habe zum Zeitpunkt des Sturzes keine Polizeimaßnahmen an dem Baumhaus gegeben, in dessen Nähe sich der 27-Jährige aufhielt. Er soll durch die Bretter einer Hängebrücke gebrochen sein. Die Waldbesetzer selbst sind in der Regel stets an Seilen gesichert. Was genau passierte, wird nun untersucht.

Im Wald wird der Twitteraccount des 27-Jährigen herumgezeigt. Auf einem Video sieht man ihn hoch oben in einem Baumhaus. Ein Besetzer – er nennt sich Jos und spricht Englisch – sagt, er werde den Journalisten immer mit Kamera in Erinnerung behalten. Stets habe er Equipment dabei gehabt. Damit habe er alles dokumentiert, durchaus im Sinne der Besetzer. Jos nennt das „sympathische Medien“ und sagt: „Er war immer an der Frontlinie.“

Weit über ihm quietschen die Baumhäuser. Ein anderer Besetzer ruft, Jos solle nicht mit der Presse reden, es gebe Anwälte. Jos erwidert brüllend: „Stille ist auch ein Statement!“ Die Gefühlslage im Hambacher Forst ist an diesem Tag diffus. Trauer, Wut, Widerstand – alles mischt sich. Dass die Rodung nun einfach abgesagt wird, daran glaubt aber kaum jemand.

Er und die anderen seien im Hambacher Forst, um Aufmerksamkeit für etwas zu erzeugen, das größer sei als sie selbst, sagt Jos – und auch größer als das, was am Mittwoch passiert sei. „Das ist, warum wir hier alle unser Leben riskieren.“