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Trump irritiert mit Gewalt-Aussage

Wilmington. Schon häufiger hat Donald Trump für Entsetzen gesorgt – aber noch nicht so. Eine mehrdeutige Äußerung interpretieren viele als Gewaltaufruf gegen Hillary Clinton. Trump beteuert, er habe es nicht so gemeint. Agentur

Donald Trump hat mit einer mehrdeutigen Äußerung erneut einen Aufschrei in den USA ausgelöst. Clinton wolle den zweiten Verfassungszusatz abschaffen, in dem das Recht auf Waffenbesitz verankert ist, sagte Trump in Wilmington . Als Präsidentin wäre sie bei der Abschaffung nicht aufzuhalten, da sie entsprechende Richter für den Obersten Gerichtshof nominieren könne. "Da kann man nichts machen, Leute. Obwohl - (es gibt da) die Leute des Zweiten Verfassungszusatzes, vielleicht gibt es doch etwas (das man tun kann). Ich weiß es nicht."



Die Äußerung am Dienstag (Ortszeit) wurde beim politischen Gegner, in der eigenen Partei und in Medien auch als Aufruf interpretiert, Gewalt gegen Hillary Clinton anzuwenden. Paul Ryan , als Vorsitzender des Abgeordnetenhauses derzeit ranghöchster Politiker der Republikaner, sprach von einem "schiefgegangenen Witz". Trump müsse das aus der Welt schaffen. Auf Fox News erklärte der Präsidentschaftskandidat, er habe die Bewegung einen wollen, die den zweiten Verfassungszusatz verteidige. "Was ich meinte, war: Die Verteidiger des zweiten Verfassungszusatzes müssen sich zusammentun und wählen gehen", twitterte er.

Das Lager von Trumps Gegenkandidatin Hillary Clinton reagierte wutentbrannt. "Dies ist eine einfache Sache - was Trump sagt, ist gefährlich", sagte der Wahlkampfmanager der Demokraten-Kandidatin, Robby Mook, in einer Mitteilung. "Eine Person, die das Amt des Präsidenten der Vereinigten Staaten anstrebt, sollte in keiner Form zu Gewalt anregen."

In Sozialen Netzwerken entwickelte sich ein Sturm der Entrüstung. Bernice King, die jüngste Tochter des 1968 ermordeten Bürgerrechtlers Martin Luther King, nannte Trumps Äußerungen "verstörend und gefährlich". Der frühere Republikaner-Politiker und heutige Fernsehmoderator Joe Scarborough forderte die Republikaner in einem Gastbeitrag für die "Washington Post" auf, Trump als Kandidaten fallen zu lassen. "Eine blutige rote Linie ist überschritten." Die 2011 durch einen Kopfschuss schwer verletzte Kongressabgeordnete der Demokraten, Garbrielle Giffords, twitterte, Trump erstaune die Amerikaner zwar ständig, man müsse aber eine Grenze zwischen politischer Rede und Anregung zu Gewalt ziehen. Wenn Kandidaten Gewalt bejahten, "sollten wir befürchten, dass Gewalt folgt".

Bereits in den vergangenen Wochen hatte sich innerhalb der Republikanischen Partei Widerstand gegen Trump formiert. Erst am Montag hatten ihn 50 Außen- und Sicherheitsexperten in einem offenen Brief scharf kritisiert. Mehrere Senatoren und auch frühere Parteifunktionäre verweigern ihm schon länger die Gefolgschaft.



Meinung:

Amerika muss aufwachen

Von SZ-Korrespondent Frank Herrmann

Das Muster ist immer gleich. Der Brandstifter legt eine Zündschnur, dann sagt er, dass von einer Zündschnur keine Rede sein könne. Donald Trump provoziert, er produziert Schlagzeilen, er rückt in den Mittelpunkt, während er seine Kontrahenten an den Rand der medialen Aufmerksamkeit drängt. Irgendwann behauptet er, dass ihm die Journalisten das Wort im Munde umgedreht haben. Und dann läutet er zur nächsten Runde verbaler Provokationen. Die Masche hat lange erstaunlich gut funktioniert.

Bisher ist sein Konzept aufgegangen, und ihm bereits jetzt eine krachende Niederlage im Wahlduell mit Hillary Clinton zu prophezeien, wäre sowohl töricht als auch verfrüht. Nur hat Donald Trump mit seinem chiffrierten Aufruf zur Gewalt gegen die politische Rivalin den Rubikon endgültig überschritten. Es ist ein Regelverstoß, der Amerika zum Innehalten bringen sollte, bevor der Brandredner die nächste Runde einläuten kann.