| 20:34 Uhr

Porträt
„Sprache, Sprache, Sprache ist das Wichtigste“

Der syrische Assistenzarzt Kenan Abbas arbeitet seit sechs Jahren in der Winterbergklinik in Saarbrücken. Auch wenn es am Anfang sprachlich oft schwierig war, haben Kollegen und Patienten ihm oft weitergeholfen.
Der syrische Assistenzarzt Kenan Abbas arbeitet seit sechs Jahren in der Winterbergklinik in Saarbrücken. Auch wenn es am Anfang sprachlich oft schwierig war, haben Kollegen und Patienten ihm oft weitergeholfen. FOTO: Stephanie Schwarz
Saarbrücken. Es ist ein verletzender Satz: „Schick mir gefälligst einen deutschen Arzt.“ Und doch kennen ihn viele ausländische Ärzte im Saarland. Dass es aber auch anders gehen kann, erlebt der Syrer Kenan Abbas. Von Stephanie Schwarz

Wenn Kenan Abbas sich an seine ersten Wochen als Arzt in Saarbrücken zurückerinnert, muss er schmunzeln: „Damals hatte ich schon Schwierigkeiten mit dem saarländischen Dialekt.“ Bereits als kleiner Junge in Damaskus träumte er davon, Doktor zu werden. Vor allem die Kunstfertigkeit eines Chirurgen, mit den eigenen Händen das Leben eines Menschen zu retten, hat ihn schon immer fasziniert. Seit fast sechs Jahren arbeitet der 34-jährige Syrer nun als Arzt der Gefäßchirurgie in der Winterbergklinik. Heute sind medizinische Beratungen, aber auch lockere Small­talks kein Problem mehr – egal, ob auf Deutsch oder Saarländisch.



Abbas kann inzwischen sogar Patienten zum Lachen bringen. Auf seiner morgendlichen Visite schaut er bei einem Mann vorbei, der vor einer Woche eine schwierigen Operation hatte. Deshalb durfte der Privatpatient tagelang nur Brühe trinken. Jetzt fleht er regelrecht um feste Nahrung. Doch Abbas antwortet streng mit einem Augenzwinkern: „Das muss ich erst nochmal überlegen.“ Abbas grinst, der Mann lacht. Der Assistenzarzt löst vorsichtig den Verband. Die Wunde sieht gut aus. Zur großen Erleichterung des Mannes verkündet Abbas: „Ab sofort ist Schluss mit Brühe.“

Immer mehr ausländische Ärzte arbeiten in deutschen Praxen und Kliniken. Ihre Zahl hat sich allein im Saarland in den vergangenen zehn Jahren mehr als verdoppelt, auf fast 900. Knapp jeder siebte Arzt stammt damit nicht aus Deutschland. Die meisten kommen aus Syrien, insgesamt 141. Aber auch zahlreiche Mediziner aus Rumänien, dem Irak, Ungarn, Griechenland und Russland sind inzwischen hierzulande tätig. Sie füllen die Lücken, die durch den Ärztemangel entstanden sind. Denn ohne ausländische Ärzte geht es einfach nicht. „Die Zuwanderung ausländischer Ärzte kann den Mangel an Fachkräften zwar abmildern, aber nicht beheben“, sagt der Präsident der saarländischen Ärztekammer, Josef Mischo. Abbas weiß aus Gesprächen mit Kollegen, dass in manchen saarländischen Kliniken über 70 Prozent der Ärzte eingewandert sind.

Vielen Patienten passt das gar nicht, wenn im weißen Kittel vor ihnen jemand steckt, der nur gebrochen Deutsch spricht und sie nicht zu verstehen scheint. „Kollegen erzählen mir manchmal, dass Patienten nicht von ihnen behandelt werden möchten“, sagt Abbas. Dann fielen schon mal derbe Sätze wie: „Schick mir gefälligst einen deutschen Arzt!“ So etwas zu hören, tue weh, sagt Abbas, denn den ausländischen Ärzten mangele es in den allermeisten Fällen weder an Fachwissen noch Enthusiasmus.

Auch er hatte anfangs mit Wortlücken und Missverständnissen zu kämpfen. Problematisch waren zum Beispiel im Krankenhaus alltägliche Begriffe wie „Schlagader“ oder „Blinddarmentzündung“. Für den Syrer ergaben sie anfänglich jedoch keinen Sinn. „Im medizinischen Fachjargon heißt die Blinddarmentzündung Appendizitis. Als ein Patient das erste Mal seinen schmerzenden Blinddarm erwähnte, wusste ich ehrlich nicht, was er meint. Denn so steht es nicht in den Büchern.“ Abbas fügt jedoch sofort hinzu: „Wegen solcher sprachlichen Defizite wurde ich nie beleidigt oder schlecht behandelt. Die saarländischen Patienten und Kollegen sind unglaublich freundlich und hilfsbereit gewesen und haben mir oft weitergeholfen.“



Er hatte jedoch einen wichtigen Vorteil gegenüber anderen ausländischen Ärzten. Als Abbas ins Saarland kam, war ihm Deutsch nicht fremd. „Etwa 50 Prozent meiner heutigen Deutsch-Kenntnisse hatte ich damals schon.“ Denn als Kind hatte er für wenige Jahre mit seiner Familie in Dresden gelebt. Einiges blieb hängen, vieles vergaß er aber wieder im Laufe der Zeit. Doch ein Grund­wortschatz war noch da, als er sich entschied, bei uns seine Weiterbildung zum Facharzt zu machen.

Bevor er im Saarland landete, arbeitete der heute 34-Jährige als Chirurg in einer Klinik in Damaskus. Sechs Jahre hat sein Medizinstudium gedauert. „Es gibt nur kleine Unterschiede zwischen dem syrischen und dem deutschen Medizinstudium“, sagt er. Wichtige Themenbereiche und Prüfungen seien identisch. Auch die Anforderungen seien in seiner Heimat auf einem hohen Niveau. „In Syrien kann nicht jeder Medizin studieren, man braucht einen Abi-Schnitt von über 97 Prozent.“ Ähnlich unserem 1,0-Abitur.

Trotz seiner nun sechs Jahre als Arzt im Saarland hat Abbas auch heute noch, das gibt er offen zu, gelegentlich Probleme beim Schreiben von Patientenbriefen. „Da ist die Sache mit den Artikeln und zeitweise auch der deutsche Satzbau, wo ich hin und wieder noch überlegen muss.“ Er schämt sich aber nicht, in Deutsch nicht perfekt zu sein. „Innerhalb von wenigen Jahren oder sogar nur Monaten eine so schwierige Sprache so gut zu lernen, dass man sie fließend sprechen kann, ist unglaublich schwierig. Die ausländischen Ärzte müssen etwas in kurzer Zeit aufholen, wofür Muttersprachler 20 Jahre lang Zeit haben“, betont Abbas. Und nicht nur das: Eine neue Sprache, Prüfungen, um als Arzt anerkannt zu werden, neue Gesetze, eine andere Kultur: „Das ist sehr viel auf einmal und überfordert einige.“

Abbas kann sich in seine ausländischen Kollegen gut hineinversetzen, kennt ihre Ängste und Wünsche. Denn vor Jahren hatte er ähnliche Gedanken: „Die ausländischen Ärzte, die gerade erst nach Deutschland kommen, kennen ihr Fachgebiet, haben jahrelang studiert und sind gut darin. Sie wollen nicht nur von einem Sprachkurs zum nächsten gehen, sondern in ihrem Beruf arbeiten, um ihre Familien ernähren zu können.“ Aus seinem Erfahrungsschatz sollen andere Kollegen aus Syrien nun lernen, deshalb rät Abbas ausnahmslos jedem, der nach Deutschland kommt: „Sprache, Sprache, Sprache ist das Wichtigste. Der Rest kommt danach von allein.“

„Ohne die sprachlichen Voraussetzungen werden ausländische Ärzte meist nicht ernst genommen“, erklärt er weiter. Weder von Kollegen, noch von Patienten. Sie wirken dann, als hätten sie keine Ahnung von dem, was sie tun. „Das frustriert und macht die Kollegen psychisch fertig“, sagt Abbas. Aber auch die Ängste der Patienten kann er sehr gut nachvollziehen. „Zwischen Arzt und Patient muss ein Vertrauensverhältnis bestehen. Wenn das nicht vorhanden ist, weil der Arzt seinen Patienten nicht versteht und umgekehrt, dann weiß der Mensch einfach nicht, was mit ihm genau im Krankenhaus passiert und das macht Angst.“ Allerdings hätten viele Kliniken im stressigen Alltag weder die Zeit noch das Personal, um die ausländischen Ärzte zu unterstützen und sprachlich zu schulen. „Weil sich viele, vor allem von Kollegen, nicht ernst genommen fühlen, wechseln sie nach einem Jahr in eine neue Klinik, weil sie sich dort dann mit einem verbesserten Wortschatz besser präsentieren können.“ Abbas wünscht sich mehr fachliche Sprachkurse in den Krankenhäusern. Eine Idee, die bereits auf dem Winterberg umgesetzt wird.

Abbas ist in seiner Wahlheimat Saarland gut aufgenommen worden. Im kommenden Jahr will er seine Facharztausbildung abschließen. Die vergangenen Jahre haben ihn viel Kraft gekostet, „aber es war es wert“, sagt er. Trotzdem kann er sich vorstellen, zusammen mit seiner Frau und seiner 20 Monate alten Tochter irgendwann nach Syrien zurückzukehren – wenn sich die Lage in seiner vom Krieg geschundenen, wahren Heimat beruhigt hat.