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Mord an Luxemburg und Liebknecht
Tödliche Schüsse auf die Köpfe der Roten

Berlin. Vor 100 Jahren werden die Kommunistenführer Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht in Berlin getötet. Ein politischer Doppelmord, der bis heute nachwirkt. Von Dirk Baas, epd

Das Letzte, was Rosa Luxemburg in ihrem Leben sieht, ist möglicherweise ein Gewehrkolben. Otto Wilhelm Runge, Soldat der Garde-Kavallerie-Schützen-Division, schlägt zweimal zu, trifft ihre Stirn. Die prominente Friedensaktivistin und Kommunistin sinkt vor der Glastür des Hotels Eden in Berlin – einem provisorischen Militärquartier – bewusstlos zu Boden. Es ist der 15. Januar 1919, 23.40 Uhr.


Luxemburg wird in den Fond eines bereitstehenden Autos geworfen. Der Wagen der Marke „Priamus“ jagt davon. Nur wenige Sekunden später springt Leutnant zur See Hermann W. Souchon auf das rechte Trittbrett des Autos, in Zivil. Dann fällt ein Pistolenschuss, abgegeben von Souchon. Eine perfide Inszenierung: Der Tathergang sollte so aussehen, als habe ein wütender Mob die Revolutionärin während der Fahrt ins Gefängnis Moabit getötet.

Luxemburg, geboren 1871 in Polen, war promovierte Juristin, trat 1898 in die SPD ein und agitierte wortgewaltig für Frauenrechte, gegen Militarismus und die alte Ordnung. Am 1. Januar 1919 hatte sie mit Karl Liebknecht – in den Revolutionswirren nach dem Ersten Weltkrieg – die Kommunistische Partei Deutschlands gegründet.



Mit ihrer Leiche halten sich die Mörder nicht lange auf. Oberleutnant Kurt Vogel ordnet an, die Tote in den Landwehrkanal zu werfen – erst am 31. Mai 1919 wird das Opfer gefunden.

Luxemburgs Mitstreiter Karl Liebknecht stirbt vor ihr. Er wird im Tiergarten von Leutnant Rudolf Liepmann erschossen – auf der Flucht, heißt die offizielle Verlautbarung. Das Mordkommando bringt die Leiche, die drei Schüsse in Kopf und Rücken aufweist, gegen 23.15 Uhr zur Rettungswache am Zoo. Liebknecht, geboren 1871 in Leipzig, war Sohn des SPD-Mitgründers Wilhelm Liebknecht, wurde 1911 SPD-Reichstagsabgeordneter. Als einziger aus der SPD hatte er 1914 gegen die Kriegskredite gestimmt.

Selten haben politische Morde die Massen so bewegt und die betroffenen Parteien unwiderruflich entfremdet. Denn es war ein Sozialdemokrat, der nach Meinung vieler die tödlichen Schüsse auf die Kommunistenführer Luxemburg und Liebknecht gebilligt hatte. Gustav Noske, „Volksbeauftragter für Heer und Marine“, hat die schändliche Tat nicht persönlich angeordnet. Doch in den Augen vieler Deutscher trugen er und mit ihm die damalige Parteiführung unter Reichskanzler Friedrich Ebert die politisch-moralische Verantwortung für den Doppelmord. „Ein Großteil der deutschen Arbeiter erkennt jetzt mit Schrecken, was es für Truppen sind, die Ebert und Noske zum Schutz der Republik einsetzen“, schreibt der Historiker und Journalist Wolfgang Niess. In der Folge bekämpften sich die verfeindeten Arbeiterparteien bis aufs Blut – ein Bruderstreit, der den Aufstieg der Nazis begünstigte und bis heute nachzuwirken scheint.

Einzig Vogel und Runge werden im Mai vor einem Kriegsgericht verurteilt, die Strafen sind milde. Noske bestätigt die Urteile, eine Untersuchungskommission wird abgelehnt.

Es sind überaus instabile innenpolitische Verhältnisse im soeben untergegangenen Kaiserreich. Die SPD ist in der Novemberrevolution unvermittelt an die Macht gekommen, Ebert ist der bemüht staatstragende Regierungschef in Zeiten des Chaos, der um jeden Preis einen revolutionären Umsturz verhindern will. Gewalt beherrscht die Straßen: Am 5. Januar entfesseln linke Kräfte und SPD-Abweichler einen bewaffneten Putsch und besetzen das Berliner Zeitungsviertel: Der Januaraufstand („Spartakusaufstand“) beginnt. Ziel: die Wahlen zur Nationalversammlung zu verhindern und eine Räterepublik nach sowjetischem Vorbild zu errichten. Noske, der sich selbst als „Bluthund“ der Partei bezeichnet, setzt mit Billigung Eberts auf Waffengewalt, lässt rechte Freikorps aufmarschieren. Truppen stürmen die Barrikaden. Sie erobern besetzte Häuser, der Putsch wird blutig niedergeschlagen: Mindestens 165 Tote werden gezählt.

Die Wortführer der Aufständischen sind Freiwild auf den Straßen. „Tötet Liebknecht!“, ist tausendfach auf Plakaten zu lesen. Er und Luxemburg sind abgetaucht, werden in der Hauptstadt steckbrieflich gesucht. Rechtsradikale Freikorps und Bürgerwehren fahnden fieberhaft nach den beiden KPD-Führern – und finden sie am 15. Januar in der Wohnung einer mit ihnen befreundeten Familie in Wilmersdorf. Luxemburg, eine selbstsichere, redegewandte und unbeugsame Frau, ist da wegen ihren scharfsinnigen Analysen des deutsch-preußischen Militarismus längst erklärtes Hassobjekt, auch in den Reihen der Mehrheitssozialdemokratie.

Die Verantwortung für die Ermordung der KPD-Führer ist umstritten. Buchautor und Regisseur Klaus Gietinger schildert die Vorgänge vor 100 Jahren so: Hauptmann Waldemar Papst von der Garde-Kavallerie-Schützen-Division bat Noske telefonisch um Erlaubnis, die KPD-Führer zu töten. Nach einigem Hin und Her soll Noske geantwortet haben, dann müsse Pabst „selbst verantworten, was zu tun“ sei. Andere Historiker zweifeln an einer direkten Mitverantwortung Noskes. Pabst selbst erklärte 1962 in einem „Spiegel“-Interview: „Ich ließ Rosa Luxemburg richten.“ Dennoch blieb der Waffenhändler bis zu seinem Tod im Mai 1970 unbehelligt.

100 Jahre nach den tödlichen Schüssen und den Revolutionswirren in der Hauptstadt wird es in Berlin und bundesweit viele Gedenk-Veranstaltungen geben. Am Grab der beiden linken Ikonen auf dem Berliner Zentralfriedhof Friedrichsfelde wird schon diesen Sonntag gedacht. Ihre politischen Erben, die Partei „Die Linke“, laden wie jedes Jahr zum Gedenken ein.