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Syriens verlorene Kinder

Berlin/Damaskus. Wer auf Syrien schaut, sieht zuerst nur Tod und Verderben. Hanaa Singer versucht als Leiterin des syrischen Unicef-Büros, trotz aller Widrigkeiten das Leid der Kinder zu lindern. Von Staatschef Assad hat Unicef nichts zu erwarten. Er klammert sich mit allen Mitteln an die Macht. Anne-Beatrice Clasmann,Jan Kuhlmann (dpa)

Es gibt Tage, da schlagen Leid und Elend wie eine Welle über Hanaa Singer zusammen. Wenn das passiert, besucht die Leiterin der Operation des UN-Kinderhilfswerks Unicef in Damaskus am liebsten eine Schule. "Ich sehe mir diese Kinder an, die alle schon fürchterliche Gewalt erlebt haben. Ich sehe, wie sie trotzdem unbedingt lernen wollen, das gibt mir Kraft für meine Arbeit", sagt Singer. Vier Jahre nach Beginn des Aufstandes gegen Präsident Baschar al-Assad ist ein Viertel aller syrischen Schulen zerstört. Eine Generation von teilweise schwer traumatisierten Kindern wächst heran. "Wenn wir diese jungen Menschen jetzt nicht retten, dann können sie von verschiedenen Gruppen manipuliert und benutzt werden", warnt Singer. Sie ist diese Woche in Berlin, um auf die großen Finanzierungslücken von Unicef in Syrien hinzuweisen.

Zu Singers Aufgaben gehört es auch, schwere Verletzungen von Kinderrechten zu dokumentieren. Anfang dieser Woche traf sie dazu die Mutter eines Mädchens, das beim Spielen im Umland von Damaskus von einer Mörsergranate getroffen worden war. "Der Kopf des Mädchens war abgetrennt worden, die Mutter redete mit mir, sie hatte keine Tränen mehr, sie war wie viele Menschen in Syrien, sie hatte einfach schon zu viel Schreckliches erlebt." Bislang hat Unicef drei Tätergruppen identifiziert, denen schwere Verletzungen von Kinderrechten zur Last gelegt werden: die syrische Armee, die islamistische Al-Nusra und die Terrormiliz Islamischer Staat (IS).

Als vor vier Jahren Hunderte Menschen zu Protesten auf die Straßen der Hauptstadt Damaskus zogen, demonstrierten sie für hehre Ziele. In Sprechchören riefen sie immer wieder "Freiheit, Freiheit", sie wollten mehr Demokratie in einem diktatorischen System, das für die allgegenwärtige Kontrolle seiner Geheimdienste berüchtigt war. Von Freiheit und Demokratie ist in Syrien vier Jahre später kaum noch die Rede. Stattdessen herrschen Gewalt und Schrecken über das Land. Täglich steigt die Zahl der Opfer. Mindestens 220 000 Menschen sind nach Schätzungen der Vereinten Nationen seit März 2011 ums Leben gekommen. Die tatsächliche Zahl der Toten dürfte noch höher liegen. Millionen Syrer mussten fliehen.

Doch weder radikale noch gemäßigte Rebellen konnten das Regime stürzen. Obwohl das Ende von Präsident Assad mehrfach gekommen zu sein schien, hält sich der 49-Jährige weiter an der Macht. Seine Anhänger kontrollieren rund 40 Prozent der Fläche des Landes, darunter fast alle großen Städte und wichtigen Versorgungsrouten. Zudem kann sich Assad auf Russland und den Iran stützen.

Die mächtigen Verbündeten halten dem Regime der Alawiten, einer Seitenlinie des schiitischen Islams, die Treue. Assad selbst scheint sich seiner Sache sicher zu sein. Rebellen jeder Art sind für ihn "Terroristen", die aus dem Ausland unterstützt werden - von Selbstzweifeln keine Spur. Auftrieb gaben Assad auch die US-Luftangriffe gegen den IS in Syrien, die dem Regime helfen.

Und doch: Die völlige Kontrolle über das Land hat der Machthaber verloren, selbst in den Gebieten, in denen seine Anhänger das Sagen haben. Längst ist seine Regierung ein Regime von Teherans Gnaden. Der schiitische Iran unterstützt Assad nicht nur mit Geld, sondern auch mit Waffen und Soldaten. Er will so seine Achse mit der Schiiten-Miliz Hisbollah im Libanon und Syrien sichern, die Teheran starken Einfluss auf die Region garantiert.

Kämpfer der iranischen Revolutionsgarden sind genauso im Einsatz wie Anhänger der Hisbollah . In vielen Gebieten "schmeißen die Milizen den Laden", sagt Phillip Smyth vom Washington Institute for Near East Policy. Die Hisbollah nehme keine Befehle von der syrischen Armee entgegen. "Warum sollte sie das tun?" Assad-Gegner sprechen sogar davon, längst sei der Iran in Syrien eine Besatzungsmacht.

Trotz der Hilfe aus dem Ausland ist Assad zu schwach, um die Rebellen zu besiegen. Vor allem die IS-Extremisten sind mächtig. Aber auch die Regimegegner dürften Assad in absehbarer Zeit kaum stürzen. Erst wenn Teheran seinen Daumen über dem Machthaber senken würde, könnte dessen letzte Stunde gekommen sein.



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HintergrundDer blutige Konflikt in Syrien wird für immer mehr Kinder zum Überlebenskampf. Vier Jahre nach Beginn des Aufstandes in dem arabischen Land seien bereits rund 14 Millionen Kinder und Jugendliche direkt oder indirekt von dem Konflikt betroffen, der sich inzwischen auf den Irak ausgedehnt hat und zu einer Belastung für mehrere Nachbarstaaten geworden ist. "Sie leiden unter Gewalt, Flucht, Ausbeutung und Armut", erklärte das UN-Kinderhilfswerk (Unicef) gestern. Die Leiterin von Unicef in Syrien, Hanaa Singer, sagte, die Resonanz auf den jüngsten Hilfsappell für Syrien sei bislang gering: "Wir schätzen, dass wir in diesem Jahr 280 Millionen Euro für unsere Operationen in Syrien brauchen werden, davon sind bisher erst drei Prozent eingegangen." dpa