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Streit um Zukunft der Rente

Berlin. Wie gut soll es den Rentnern von morgen gehen? Gewerkschaften und Arbeitgeber erheben deutliche Forderungen an die Politik – allerdings mit völlig unterschiedlicher Stoßrichtung. Agentur

Mit gegensätzlichen Forderungen zum künftigen Rentenniveau heizen Spitzenvertreter von Gewerkschaften und Arbeitgebern die Rentendebatte an. Verdi-Chef Frank Bsirske pochte eindringlich auf ein höheres Absicherungsniveau der Rente. Der einflussreiche Arbeitgeberverband Gesamtmetall warnte dagegen gestern vor einer teuren Rentenreform. "Es kann nicht sein, dass man nach jahrzehntelanger Arbeit mit der Rente nicht anständig über die Runden kommt", sagte Bsirske. "Der zentrale Stellhebel ist das gesetzliche Rentenniveau. Es muss stabilisiert und dann angehoben werden." Natürlich werde auch das Beitragsniveau angehoben werden müssen. "Die Arbeitgeberverbände und die Versicherungswirtschaft werden dabei aus allen Rohren dagegen schießen", sagte Bsirske. "Sie profitieren von der aktuellen Lage am meisten."


Nach der Sommerpause wollen die Gewerkschaften mit Kampagnen Druck für ein höheres Rentenniveau machen. Der DGB will vor dem Bundestagswahlkampf für einen Kurswechsel mobilisieren. Die IG Metall hat bereits im Juli ein entsprechendes Konzept vorgelegt.

Gesamtmetall-Hauptgeschäftsführer Oliver Zander sagte: "Forderungen der Gewerkschaften nach einem höheren Rentenniveau können eine brandgefährliche Dynamik erzeugen."



Das Rentenniveau bis 2030 bei über 47 Prozent stabil zu halten oder es sogar auf 50 oder 53 Prozent anzuheben, "würde etliche Milliarden kosten", sagte Zander. "Die Volksparteien werden den Vertrauensverlust nicht durch Rentengeschenke zur Bundestagswahl 2017 ausgleichen können, wenn damit zugleich Staatsfinanzen und Sozialkassen endgültig ruiniert werden." Zurzeit liegt das Rentenniveau - das Verhältnis der Rente nach 45 Jahren Arbeit zum Durchschnittseinkommen - bei 47,7 Prozent. Bis 2030 soll es laut Prognosen auf etwas über 44 Prozent sinken.

Meinung:

Mehr Mut zur Wahrheit

Von SZ-Korrespondent Stefan Vetter

Mit ihrer Ankündigung, auch noch einmal ganz fundamental über das geltende Rentensystem nachzudenken, hat die Bundesregierung große Erwartungen geweckt. Dazu ein paar einfache Wahrheiten: Wer glaubt, allen Menschen eine auskömmliche gesetzliche Rente versprechen zu können, der ignoriert, dass sich das zahlenmäßige Verhältnis zwischen Beschäftigten und Rentnern zunehmend ungünstiger entwickelt. Vor diesem Hintergrund gibt es nur drei Möglichkeiten: ein sinkendes Rentenniveau wie nach geltendem Recht, ein noch höheres Renteneintrittsalter oder steigende Beiträge. Alle drei Varianten sind unpopulär. Wenn die Gewerkschaften also demnächst eine schöne neue Rentenwelt kreieren, dann sollten sie auch klar sagen, welche Belastungen dafür auf die Arbeitnehmer zukämen. Schließlich handelt es sich um ihre ureigene Klientel.