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Tag des Tierwohls
Die Deutschen haben ein zwiespältiges Verhältnis zum Tier

Berlin. Von Christoph Driessen

(dpa) Tierschutz kann in Deutschland extreme Formen annehmen. In Hannover gab es im Frühjahr eine Mahnwache für den Kampfhund Chico, der seine Besitzerin und deren Sohn totgebissen hatte. Danach war er eingeschläfert worden. Bei der Mahnwache legten etwa 80 Menschen Blumen, Kerzen und Stoffhunde nieder. „Chico ist ermordet worden“, stand auf einem Plakat. Gegen beteiligte Tierärzte gingen Morddrohungen ein.


Für die Soziologin Julia Gutjahr von der Uni Hamburg sind die Vorkommnisse mit einer neuen Sensibilität für das Schicksal von Tieren zu erklären. Fast jeder sieht sich heute als Tierfreund. „Gleichzeitig bleibt Empathie mit Tieren jedoch hochgradig selektiv und ambivalent.“

Zum heutigen Welttierschutztag lässt sich feststellen: Die Rechte der Tiere finden mehr Beachtung – aber sie selbst profitieren nur begrenzt davon. Bestimmte Tiere können dem Menschen gar nicht nah genug sein. Vorgewärmte Ruhekissen oder Maniküre-Sets für gepflegte Pfoten – nichts ist zu ausgefallen und zu teuer, wenn es um das Wohlergehen von Hund und Katze geht. Gleichzeitig ist ein Kilo Fleisch oft für weniger Geld zu haben als ein Kilo Erdbeeren.



Der Widerspruch erklärt sich dadurch, dass Haus- und Nutztiere in völlig unterschiedliche Kategorien eingeordnet werden. „In unserer Gesellschaft sind Tiere in „essbar“ und „nicht-essbar“ unterteilt“, sagt die Psychologin Tamara Pfeiler von der Uni Mainz. Die Unterscheidung in Haus- und Nutztier entstand im Zuge der Industrialisierung, als Menschen in großer Zahl in die Städte zogen und fortan nur noch mit wenigen Tierarten unter einem Dach lebten.

Schlachttiere treten seitdem im Leben der meisten Deutschen nicht lebend in Erscheinung. Die persönliche Konfrontation mit dem Braten ist selten erwünscht. Vergangenes Jahr bot ein Bauer in der Vorweihnachtszeit in der Kölner Fußgängerzone lebende Gänse als Festtagsschmaus an. Interessierte Kunden konnten sich ein Tier aussuchen, das dann vom Bauern betäubt, geköpft und gerupft wurde. Viele Passanten zeigten sich schockiert, manche brachen in Tränen aus. Dabei stand zweifelsfrei fest, dass die Freilaufgänse vom Bauernhof bis dahin ein glückliches Leben geführt hatten. Neun der zehn Tiere wurden am Ende freigekauft. Das Experiment der WDR-Sendung „Planet Wissen“ offenbarte erneut das gespaltene Verhältnis zum Tier.

Derselbe Tierfreund, der ein Insekt aus dem Haus trägt und vorsichtig im Garten aussetzt, kann gleichzeitig sein Schnitzel vom Discounter beziehen. Aus Fernsehdokumentationen hat man zwar eine vage Vorstellung davon, unter welch elenden Umständen die meisten Nutztiere gehalten werden, „doch der direkte Link zum eigenen Verhalten fehlt“, erklärt die Tierethik-Philosophin Friederike Schmitz. „Wenn ich einen Hund einsperre, jault der. Bei Haustieren sehe ich in vielen Fällen sofort die Auswirkungen meines Handelns. Aber wenn ich Fleisch kaufe, sehe ich nicht den direkten Effekt für das jeweilige Tier.“

Dennoch gelte, dass der Tierschutz an Bedeutung gewinne, betont der Hamburger Soziologe Marcel Sebastian. „Es gibt das Bedürfnis, die Beziehung zu Tieren, auch zu Nutztieren, neu auszuhandeln. Meine Prognose ist, dass wir da vor einem grundlegenden Wandel stehen.“