| 20:52 Uhr

Interview mit Dr. Monika Vogelgesang
„Sucht ist ein Martyrium für die Angehörigen“

Dr. Monika 
Vogelgesang, Chefin der 
Median-Klinik Münchwies
Dr. Monika Vogelgesang, Chefin der Median-Klinik Münchwies FOTO: Vogelgesang
Neunkirchen . Die Chefärztin der Münchwies-Klinik in Neunkirchen erklärt: Entgiftung ist nicht Entwöhnung, und nicht jede Selbsthilfegruppe ist für jeden geeignet.

Etwa 700 Selbsthilfegruppen sind im Saarland aktiv, hauptsächlich im Bereich Abhängigkeitserkrankungen. Die Neunkircher Rehaklinik Münchwies ist seit 40 Jahren auf Suchterkrankungen spezialisiert. Wir fragten die Chefärztin Dr. Monika Vogelgesang nach ihren Erfahrungen mit Familien-Gruppen.


Wie wichtig sind Angehörigengruppen für den Suchtkranken?

VOGELGESANG Wir empfehlen solche Gruppen auf jeden Fall. Das Wichtigste für Suchtpatienten ist natürlich die Therapie. Aber die Angehörigen haben einen großen Einfluss. Sie können hilfreich oder ein Risiko sein. Der klassische Rückfall passiert zuhause, weil  Alkohol aus Frust bei familiären Problemen eingesetzt wird.

Al-Anon-Familiengruppen gehen davon aus, dass auch nicht-suchtkranke Angehörige einen Genesungsprozess durchlaufen müssen.

VOGELGESANG Sucht ist ein Martyrium für die Angehörigen. Sie erleben eine Entfremdung, denn für den Alkoholiker wird das Suchtmittel, der Alkohol, zur Bezugsperson, und die eigentlichen familiären Bezugspersonen verlieren ihre Wichtigkeit. Die Familie erlebt Unberechenbarkeit im Verhalten, Vernachlässigung bis hin zu Gewalt, die innere Verbundenheit leidet. Die Angehörigen wollen diese Situation verändern, fühlen sich verpflichtet, den Kranken gesund zu machen. Für sie dreht sich alles nur darum: Wie kann ich den anderen dazu bringen, dass er aufhört, zu trinken? In den Suchthilfegruppen für Familienangehörige geht es aber genau darum nicht, sondern um die Gruppenmitglieder selbst, darum, dass sie Lebensqualität gewinnen, unabhängig davon, ob der Angehörige gerade trinkt oder nicht.



Ist die Aussage „Wenn einer trinkt, ist die gesamte Familie krank“ aus Ihrer Sicht richtig?

VOGELGESANG: Ich drücke es anders aus: Die gesamte Familie leidet, und die gesamte Familie, vor allem die Kinder, sind in Bezug auf Sucht eine Höchstrisikogruppe. Es gibt eine genetische Verletzlichkeit in Suchtfamilien. Ich bin seit 30 Jahren tätig, viele meiner heutigen Patienten kommen aus Suchtfamilien, ich kenne oft bereits deren Eltern oder Großeltern. Und die Kinder der heutigen Patienten sind stark gefährdet, selbst ein Teil der nächsten Patientengeneration zu sein.

Das klingt so, als sei Alkoholismus eine Familienkrankheit, gegen die keine Therapie hilft?

VOGELGESANG Im Gegenteil. Wir haben in Deutschland ein supergutes Suchttherapie-System, weltweit das beste. Aber es gibt viel zu wenige Menschen, die zu uns kommen. Die Bevölkerung weiß nicht genug über den ausgesprochen großen Erfolg von Entwöhnungsmaßnahmen, hat meist nur Erfahrung mit Entgiftung. Nur rund 1,5 Prozent der Kranken absolvieren überhaupt eine Entwöhnung, die meisten entgiften nur und  gehen dann wieder. Das dauert meist zwei Wochen, die Patienten sind dann körperlich über die Sucht weg. Die Entwöhnung dauert aber danach noch elf Wochen plus Nachsorge. Wer eine Entwöhnung gemacht hat, schafft das Trockenbleiben meist, die Erfolgsquote liegt bei über 60 Prozent. Aber von denen, die nur eine Entgiftung gemacht haben, werden 95 Prozent wieder rückfällig.

Gibt es aus medizinischer Sicht bessere oder schlechtere Familiengruppen?

VOGELGESANG Die Gruppen sind gleichwertig, aber nicht gleichartig. Nicht jede Gruppe ist für jeden gleichermaßen geeignet. Wichtig ist auch, aus welchen Mitgliedern sich die Gruppe gerade zusammensetzt. Hier muss die Chemie stimmen.

Warum praktizieren viele Gruppen formalisierte Abläufe, allen voran die Al-Anons?

VOGELGESANG Bei Alkoholikern und ihren Familien zerbrechen Strukturen, in Meetings herrschen Verlässlichkeit und Ordnung. Die Al-Anons haben ihr Ritual von den Anonymen Alkoholikern übernommen. Dort gibt man keine direkten Antworten oder besserwisserische Ratschläge, die Teilnehmer berichten vielmehr in Monologen darüber, wie sie selbst ihre Probleme bewältigt haben oder auch, woran sie gescheitert sind. Dadurch bekommen die anderen indirekte Hinweise. Das mag man merkwürdig finden, aber es wirkt. Es ist eine überaus erfolgreiche Bewegung.

Das Gespräch führte
Cathrin Elss-Seringhaus