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Kieler Minister will Grünen-Spitzenkandidat werden

 Robert Habeck hat mit sich und den Grünen viel vor. Foto: dpa
Robert Habeck hat mit sich und den Grünen viel vor. Foto: dpa FOTO: dpa
Kiel. Visionär und Pragmatiker – so sieht sich Robert Habeck. Der Kieler Umweltminister will Spitzenkandidat der Grünen zur Bundestagswahl werden und seine Partei auf eine andere Anspruchsebene hieven. Er sieht sich dafür gerüstet. Agentur

Robert Habeck dreht an einem großen Rad. Der Kieler Umweltminister will nicht nur den Parteivorsitzenden Cem Özedmir und Fraktionschef Anton Hofreiter im Wettstreit um die Spitzenkandidatur der Grünen zur Bundestagswahl bezwingen. Der 47-Jährige möchte auch die Partei so aufstellen, dass sie für breitere Kreise wählbar wird. "Gesellschaftspartei" soll sie werden, "Orientierungspartei". Die Urwahl, die die Grünen an diesem Samstag auf den Weg bringen, wird aus Habecks Sicht darüber entscheiden, wie die Partei in Zukunft sein soll. "Mein Angebot besteht darin, dass wir Gesellschaftspartei werden und unseren Anspruch thematisch, aber auch milieumäßig erweitern", sagt der Politiker, Philosoph und Schriftsteller.


Die Grünen dürften sich nicht nur für einige Dinge zuständig fühlen: "Es ist Zeit, für die Gesellschaft und den Zusammenhalt Verantwortung zu übernehmen", sagt der Mann, der seit 2012 Vize-Regierungschef in Kiel ist. In Ländern und Kommunen praktizierten die Grünen das schon; nun gehe es darum, diese Haltung auch auf Bundesebene durchzusetzen.

"Unsere Themen - Entkoppelung von Wohlstand und Ressourcenverbrauch, Internationalität statt Rückzug ins Nationale, Integration statt Abschottung - sind die großen Themen unserer Zeit", sagt Habeck. "Ich will, dass wir Grünen damit nicht nur uns selbst ansprechen, sondern breite Mehrheiten suchen." Das schließe Kompromisse ein. "Vision und Pragmatismus - das ist mein Angebot für eine neue Rolle der Grünen." Er traue sich das zu. "Meine politische und persönliche Biografie gibt das her; ob ich am Ende der Richtige bin, entscheiden die anderen."



"Wer wagt, beginnt", heißt Habecks Buch, das heute erscheint. Man kann es als Bewerbungsschreiben für seine Kandidatur lesen. Den unkonventionellen Politiker sehen viele als Außenseiter und auch er sich in der Herausforderer-Rolle. Auf 288 Seiten präsentiert sich Habeck als Idealist und lösungsorientierter Pragmatiker. Sein Idealismus habe im Amt noch zugenommen, sagt er.

Habeck hat sich in vier Jahren im Ministeramt gestählt: Konflikte mit Bauern, Fischern, Naturschützern und Jägern mündeten wiederholt in Kompromisse. Die Gegenseite respektiert sein Zuhören und Einarbeiten in Themen. Kritiker sagen auch, letztlich mache er doch, was er wolle.

Sein Chef in Kiel ist voller Lob: "Robert Habeck ist ein sehr kluger Kopf, durchsetzungsstark und mit großem politischem Gespür", sagt Ministerpräsident Torsten Albig (SPD ). Grundsätzlich und persönlich beschreibt Habeck im Buch seine Sicht auf Politik: Alternativlosigkeit sei die Bankrotterklärung des Politischen - das ist für den Freund des Meinungsstreits wohl ein Kernsatz. Habeck warnt seine Partei vor Realitätsferne. Um handeln zu können, brauche man Mehrheiten.