| 22:17 Uhr

Schwere Unwetter
Strom aus, Saarland unter

Chaos zwischen Dillingen und Wallerfangen: Ein Erdrutsch auf der L 170 begrub zwei Autos unter sich.
Chaos zwischen Dillingen und Wallerfangen: Ein Erdrutsch auf der L 170 begrub zwei Autos unter sich. FOTO: Ruppenthal
Saarbrücken. Die jüngsten Unwetter haben vielerorts Verwüstung hinterlassen. Die Landesregierung verspricht mehr Hilfe – und ein Wetterexperte warnt. Von Fatima Abbas und Lisa Kutteruf
Fatima Abbas

Es ist der erste Tag im Juni, die Nacht von Donnerstag auf Freitag. Uwe Quack kann seinen Augen nicht trauen. Der Regen reißt nicht ab, Blitze schlagen ein. „Es war wie im Film.“ Seine Mutter kann er noch in Sicherheit bringen. Fünf Minuten später steht die Wohnung unter Wasser.


Szenen, wie sie viele Kleinblittersdorfer wie Quack Anfang des Monats erlebt haben. Ein Facebook-Video, das bislang fast 18 000 Nutzer angeclickt haben, zeigt einen reißenden Fluss, der wenige Stunden zuvor noch eine Straße war. Autos treiben wie Spielzeug im Wasser.

In der Nacht zum 1. Juni erfasst die Messstation am Saarbrücker Flughafen innerhalb von zwölf Stunden eine Regenmenge von 66 Litern pro Quadratmeter – laut Deutschem Wetterdienst die Regenmenge eines ganzen Monats. Ein Rekord mit Folgen: 800 Mal ist die Feuerwehr im Einsatz.



Unwetter: Überflutete Straßen in Heusweiler FOTO: BeckerBredel

Doch wer glaubte, da sei der Höhepunkt schon erreicht gewesen, hat sich getäuscht: Zehn Tage später, am Montag, 11. Juni, heißt es vielerorts erneut: Saarland unter. 57 Liter pro Quadratmeter in 24 Stunden. Überschwemmte Straßen und vollgelaufene Keller. Von Merzig über St. Wendel, von Neunkirchen bis Riegelsberg. Ein umgestürzter Baum schneidet den Einwohnern zweier Ortschaften in der Gemeinde Saarwellingen eine halbe Stunde lang den Strom ab. In Heusweiler verwandelt sich die Saarbahn-Haltestelle in eine Seelandschaft mit Straßenschildern. Zwischen Riegelsberg und Lebach fährt diese Woche keine Bahn mehr.

Am Tag danach: Aufräumen in der Staatskanzlei. Saar-Innenminister Klaus Bouillon (CDU) spricht über die Folgen des Unwetters, über einen Montag mit mehr als 1100 Feuerwehreinsätzen. Der Schaden? Noch nicht genau zu beziffern. Fest stehe jedoch: Das Unwetter schlug dieses Mal noch flächendeckender zu als Anfang Juni. Also noch mehr Saarländer, deren Keller überflutet wurden, deren Autos nun reif für den Schrottplatz sind.

Bildergalerie: Erneute Unwetter-Schäden im Saarland FOTO: BeckerBredel

Deshalb sagt der Minister zu, das am 6. Juni geschnürte Hilfspaket von 2,5 Millionen Euro für die saarländischen Unwetteropfer anzupassen und auf die Betroffenen des aktuellen Unwetters auszuweiten. Um wie viel genau, sagt er nicht. Das hänge vom Ausmaß der Schäden ab, das man nun ermitteln wolle. Auch Umweltminister Reinhold Jost (SPD) verspricht eine genaue Analyse. Man wolle prüfen, ob es Schwachstellen bei den aktuellen Hochwasserkonzepten der Kommunen gibt.

Die Einwohner von Bübingen hatten kurz nach dem 1. Juni schwere Vorwürfe gegen Oberbürgermeisterin Charlotte Britz (SPD) erhoben: Die unterirdischen Kanäle seien nicht für diese Art von Wassermassen ausgelegt. Ähnliche Proteste kommen auch aus anderen betroffenen Ortschaften.

Ob und wo es Nachholbedarf gibt, will die Landesregierung bis nach der Sommerpause klären – dann sollen die Ergebnisse der Analyse vorliegen. Umwelt-, Innen- und Finanzministerium wollen sich dann mit Vertretern des Städte- und Gemeindetags, den Landkreisen und dem Entsorgungsverband EVS treffen und über die nächsten Schritte beraten.

Szenen „wie im Film“ könnten dem Saarland auch in Zukunft blühen. Obwohl Diplom-Meteorologe Robert Hausen vom Deutschen Wetterdienst nicht von „extremen“ Wetterphänomenen sprechen würde, so stellt er doch fest: „Die Wetterlage war im Saarland in den letzten Wochen doch außergewöhnlich.“ Die Niederschläge sind im Vergleich zu den Vorjahren seiner Einschätzung nach zwar nicht intensiver geworden. Doch die Art habe sich geändert: „Entweder Platzregen oder gar nichts“, fasst Hausen es zusammen. Nähert sich das Saarland etwa tropischen Zuständen? „Ja, das könnte man so sagen.“ Diese Veränderungen dem Klimawandel zuzuschreiben, wäre für den Experten Spekulation. Immerhin gibt er für die kommenden Tage Entwarnung.

Dann kann auch die Feuerwehr endlich ein wenig durchatmen. Drei Wochen war sie im Dauereinsatz, hat Keller ausgepumpt, Pferde von überfluteten Koppeln gerettet – im Mandelbachtal sogar eine ganze Hochzeitsgesellschaft aus einem Lokal evakuiert. Oft wären die Einwohner ohne sie aufgeschmissen gewesen. Aber, und darauf weist Landesbrandinspekteur Timo Meyer an diesem Dienstag hin: „Menschen können sich auch oft selbst helfen.“ Wenn das Wasser im Haus unter acht Zentimeter hoch stehe, seien die Möglichkeiten der Feuerwehr begrenzt. Er schätzt, dass bei etwa 30 Prozent aller Einsätze vom Montag kein Notruf nötig gewesen wäre. „Einige rufen die Feuerwehr und gehen dann in den ersten Stock zum Fernsehen.“

Und andere wollten erst gar nicht auf die Helfer hören. So wie ein Mann, der, wie es sich für einen waschechten Saarländer gebührt, trotz Warnungen sein Auto nicht verlassen wollte. Kurz darauf musste die Feuerwehr ihn aus dem Wagen befreien.

Überflutungen in Wadern.
Überflutungen in Wadern. FOTO: Ruppenthal
Die Gemeinde Heusweiler hat es besonders hart getroffen: An der Saarbahn-Haltestelle in Eiweiler misst ein Helfer die Tiefe eines Grabens.
Die Gemeinde Heusweiler hat es besonders hart getroffen: An der Saarbahn-Haltestelle in Eiweiler misst ein Helfer die Tiefe eines Grabens. FOTO: BeckerBredel
Unwetter trifft Bliesransbach schwer FOTO: BeckerBredel
Kleinblittersdorf hat es heftig getroffen FOTO: Heiko Lehmann