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Flughafen-Attacke schreckt Frankreich auf

Orly. Fünf Wochen vor der Präsidentenwahl zeigen die tödlichen Schüsse am Flughafen Paris Orly, dass der Terror das Land nicht loslässt. Fabian Erik Schlüter

Im Süd-Terminal des Pariser Flughafens Orly spielen sich dramatische Szenen ab. Ein Mann stürzt sich von hinten auf eine patrouillierende Soldatin, bedroht sie mit einem Revolver, versucht ihr Sturmgewehr an sich zu reißen. Er wolle im Namen "Allahs" sterben, schreit der Angreifer. Und es werde Tote geben. Dann wird er von Soldaten erschossen. Die Ermittler gehen von einem terroristischen Angriff aus - fünf Wochen vor der Präsidentschaftswahl wird einmal mehr die ständige Anschlagsgefahr in Frankreich deutlich.

Was genau ist passiert? Es ist Samstagmorgen 8.22 Uhr, als am Flughafen Orly der 39-jährige Ziyed Ben Belgacem zuschlägt, ein mehrfach vorbestrafter Franzose mit tunesischen Wurzeln, der vor Jahren Zeichen einer Radikalisierung zeigte. Von hinten packt er eine Soldatin einer Dreier-Patrouille, hält ihr einen Schrotrevolver an die Schläfe, bedroht sie und die beiden anderen Soldaten. "Legt eure Waffen nieder! Hände auf den Kopf! Ich bin hier, um für Allah zu sterben. Es wird sowieso Tote geben", schreit er, wie der Pariser Anti-Terror-Staatsanwalt François Molins die Aussagen der Soldaten wiedergibt. Die Militärs können zunächst nicht schießen, weil der Angreifer die Soldatin als menschlichen Schutzschild benutzt. Nach einem heftigen Kampf reißt Belgacem das Sturmgewehr der Soldatin an sich. In diesem Moment haben die Soldaten freie Schussbahn und eröffnen das Feuer. Der dritte Schuss ist tödlich. Der Angriff hat rund zwei Minuten gedauert. Schon eineinhalb Stunden vorher hatte der 39-Jährige begonnen, was Molins später als "gewalttätigen und zerstörerischen Lauf" bezeichnen wird. Im nördlichen Pariser Vorort Garges-lès-Gonesse feuert er bei einer Fahrzeugkontrolle mit seinem Schrotrevolver auf einen Polizisten, verletzt ihn leicht am Kopf, flieht. Südlich von Paris schießt er dann in einer Bar um sich, ohne jemanden zu verletzen, raubt ein Auto und fährt zu Frankreichs zweitgrößtem Flughafen.

Der Mann ist der Polizei und den Geheimdiensten kein Unbekannter: Er ist wegen Straftaten wie bewaffnetem Raubüberfall und Drogenhandel wiederholt zu Gefängnisstrafen verurteilt worden. Bei einem Gefängnisaufenthalt zwischen 2011 und 2012 fällt er wegen einer Radikalisierung auf. Als nach den Pariser Anschlägen vom 13. November 2015 im Rahmen des Ausnahmezustands seine Wohnung durchsucht wird, finden die Ermittler aber keine Hinweise auf radikale Umtriebe. In einer Gefährder-Datei wird er nicht geführt - anders als viele der Attentäter der vergangenen Jahre in Frankreich. Hatte er sich unbemerkt von den Geheimdiensten radikalisiert und einen Anschlag geplant? Oder handelt es sich eher um eine Kurzschlusshandlung nach der aus dem Ruder gelaufenen Polizeikontrolle, womöglich unter dem Einfluss von Drogen und Alkohol? In seiner Wohnung finden die Ermittler kleine Mengen Kokain und eine Machete. Nach der Attacke auf den Polizisten soll er Verwandten am Telefon gesagt haben, er habe "Mist gebaut". "Mein Sohn war nie ein Terrorist", beteuert sein Vater in einem Radiointerview. "Er hat nie gebetet, und er trinkt. Jetzt sieht man, was passiert, wenn jemand unter dem Einfluss von Alkohol und Cannabis steht." Staatsanwalt Molins spricht von "einer Art Flucht nach vorne mit einer Beschleunigung in einem zunehmend zerstörerischen Prozess". Am Flughafen sei der Angreifer "entschlossen" gewesen, "bis zum Ende zu gehen" und Menschen zu töten. Die Polizei nimmt den Vater des Angreifers sowie zwei Cousins zur Befragung in Gewahrsam, wie es in solchen Fällen üblich ist. Der Vater wird gestern - am Tag nach dem Angriff - entlassen.

Fünf Wochen vor der Präsidentschaftswahl sind Behörden und Politik aufgeschreckt. In dem Land, in dem seit Anfang 2015 bei islamistischen Anschlägen 238 Menschen getötet wurden, ist die ständige Terrorgefahr wieder präsent. Die rechtspopulistische Präsidentschaftskandidatin Marine Le Pen wirft der sozialistischen Regierung vor, "überfordert" und "gelähmt" zu sein. Nach der Attacke von Orly gibt es viele Fragezeichen, aber eines steht fest: Sicherheit und Anti-Terror-Kampf werden zentrale Themen im Präsidentschaftswahlkampf.