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Tote und Tränengaswolken

Caracas. Die Lage in Venezuela eskaliert. Im Land mit den größten Ölreserven der Welt bleiben die Regale leer. Die Opposition setzt weiter auf Massenproteste. Georg Ismar,Néstor Rojas

Carlos Moreno hatte gerade erst mit dem Studium der Wirtschaftswissenschaften begonnen. Nun ist er tot, gestorben bei der "Mutter aller Demonstrationen" durch einen Kopfschuss in seinem Kampf für ein besseres Venezuela. Er wurde noch per Motorrad zum Hospital de Clínicas in Caracas gebracht, aber Ärzte konnten den 17-Jährigen nicht mehr retten. Als Täter werden radikale Milizen der Sozialisten vermutet, die vermummt auf Motorrädern Demonstranten angreifen.



Die Zeichen stehen auf Sturm, das einst reichste Land Südamerikas, beliebt bei Touristen, steht nach 18 Jahren Sozialismus vor dem Ruin. Der sozialistische Präsident Nicolás Maduro rief seine Anhänger zur "Verteidigung des Vaterlandes" auf und bezichtigte die Opposition, zusammen mit den USA eine Verschwörung anzetteln zu wollen. Gerade in den Armenvierteln ist der Rückhalt für die Regierung weiterhin hoch.

Das Militär wurde in Alarmbereitschaft versetzt, 500 000 Milizen sollen mit Gewehren ausgerüstet werden. Zudem wurde der sogenannte Plan Zamora aktiviert, der den Sicherheitskräften Sondervollmachten bei der Bekämpfung "feindlicher Kräfte" verleiht. Seit Tagen gehen Hunderttausende Menschen auf die Straße, Auslöser der Proteste war die zwischenzeitliche Entmachtung des von der Opposition dominierten Parlaments - statt auf Dialog setzt die Regierung auf Konfrontation.

Seit 1999 wird das Land von den Sozialisten regiert und ist trotz der großen Ölvorkommen in seine schlimmste Versorgungskrise geschlittert. Die Inflation beträgt mehr als 700 Prozent und ist die höchste der Welt. Schlangen und leere Supermarktregale prägen überall das Bild.

Die Opposition fordert Neuwahlen und macht Präsident Maduro für die schwere politische und ökonomische Krise verantwortlich. Maduro bezeichnete die Demonstranten als "Terroristen" und sprach von einer "Konspiration". Er beschuldigt die Opposition, zusammen mit ausländischen Mächten eine Intervention zum Sturz der Regierung vorzubereiten. Seit Ausbruch der Proteste Anfang April starben neun Menschen, immer wieder liegen Tränengaswolken über Caracas. "Wenn heute Millionen auf die Straßen gegangen sind, müssen morgen noch mehr rausgehen", kündigte Oppositionsführer Henrique Capriles weitere Massenproteste an. Er hatte 2013 knapp gegen Maduro verloren und war zuletzt von der Regierung für 15 Jahre von einer Kandidatur bei Wahlen ausgeschlossen worden - der Gouverneur des Bundesstaats Miranda will das nicht akzeptieren. Gestern wurden kurzfristig 20 Metrostationen in Caracas geschlossen, um die Anreise zu Demonstrationen zu erschweren.



Laut einer Einschätzung des oppositionsnahen Instituts Meganalisis sollen zuletzt mehrere Millionen Menschen demonstriert haben. Amtliche Zahlen wurden hierzu nicht veröffentlicht. Zudem haben Zehntausende Menschen das fast bankrotte Land verlassen, sie flüchteten vor allem ins benachbarte Brasilien.