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Trump und der gefallene Soldat

Washington. Trump tritt häufig ins Fettnäpfchen – aber dieses ist vielleicht das bisher größte. Mit Angriffen gegen die Eltern eines gefallenen muslimischen US-Soldaten eskaliert er einen Streit, den er nicht gewinnen kann. dpa-Mitarbeiterin Gabriele Chwallek

Donald Trump holzt gern - das ist nicht neu. Er hat im Wahlkampf Muslime beleidigt, einen hoch dekorierten ehemaligen Vietnamkriegsgefangenen, diverse Frauen, mexikanische Immigranten, einen Latino-Richter und einen behinderten Journalisten. Die meisten seiner Anhänger, so scheint es jedenfalls, haben sich bislang wenig daran gestört. Aber das war, bevor Khizr und Ghazala Khan auf den Plan traten. Mit seiner bestenfalls völlig unsensiblen Reaktion auf die Kritik der Eltern eines gefallenen muslimischen US-Soldaten auf dem Parteitag der Demokraten hat Trump den größten öffentlichen Feuersturm seines bisherigen Wahlkampfes ausgelöst.


Was genau ist passiert? Khizr Khan hatte vergangene Woche mit seiner Frau an der Seite auf der Bühne in Philadelphia Trump angeklagt. Der republikanische Spitzenkandidat habe "bisher nichts und niemanden geopfert". Zudem solle Trump nur mal nach Arlington gehen, sich auf dem Friedhof die Gräber von US-Soldaten anschauen - Soldaten aller Ethnien und Glaubensrichtungen.

Es war in der Tat ein massiver Angriff, und Trump gilt ohnehin als dünnhäutig. So holte er, anstatt klug zu schweigen, zum Gegenangriff aus. Trump unterstellte nicht nur, dass seine Rivalin Hillary Clinton hinter der Parteitagsrede stecken könnte. Er mokierte sich mit Rückgriff auf ethnische Stereotypen darüber, dass Khans Frau beim Auftritt geschwiegen hatte - wie sie später erklärte, weil sie vor Trauer und Emotionen nicht habe sprechen können. Und auch er habe eine Menge Opfer gebracht, sagte der Immobilienmogul und führte hier seine beruflichen Errungenschaften an. Die Erniedrigung gebrochener Eltern , einer Mutter, die ihr Kind verloren hat - so etwas ist eine Kardinalsünde, und da gab es auch aus republikanischen Kreisen harsche Kritik.



Senator Lindsey Graham brachte es auf den Punkt. "Es gab einmal einige Dinge, die in der amerikanischen Politik geheiligt waren", zitierte ihn die "New York Times". Dinge, die sich nicht gehörten, "wie die Eltern eines gefallenen Soldaten zu kritisieren, selbst wenn sie dich kritisieren. Wenn du Führer der freien Welt sein willst, musst du in der Lage sein, Kritik einzustecken. Und Herr Trump kann das nicht."

Trump twitterte sich im Anschluß noch tiefer in den Schlammassel - "als würde er irgendwie überhaupt nicht begreifen, was er da anrichtet", sagte ein CNN-Kommentator fassungslos. So nannte Trump zwar schließlich den Sohn der Khans einen Helden - aber um gleich einzuschränken, dass der Vater ihn auf dem Parteitag in Philadelphia "bösartig angegriffen habe. Ist es mir nicht erlaubt zu antworten?" Da konnte denn auch der mächtige Vorsitzende des Abgeordnetenhauses, Paul Ryan , nicht mehr länger schweigen. Das Opfer, das Khans Sohn und die Eltern gebracht hätten, verdiene höchsten Respekt, "Punkt", sagte der Republikaner.

Meinung:

Grenzenlos schamlos

Von SZ-Mitarbeiter Friedemann Diederichs

Donald Trump führt den unverschämtesten US-Wahlkampf aller Zeiten. Nie zuvor hat ein Kandidat in kürzester Zeit Frauen, Immigranten, Behinderte und nun die Eltern eines gefallenen US-Soldaten beleidigt. Ist das eiskaltes Kalkül - oder nur die Unfähigkeit zu menschlichen Empfindungen und moralischen Maßstäben? Fast scheint es, als wolle der frühere Clinton-Freund gar nicht die Wahl gewinnen, sondern suche verzweifelt Wege, sie zu verlieren. Was steckt hinter dieser Chaos-Taktik? Nur die bedauernswerte Persönlichkeit eines Milliardärs, der behauptet, durch sein Leben im Goldenen Käfig "Opfer gebracht" zu haben? Oder ist seine Kandidatur ein Projekt - um zu zeigen, wie leicht sich Amerikaner manipulieren lassen? Dem schamlosen Trump muss man alles zutrauen.