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Seit 60 Jahren gehört das Saarland zur Bundesrepublik

Mal gehörte die Region an der Saar zu Deutschland, mal zu Frankreich und manchmal war sie sogar eigenständig. Seit dem 1. Januar 1957 ist das Saarland aber fester Teil der Bundesrepublik – mit einer bewegenden und wechselvollen Geschichte.


Die Schranken hoch - und was machen wir nun?



Am Abend des 23. Oktober 1955 hockten wir mit Papier und Bleistift vorm Radio und rechneten mit. Als die Summe für das Nein zum Saar-Statut immer ein deutiger ausfiel, wurde aus Spannung Hochstimmung und Jubel. Im Landtag stiegen die Heimatbündler aufs Podest, Becker, Conrad, Ney und Heinrich Schneider. Heini hielt seinen berühmt gewordenen Caesaren-Daumen nach unten. Die Regierung erkannte das Ergebnis an. Hoffmann sprach mit de Carbonnel, dem Nach- folger Grandvals als französischer Botschafter an der Saar, und zog die Konsequenz. Respekt! Frankreich signalisierte Bonn Verhandlungsbereitschaft. Respekt! Und was machen wir nun? Was nach dem Nein kommen würde, war nicht klar, ebenso wenig wie wir ahnten, was dann 57/59 wirtschaftlich auf uns zukommen könnte. Bei Foto Kiefer kaufte ich mir für alle Fälle eine H16Reflex und einen 16mm-Projektor und beim ollen Mittelstaedt eine schicke große Kiste, in der das Schlichtest-Instrumentarium fürs Drehen von Trickfilmen drin war, falls alles mit der Grafik und der Werbeberatung dank dem zu erwartenden Saar-Eroberungsfeldzug der deutschen Werbeagenturen nicht mehr liefe, wollten meine Frau Bruni und ich Trickfilme zeichnen und aufnehmen . . . Es war nicht nötig. Ein Glück! Auch die 20 Kisten Cognac, die wir in den Keller gelegt hatten, um sie im Notfall in der Bundesrepublik zu Geld zu machen, konnten wir sukzessive selber süffeln. Röder hob dann in der Nacht zum 6. Juli 1959 die letzte Zollschranke in Eichelscheid, die uns französisierte Camembert-Liebhaber vom guten deutschen Velveta-Schmelzkäse trennte. Was lässt sich sonst noch zur Sache sagen? Zu dem Jahrzehnt zwischen 57 und 67 an der Saar? Es gab die Kabinette Welsch, Ney, Reinert, Röder. Die Ja-Sager und die Nein-Sager begannen, wieder miteinander zu sprechen, es gab den Deutsch-Französischen Garten, die Berliner Promenade, die Stadtautobahn, das Totobad, und Armin Hary lief 100-Meter-Weltrekord. Das Grubenunglück von Luisenthal. Und Krisen und Neu-Ansiedlungen. Von 1962 bis 1967 hab ich etwa jeden zweiten Tag die politische Karikatur für die Seite 2 der SZ gezeichnet. Und Anfang der 60er rief bei mir das Consulat Général an. Handelsrat Ruby. Ich solle doch mal vorbeikommen. Das Luxemburger Abkommen über die Saar-Rückführung in die großväterlichen Arme Konrad Adenauers hatte Frankreich nicht nur die Moselkanalisie- rung beschert, sondern auch den saarländischen Markt gesichert. Für einige Jahre gab es für französische Waren an die Saar Zollfreiheit. Da- für sollte geworben werden. Ich erfand die Figur des freundlichen französischen Zöllners mit dem vollbeladenen Warenkarren. Für mich war er auch eine Art Personifizierung des freundschaftlichen Klimas, das nun - trotz unserem Nein - Deutsche und Franzosen wärmte.
Der Karikaturist Roland Stigulinszky (hier mit Frau Bruni) zeichnete in den 60er Jahren für SZ.Der "fliegende Saarländer"

Im Saarland geboren zu sein, ist Zufall - weil ohne eigenes Dazutun. Später mit Preisen vom Saarland vereinnahmt zu wer- den, ist Schicksal - weil selbst verschuldet. In Amerika fragte man mich mal: "Where do you come from?" ("Woher kommen Sie?"). Ich antwortete: "Germany!". "Good or bad germany?" ("Das gute oder schlechte Deutschland?"; noch zu Zeiten der deutschen Teilung). "From good germany". Nächste Frage: "Do you have an airport?" ("Haben Sie einen Flughafen?") Meine Antwort: "Ja, seit ich fliege". 1967 - nach diversen Wettbewerbserfolgen - machte ich erste Schritte auf der Bühne (in der Ägide Hermann Wedekind/Siegfried Köhler). Von Beginn an sang ich die großen Charakter- und Heldenbariton-Rollen, mit denen ich später- hin weltweit reüssierte. Ab 1970 (also noch in der Saarbrücker Zeit) lernte ich viele wichtige Dirigenten kennen. Der 1971 mit der Deutschen Oper am Rhein (Düsseldorf/Duisburg) geschlossene Vertrag wurde 1973 von mir beendet - seitdem wurde ich zum "fliegenden Saarländer" (München, Scala, Met, Covent Garden, Buenos Aires usw. unter Dirigenten wie Abbado, Barenboim, Giulini, Mehta, Muti, Sawallisch, Solti). 1966 Heirat meiner Lieblingsfrau - 1968/69 Geburt zweier Söhne, von denen der jüngere seinen Erzeuger hierzulande längst in den medialen Schatten gestellt hat. Der frühe Tod meines Vaters im Jahr 1976 wurde zu einem emotionalen Wendepunkt - hat mir diese Vaterfigur doch unendlich viel mitgegeben: Wagner-Vorname, Sänger- Gen, Notenlesen, Bücher- und Platten-Verrücktheit - und viele andere Suchtpotenziale. Die Politik hat sich um mich so wenig gekümmert wie ich mich um sie. Aber meine Steuern hab' ich getreulich gezahlt - und nicht zu knapp. Die anderen Länder, die fremden Städte erschienen mir eigentlich genauso "provinziell" wie das Saarland, kannte ich im Ausland doch auch nur meine unmittelbare Umgebung: Konzert- und Opernhäuser, Museen, Platten-Shops und Kioske mit deutschen Zeitungen. Die deutsche Sprache war mein Zuhause - trotz ständigem Auslands- Gebabbel, das ich bald ausreichend beherrschte. Französisch, Latein und Griechisch lernte ich schon als Schüler, später kamen Englisch und Italienisch dazu. Schlussendlich hatte ich in 13 Sprachen gesungen und jede Menge Übersetzungen angefertigt. Ein Wort-Fex von jeher bis heute! Ein zufälliger Saarländer wurde zum überzeugten Saarländer. Die kann man zwar wegen ihrer Herkunft "pflanzen", aber sie lassen sich nur schwer verpflanzen. Meine Wurzeln aber habe ich nie verleugnet. Ohne Wurzeln gibt es keine Baumkrone - vulgo nennt das "bodenständig". Das Saarland blieb also meine Heimat, hier war ich "dehemm", denn nur Saarländer "reiße Bääm aus, wo gar kenn sin".
Siegmund Nimsgern, Opern- und Konzertsänger an den bedeutendsten internationalen Bühnen

Eine verrückte Zeit voll Musik und Fußball - aber ohne Disco

D ie Stahlkrise, Cattenom geht ans Netz, Lafontaine wird Ministerpräsident - es war viel los Ende der Siebziger, Anfang der Achtziger im Saarland und drumherum. Für mich als junges Mädchen auf dem Land in Nohfelden war das alles meistens aber weit weg. Mit 13, 14 hatte ich ganz andere Themen, vor allem meine Musik - und Fußball. Ja, viele wissen das vielleicht gar nicht, ich hab zu der Zeit im Verein gespielt, hatte später auf dem Gymnasium dann auch das Leistungsfach Sport mit dem Schwerpunkt Fußball. Mein Vater war Schiedsrichter, mein Bruder auch, das färbte einfach ab. Ich war so fußballverrückt, dass ich 1990 ohne Karten zum WM-Finale nach Rom gefahren bin. Und ich hab auf dem Schwarzmarkt wirklich noch Karten bekommen, das war eine grandiose Nummer. Ich erinnere mich aber auch noch gut an das 6:1 des FC gegen die Bayern 1977. Das war ja eine Sensation. Ich hab das damals im Fernsehen gesehen. Genau wie den Unfall von Jo Deckarm, als der 1979 in Ungarn auf den Boden geknallt ist. Das war schrecklich. Aber wie der Mann sich wieder ins Leben gekämpft hat, mit einem eisernen Willen, alle Achtung! Als junges Mädchen hatte ich auch eine Phase, in der ich jeden Sonntag in die Kirche gegangen bin, ich war auch im Kirchenchor. Denn Musik ist nunmal mein Leben. So mit 13 habe ich bei den ersten Talentwettbewerben mitgemacht. Heute spielt sich ja alles in irgendwelchen Cast- ing-Shows im Fernsehen ab. Ich bin damals mit meiner Gitarre zum Beispiel im Tanzcafé Thome in Quierschied aufgetreten, das bestimmt einige noch kennen. Und auf den Schmaustagen in Eppelborn hab ich mal einen Fernseher gewonnen. Ich war als Jugendliche nicht der Typ, der jedes Wochenende in die Disco rannte, es gab auch nur eine in meiner Gegend, in Gonnesweiler. Ich hätte also nach Saarbrücken kommen müssen, aber ohne Auto ging das nicht - und Nachtbusse oder so etwas kannten wir nicht. Saarbrücken hingegen kannte ich schon als Kind gut. Ich bin schließlich dort geboren, hab mein erstes Le- bensjahr in der Ludwigstraße 8 verbracht, hatte später am Staatstheater Ballettunterricht, außerdem hatte mein Opa in Saarbrücken eine Autowerkstatt. Da hab ich oft gespielt, hab mich in Autoreifen versteckt und musste oder durfte für Opa was am Kiosk am damaligen Gloria-Kino kaufen. Immer wenn ich dort vorbeifahre, denke ich heute noch gern an diese Zeit zurück. Die Werkstatt meines Opas ist dann aber der Westspange zum Opfer gefallen, die 1986 eröffnet wurde. Zwei Jahre zuvor war in direkter Nähe zum Saarland noch was anderes eröffnet worden. In Luxemburg feierte man am 2. Januar 1984 die Geburtsstunde von RTL. Nana Mouskouri und ich gratulierten. Was für eine verrückte Zeit.
Nicole (Seibert, geborene Hohloch) gewann 1982 mit dem Lied "Ein bisschen Frieden" den Grand Prix d'Eurovision de la Chanson

Und dann schaute die Bundespolitik wieder Richtung Saar

Verdammt lang her. Zeiten, an die ich mich mit gemischten Gefühlen erinnere. Politik und Fußball bestimmten mein Leben. Als Vorsitzender der SPD - Fraktion im Landtag bei einer absoluten Mehrheit hatte ich Gestaltungsmöglichkeiten, aber auch eine große Verantwortung zu tragen. Die Bewältigung der Stahlkrise, neue Arbeitsplätze bei den Zulieferern der Automobilindustrie, eine erste Teilentschuldung, der Ausbau der For- schung an der Universität des Saarlandes, die Gründung der Hochschule der bildenden Künste, die Gesamtschule als Regelschule, die Psycha- triereform, das Weiterbestehen des Saarländischen Rundfunks zählen zu den Erfolgen, die Abwärtsspirale des Bergbaus, das letzte große Aufbegehren der Bergleute in den Märztagen 1997 zu den schmerzlichen Erfahrungen. Die Bundes-SPD suchte neue Horizonte. Das Saarland mit seiner absoluten Mehrheit zog die Hoffnungen an. So war es geradezu zwangsläufig, dass die Kanzlerkandidatur 1990 auf Oskar Lafontaine zulief. Mit großer Disziplin hielt er diese auch nach dem Attentat aufrecht. Eine bundesdeutsche Wahl hätten wir vermut- lich gewonnen, die gesamtdeutsche aber nicht. Die harsche Kritik in der Partei an Lafontaines Deutschlandpolitik brachte es mit sich, dass er die längst abgesegnete Übernahme des Parteivorsitzes ablehnte. Die Landtagswahl 1994 brachte erneut die absolute Mehrheit, die Bundestagswahl ging verloren. 1995 löste Lafontaine den glücklosen Scharping als Parteivorsitzender ab und es begann der (1998 letztlich erfolgreiche) Kampf um den Bund. 1996 wurde ich zum Landesvorsitzenden der SPD gewählt. Die Zusammenarbeit mit Lafontaine funktionierte, die durchaus vorhandenen Meinungsverschiedenheiten hatten wir im Griff. Ich war zwar auch auf Bundesebene unterwegs, aber die Arbeitsteilung war klar. Ich hielt im Land die Dinge so gut es ging in Ordnung und er hatte freie Hand für seine weiterreichenden Aufgaben bzw. Ambitionen. Beim 1. FC Saarbrücken waren die Zeiten - wie immer - wechselhaft. Mit Peter Neururer gelang im Jahre 1992 noch einmal eine triumphale Rückkehr in die 1. Bundesliga. Es folgte - nicht zum ersten Mal - der Abstieg und mit der Lizenzverweigerung der Absturz. Franz Abel erkämpfte einen Vergleich mit den Gläubigern und ich suchte neue Sponsoren. Als der einzige Interessent, die Baumarktkette "Praktiker", die Be- dingung stellte, ich müsse dann aber Präsident werden, fand ich mich auf dem Präsidentenstuhl wieder, den ich später an Hartmut Ostermann übergeben konnte, sodass seitdem finanziell kei- ne größeren Probleme entstanden sind. Nur die dauerhafte Präsenz in den beiden oberen Ligen lässt immer noch auf sich warten.

Reinhard Klimmt, früherer Ministerpräsident, SPD-Spitzenpolitiker und FCS-Funktionär

Ein Land geht gemeinsam neue digitale Wege

IDS Scheer: Der Fels in der Brandung", so titelte ‚wallstreet online‘ am 18. Januar 2001. Dass ein Saarländisches IT-Unter- nehmen 1999 mit damals rund 800 Mitarbeitern von Burbach aus erfolgreich den Gang an die Börse in Frankfurt wagte, hatte Symbolkraft für die gesamte Dekade 1996 bis 2006. Es sollte das Jahrzehnt werden, das das Saarland grundle- gend verändern würde, eine Dekade, die dem Strukturwandel von Kohle und Stahl in Richtung IT-Exzellenz deutliche Impulse geben sollte. 1999 wurde Peter Müller als CDU-Ministerprä- sident gewählt - nach einem Wahlkampf, der den Ausstieg aus der Kohleförderung in den Mittelpunkt gestellt hatte. Peter Müller war es denn auch, der mich bat, seinem Kabinett als Beauftragter für die Aufgabenbereiche Innovation, Technologie und Forschung zur Verfügung zu stehen. Regelmäßig trafen sich samstags am Vormittag Peter Müller und die Minister für Wirtschaft und Finanzen, der Chef der Staatskanzlei, zwei meiner Mitarbeiter und ich, um die Innovationsstrategie des Saarlandes zu entwickeln. Es wurde für das Saarland eine Stärken- und Schwächenanalyse erstellt, die dann in der Definition von Handlungsschwerpunkten in Form folgender Innovations-Cluster mündete: Biotechnologie, Automobil, Bildung, Logistik, Energie und IT. Dabei wurden Forschung, Ausbildung und Wirtschaft miteinander verbunden, um die gesamte Innovationskette "von der Idee zum Produkt" zu unterstützen. Diesen frischen Wind für die noch junge IT- Branche habe ich auch an meinem Institut für Wirtschaftsinformatik an der Saar-Universität erlebt. Unsere Studenten begeisterten sich für die neuen Forschungsschwerpunkte der Digita- lisierung. Meine Studierenden erlebten meine Doppelrolle als Unternehmer und Hochschullehrer. Ich versuchte sie zum Unternehmertum zu motivieren. Das Saarland braucht schließlich tüchtige und mutige Unternehmer für den Strukturwandel. Auch mit meiner weiteren Leidenschaft, dem Jazz, war und bin ich im Saarland bestens aufgehoben und verankert. Ich habe mit verschiedenen saarländischen Musikern wie Oliver Strauch und Johannes Müller viele gut besuchte Auftritte - auch in der ganzen Bundesrepublik und darüber hinaus - realisieren können. Der Jazz hat mich zudem Dinge gelehrt, die weit über die Musik hinausgehen. Jazz lebt vom ständigen Lernen der Musiker. Jeder hört auf jeden, jeder ist mal Solist, mal Begleiter. Überraschende Situationen entstehen, die zu neuen Lösungen inspirieren. Dies ist auch Vorbild für das Management eines Unternehmens oder für den Umbau eines Bundeslandes im Strukturwandel. Trotz aller Begeisterung für die Digitalisierung möchte ich mein Saxophon allerdings weiterhin analog spielen!

August-Wilhelm Scheer, Uni-Professor, Beirats chef der Scheer GmbH, Politik-Berater

Karriere und Krisen gemeistert - dank der Saarländer

Eines vorweg: Ich bin Saarlandbotschafterin aus Überzeugung. 2003 kam ich aus Hamburg ins Saarland - und habe sehr schnell tatkräftige Unterstützung erfahren. Ich wurde mit offenen Armen empfan- gen und habe die Menschen hier schätzen ge- lernt. Hier konnte ich meinen Traum verwirkli- chen und professionelle Weitspringerin werden. Ohne die Rahmenbedingungen am Olympiastützpunkt in Saarbrücken hätte ich das nie geschafft. Was die wenigsten wissen: Die Infrastruktur dort oben im Stadtwald sucht deutschland- und vielleicht auch europaweit ihresgleichen. Ich habe sehr schnell Fuß gefasst im Saarland und erlebte schon 2007 das mit Abstand erfolgreichste Jahr meiner Karriere: Ich hatte mich nach meiner Babypause in kürzester Zeit an die Weltspitze herangekämpft. Mein persönliches Highlight war der fünfte Platz bei der WM in Osaka, Japan. Hinter drei Russinnen. Und damals schon gab es hartnäckige Gerüchte über Doping. Wenn ich mir die Enthüllungen in diesem Sommer dazu anschaue, dann bekommen die Gerüchte von damals ein ganz neues Gewicht. Das macht mir bis heute zu schaffen, weil ich der Auffassung bin: Jeder soll mit gleichen Bedingungen starten können. Doping ist Betrug. Wie dicht Himmel und Hölle beisammen sind, habe ich nur ein Jahr später erfahren müssen. 2008 war das schwärzeste in meiner Karriere. Ich war schon für Olympia qualifiziert - und riss mir in der Vorbereitung die Achillessehne. Es machte "Knall" - und ich stand vor dem Nichts. Als Mutter. Anders als heute hatte ich damals noch kein zweites Standbein. Zu allem Überfluss sprangen noch einige Sponsoren ab. In dieser Situation hat sich gezeigt, wer zu einem steht. Ich bin heute noch meiner Familie, meinem Trainer Ulli Knapp und den Menschen beim LC Rehlingen für ihre Rückendeckung bei meinem Comeback dankbar. Das war nicht selbstverständlich. Dieser Zusammenhalt - das scheint ein besonderer Charakterzug der Saarländer zu sein. Das ist mir auch beim Bergbau-Ausstieg 2012, vier Jahre nach dem verheerdenden Grubenbeben, und auch bei der Flüchtlingskrise aufgefallen. Das Saarland darf stolz darauf sein, dass es diese Krisen so gut gemeistert hat. Ich werde von Freunden, die außerhalb des Landes leben, oft darauf angesprochen. Die Herzlichkeit der Menschen hierzulande ist einer der Gründe, warum ich meinen Umzug nie bereut habe, weiterhin hier lebe und als Protokollchefin in der Staatskanzlei unter Annegret Kramp-Karrenbauer, die 2011 erste Saar-Ministerpräsidentin wurde, arbeite. Für mich war deshalb auch klar, dass ich meine sportliche Karriere dort beenden werde, wo sie so richtig begonnen hatte - im Saarland. Ich erinnere mich noch gut an den Tag: der 6. Juli 2014 im Dillinger Parkstadion. Bei meinem letzten Sprung standen meine Konkurrentinnen in Reihe an der Sprunggrube. Ich bin mit Tränen in den Augen gesprungen und werde den Moment nie vergessen. Danke dafür.
Bianca Kappler, Ex-Weltklasse-Leichtathletin des LC Rehlingen, Protokollchefin der Staatskanzlei

Chronik

1. Januar 1957: Das Saarland wird als zehntes Bundesland Deutschlands eingegliedert. Der Weg wurde 1955 mit dem Nein zum Saarstatut eingeleitet.
6. Juli 1959: Die D-Mark wird Zahlungsmittel im Saarland - bis zur Euro-Einführung (Januar 2002).
21. Juni 1960: Der Quierschieder Armin Hary läuft als erster Mensch der Welt die 100 Meter offiziell in 10,0 Sekunden. Diese Zeit schaffte er bereits am 6. September 1958. Die Zeit wurde aberkannt, weil die Strecke einen Zentimeter zu viel Gefälle hatte. 7. Februar 1962: Schwärzester Tag des Saar-Bergbaus: Eine Grubenexplosion in Luisenthal fordert 299 Tote und 73 Verletzte.
21. Januar 1969: Bei einem Überfall auf ein Munitionsdepot der Kaserne Lebach sterben vier Soldaten. Die Morde und der Prozess in der Congresshalle Saarbrücken schreiben Geschichte.
16. Januar 1970: Ford eröffnet das Werk Saarlouis. Das erste Auto, das vom Band läuft, ist ein Escort. Insgesamt werden sechseinhalb Millionen Escorts folgen.
25. November 1973: Erster autofreier Sonntag im Saarland, nachdem die arabischen Länder die Öllieferungen gedrosselt haben.
17. Februar 1977: Der in Wiebelskirchen aufgewachsene SED-Generalsekretär Erich Honecker gibt erstmals einer West-Zeitung ein Interview - der Saarbrücker Zeitung.
16. April 1977: Der 1. FC Saarbrücken besiegt Bayern München mit 6:1. Stunden später beendet Franz Beckenbauer seine Nationalmannschaftskarriere.
25. Juni 1979: Franz-Josef Röder (CDU ) gibt bekannt, nach 20 Jahren nicht mehr als Ministerpräsident kandidieren zu wollen. Einen Tag später stirbt er.
9. August 1979: In Thalexweiler stürzt ein Militärjet ab, beschädigt rund 40 Häuser teils schwer. Wie durch ein Wunder werden nur drei Menschen leicht verletzt.
28. Mai 1983: "Wetten, dass..?" wird erstmals aus der Saarlandhalle gesendet. Die letzte von insgesamt zwölf Shows aus Saarbrücken läuft am 20. März 1999. Dank eines schweigenden Michael Jackson ist sie kult.
9. April 1985: Die SPD re- giert erstmals das Land. Seit 1957 hatte die CDU do- miniert.
26. Juli 1986: Über 100 Tonnen Fisch treiben ver- giftet in der Saar: Schuld war wohl eine Einleitung von Cyaniden in den Fluss.
25. April 1990: Eine psy- chisch kranke Frau rammt Oskar Lafontaine in Köln ein 30 Zentimeter langes Messer in den Hals. Der Kanzlerkandidat der SPD überlebt nur knapp.
19. Juli 1994: Die Weih- nachtsepisode "Alle Jahre wieder" der Familie Heinz Becker wird erstmals aus- gestrahlt. Seitdem sind die saarländischen Darsteller Gerd Dudenhöffer, Alice Hoffmann und Gregor We- ber fester Bestandteil im Weihnachtsprogramm der Deutschen.
Mai 1999: Im Marpinger Härtelwald soll die Mutter Gottes erschienen sein. Ei- ne Kommission unter Bi- schof Marx urteilt, dass es keine übernatürliche Er- scheinungen war.
30. September 2001: Der fünfjährige Pascal aus Bur- bach verschwindet auf ei- ner Kirmes spurlos. Er- mittlungen zufolge soll er in der "Tosa"-Klause zu To- de vergewaltigt worden sein. Der Fall gilt bis heute als nicht aufgeklärt.
2002: Die Bundesregie- rung beauftragt den St. Ing- berter Peter Hartz mit der Reform der arbeitsmarkt- bezogenen Sozialgesetze. Das spätere Hartz-IV- Ge- setzespaket sorgt für einen Bruch in der SPD.
23. Februar 2008: Ein Gru- benbeben der Stärke 4,0 er- schüttert die Region um Saarwellingen. Die Kata- strophe beschleunigt den eingeleiteten Kohleaus- stieg erheblich. Im Som- mer 2012 ist dann Schluss.
10. November 2009: CDU, Grüne und FDP regieren erstmals ein Land. Doch Jamaika scheitert. Saar- lands erste Ministerpräsi- dentin, Annegret Kramp- Karrenbauer, löst das Bündnis 2012 auf.
Dezember 2011: Das Saar- land hat erstmals seit den 50er Jahren weniger als ei- ne Million Einwohner.
14. Oktober 2016: Bund und Länder einigen sich auf einen neuen Finanzaus- gleich. Der spült dem Saar- land ab 2020 jährlich gut 500 Millionen Euro in die Kassen - überlebenswich- tig für das Land, das 14 Mil- liarden Euro Schulden hat.