| 00:00 Uhr

Seit einem Jahr warten die Hinterbliebenen des Flugzeugunglücks MH370 auf Antworten

Kuala Lumpur/Peking. Was ist mit der Maschine von Malaysia Airlines vor einem Jahr passiert? Verschwörungstheoretiker und Luftfahrtexperten rätseln weiter. Im Folgenden Antworten auf diese und andere wichtige Fragen. Christiane Oelrich,Stephan Scheuer (dpa)

"Nie aufgeben" lautet der Schriftzug auf den langärmeligen weißen T-Shirts, die Angehörige der MH370-Passagiere am Sonntag in Peking tragen. "Wir wollen die Wahrheit!", steht auf einem Plakat, und: "Papa, du fehlst mir", auf einem anderen, mit einer Kinderzeichnung von einer dreiköpfigen Familie.

Für die Angehörigen der 239 Menschen an Bord der Boeing , die vor genau einem Jahr zwischen Kuala Lumpur und Peking in 10 000 Metern Höhe spurlos verschwand, ist der Jahrestag besonders schlimm. Sie haben 365 Tage Tortur hinter sich, wachen jeden Morgen aus einem nicht enden wollenden Alptraum auf. Auch die besten Unfallermittler der Welt haben ihnen noch keine Erklärung für das größte Rätsel der Luftfahrtgeschichte geben können. Was ist mit der Maschine passiert?

Vor dem Lama-Tempel in Peking weinen einige Angehörige, andere schwingen ihre Fäuste in Richtung der Polizisten. Sie wollen dort für ihre Lieben beten, aber die Sicherheitskräfte drängen sie und umstehende Reporter ab. "Ich will doch nur meine Tochter zurück", ruft ein Mann verzweifelt, dann sackt er in die Arme seines Nachbarn. Die Polizisten wollten wegen der Jahrestagung des Volkskongresses keinen Menschenauflauf, sagen die Angehörigen.

"Sie fehlen uns. Wir lieben sie", steht auf einer weißen Wand in der Airline-Akademie in Kuala Lumpur. Darüber ist eine Schleife gemalt, wie man sie von Gedenken an Opfer der Immunschwäche-Krankheit Aids kennt. Aber diese Schleife ist nicht rot, sondern in den bunten Farben der Malaysia-Airlines-Uniform. In der Akademie hat Malaysia Airlines 100 Angehörige der Crew-Mitglieder zu einer Gedenkveranstaltung versammelt. "Sie bleiben für immer in unseren Herzen", sagt der Vorstandsvorsitzende Tan Sri Md Nor Yusof.

Die Ermittler des Flugzeugunglücks haben am Sonntag einen neuen Bericht vorgelegt. Darin ist jedes bislang bekannte Detail akribisch festgehalten: die technischen Daten der Maschine, die Erkenntnisse zum Seelenzustand des Piloten, Versuche der Fluglotsen, MH370 aufzuspüren. Die Maschine flog noch rund sieben Stunden Richtung Süden. Die Experten gehen davon aus, dass sie im Indischen Ozean rund 2000 Kilometer westlich von Perth abstürzte, als der Treibstoff ausging. Die Australier koordinierten die dortige Suche. Fast die Hälfte des 60 000 Quadratkilometer großen Gebietes ist abgesucht, aber von dem Wrack fehlt jede Spur.

Mehr als 500 Seiten legen die Ermittler vor, jede Menge Stoff für die Angehörigen, die seit Monaten auf mehr Transparenz pochen. Nur Neues ist nicht dabei, es gibt keine Erkenntnisse, die die Suche nach der Unglücksursache weiterbringen. Lediglich Piloten und Bordcrew wurden durch den Bericht entlastet. Es gebe keine Anzeichen für ein auffälliges Verhalten der Besatzung, so die Ermittler . Das Rätselraten um die Unglücksursache geht damit aber weiter.

Das Verschwinden der Maschine, die Qual der Angehörigen, all das machte an diesem Wochenende wieder Schlagzeilen. Ins Blickfeld der Weltöffentlichkeit dürfte irgendwann die nächste Katastrophe rücken, doch für die Familien der MH370-Insassen geht die Tortur weiter.

So lange es kein Wrack und keine Erklärung für das Verschwinden der Maschine gibt, können viele das Leben nur aushalten, in dem sie sich an die irrationale Hoffnung klammern, ihre Lieben eines Tages wiederzusehen. Zhang Yonglis 34 Jahre alter Sohn war an Bord. "Er muss noch leben", sagt der Mann, der jeden Tag am Flughafen von Peking auf Neuigkeiten wartet. "Ich weiß, dass er noch irgendwo da draußen ist."Kann das Verschwinden mit einem technischen Defekt erklärt werden?

An Bord war zwar eine Ladung mit 200 Kilogramm hoch brennbaren Batterien. Ein Brand hätte womöglich die beiden Kommunikationssysteme zerstören können - aber die Piloten hätten zuvor im Cockpit Alarm gehört und über Funk eine Notsituation gemeldet, sagen Luftfahrtexperten . Hätten toxische Dämpfe oder ein Druckabfall Passagiere und Crew bewusstlos gemacht, hätte die Maschine nach dem letzten Radarkontakt nicht zwei heftige Kursänderungen nehmen können.

Kann die Maschine von Terroristen entführt worden sein?

Als die Kursänderungen enthüllt wurden, sagte Malaysias Regierungschef Najib Razak : "Diese Bewegungen deuten auf absichtliches Eingreifen durch jemanden an Bord hin." Die Ermittler haben alle Passagiere und Besatzungsmitglieder unter die Lupe genommen. Niemand hatte Terrorverbindungen, auch die beiden Iraner nicht, die mit gefälschten europäischen Pässen an Bord waren. Keine Terrororganisation hat sich je zu einem Anschlag bekannt.

Kann die Maschine aus Versehen abgeschossen worden sein?

Das behauptet der britische Autor Nigel Cawthorne . Bei einer damals stattfindenden thailändisch-amerikanischen Militärübung im Südchinesischen Meer sei scharfe Munition verwendet worden. Die Geschichte vom stundenlangen Flug in Richtung Süden sei erfunden worden, um sicherzustellen, dass das Wrack an falscher Stelle gesucht und nie gefunden wird.

Hat der Pilot selbst die Maschine ins Verderben gelenkt?

Das halten mehrere erfahrene Unfallermittler für die wahrscheinlichste Variante: Der Pilot dirigiert den Kopiloten unter einem Vorwand aus dem Cockpit, nimmt eine Sauerstoffmaske, löst in der Kabine einen Druckabfall aus, der alle ins Koma versetzt und fliegt Richtung Süden, bis die Maschine mit leeren Tanks abstürzt.



Zum Thema:

HintergrundDas Wrack von MH370 wird in einer der unwirtlichsten Meeresregionen vermutet - im Indischen Ozean. "Die Herausforderungen sind immens", sagt Scott Mashford von der Koordinationsstelle für die Suche. Die Wassertiefe betrage bis zu 6000 Meter. Berge, schmale Schluchten und 2000 Meter steil abfallende Kämme erschweren die Suche. Australien hat nach Angaben von Mashford bisher rund 63 Millionen Euro für die Suche ausgegeben, Malaysia umgerechnet bis zu 42 Millionen Euro. dpa