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Schulmädchen für den Heiligen Krieg

Berlin. Die Terrortruppe IS wirbt offensiv um junge Frauen und Mädchen – auch in Deutschland. Mit Erfolg. Der Verfassungsschutz beobachtet mit Sorge, dass zunehmend junge Terroranhängerinnen ins Kampfgebiet verschwinden. Was zieht sie dorthin? Und was erwartet sie? Dpa-Mitarbeiterinchristiane Jacke

Die junge Frau veränderte sich schnell. Sie ging auf einmal oft in die Moschee, las Bücher über den Islam, fing an, sich zu verschleiern. Sie begann, die Eltern zu kritisieren für deren liberalen Lebensstil, suchte im Internet nach neuen Vorbildern und tauchte tief in die salafistische Szene ein. In einer Facebook-Gruppe lernte die Muslimin zwei andere junge Frauen kennen, die ihr vom Leben im Islamischen Staat vorschwärmten und ihr einflüsterten, auch sie müsse diesen Weg gehen. Ein paar Wochen später verschwand sie aus Deutschland - Richtung Syrien.

"Die junge Frau hat ins ‚Beuteschema' gepasst. Die IS-Propaganda hat sie angesprochen", sagt Florian Endres von der Beratungsstelle Radikalisierung beim Bundesamt für Migration und Flüchtlinge. Bei ihm und seinem Team landete der Fall der jungen Muslimin. "Sie wollte mithelfen, den Islamischen Staat aufzubauen, und Teil der neuen Elite werden", erzählt er. "Und sie hatte die romantisierte Vorstellung, einen Mudschaheddin zu heiraten. Die Dschihadisten werden im Internet zum Teil wie Popstars gehypt und von einigen jungen Frauen regelrecht angehimmelt."

Bei Endres und seinem Team können sich besorgte Angehörige melden, wenn sie bei ihren Söhnen, Töchtern oder Enkeln Veränderungen feststellen und Angst haben, dass sie in die Islamisten-Szene abdriften. In 20 Prozent der Fälle geht es um Mädchen und Frauen.

Auch die Eltern der verschwundenen jungen Muslimin suchten hier Rat. Sie hatten Glück. Ihre Tochter meldete sich knapp zwei Wochen nach der Ausreise. Sie wartete in einem Frauenhaus der Islamisten an der türkisch-syrischen Grenze darauf, weiterzureisen nach Syrien. Dort sollte sie die Drittfrau eines IS-Kämpfers werden. Doch beim Warten kamen ihr Zweifel. Sie fühlte sich unwohl in ihrer Umgebung, rief ihren Bruder an. Und der Familie gelang es, die Frau nach Deutschland zurückzuholen. Andere verschwinden für immer.

Kürzlich wurde der Fall einer 16-Jährigen aus München bekannt, die von Zuhause ausriss - wohl zur Terrortruppe IS. Auch eine 15-Jährige aus Sangerhausen in Sachsen-Anhalt soll sich dorthin auf den Weg gemacht haben. Teenager-Mädchen tauschen Miniröcke und Flirtereien gegen Burka und ein streng religiöses Leben im Kriegsgebiet. Warum?

"Oft sind das junge Frauen, die in unserer Gesellschaft überfordert sind und in einer persönlichen Schieflage stecken", sagt der Islamwissenschaftler Marwan Abou-Taam, der für das Landeskriminalamt Rheinland-Pfalz arbeitet. "Sie geraten dann in die Fänge von Menschen, die ihnen einfache Antworten liefern."

Unter den rund 650 Islamisten aus Deutschland , die bislang nach Syrien und in den Irak ausreisten, sind mehr als 70 Frauen. Fast 40 Prozent von ihnen seien jünger als 25 Jahre, darunter auch neun minderjährige Mädchen , sagt Verfassungsschutzchef Hans-Georg Maaßen. "Wir beobachten mit Sorge, dass sich die Propaganda der IS zunehmend an junge Frauen und Mädchen richtet."

Der IS-Propaganda-Apparat bietet im Internet spezielle Blogs und Foren für Frauen an - und eigene Reiseführer für ihren Weg ins Kalifat. "Junge Mädchen , die sich im Internet als IS-Sympathisantinnen zu erkennen geben, werden gezielt kontaktiert, um sie zu einer Ausreise und späteren Heirat mit einem Dschihadisten zu bewegen", sagt Maaßen. "Mittlerweile existieren sogar Tagebücher in sozialen Netzwerken mit romantischen Schilderungen von dem Leben dort. Es wird ihnen ein idyllisches Leben vorgegaukelt."

Die Terrormiliz Islamischer Staat braucht Untertanen, sie braucht Nachwuchs und Ehefrauen für ihre Kämpfer. "Viele Frauen haben in Syrien und im Irak die Aufgabe, ihrem Mann den Rücken zu stärken, sich um die Hausarbeit zu kümmern und kleine Dschihadisten heranzuziehen", sagt Abou-Taam.

Viele Islamistinnen, die dort hingingen, kämen aus sozial schwachen, bildungsfernen Milieus. "Es gibt aber auch studierte Frauen, die in den Dschihad ziehen. Sie sind beim IS besonders gefragt und übernehmen Aufgaben in der Verwaltung des Kalifats." All diese Organisationen kämen ohne Frauen gar nicht mehr aus. "Wir haben uns bei dem Thema zu lange auf die Männer fixiert", meint er.

In der IS-Hochburg Al-Rakka in Syrien gibt es auch eine weibliche Kampfeinheit der Terrormiliz: die Al-Chansaa-Brigade, die "Gazellen". In Videos sind die verschleierten Frauen zu sehen, wie sie mit Kalaschnikows durch die Straßen der Stadt patrouillieren. Sie sollen die Einhaltung islamischen Rechts unter Frauen kontrollieren.

Und Selbstmordattentäterinnen? Einige Islamisten aus Deutschland und Europa sprengten sich bereits in Syrien und im Irak in die Luft. Frauen aus dem Westen waren nach Erkenntnissen der Behörden bislang nicht darunter. Aber Fachleute halten für möglich, dass der IS Frauen in Zukunft gezielt für Selbstmordkommandos einsetzen könnte. "Es ist wohl nur eine Frage der Zeit, bis sie die Frauen dafür entdecken", meint Abou-Taam. Anderswo gab es das schon in ausgeprägter Form - etwa in Tschetschenien. Die Attentäterinnen dort wurden "Schwarze Witwen" genannt.

Für viele Mädchen und Frauen, die nach Syrien und in den Irak ziehen, endet der Traum vom romantischen Dschihad-Leben oder von der Aufopferung für das Gute bitter. "Zum Teil werden sie dort als Sexsklavinnen gehalten und von einem Mann an den nächsten weitergereicht", sagt Abou-Taam. "Das ist Krieg, mit barbarischen Zuständen und einer enthemmten Terrororganisation. Wenn sie wüssten, was sie dort erwartet, würden viele Frauen sicher nicht dort hingehen."

Mädchen , die auf einmal ein Kopftuch tragen; Jungen, die sich plötzlich einen Bart wachsen lassen - eine Auseinandersetzung mit der eigenen Identität? Austesten von Grenzen? Relative Einigkeit besteht über die Ursachen, warum Jugendliche sich von den grausamen IS-Videos angesprochen fühlen - und im Extremfall in den Krieg nach Syrien oder den Irak ziehen. Die meisten hätten sich zuvor diskriminiert und nicht wertgeschätzt gefühlt, sagt Florian Endres, vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge. Zudem holen Terroristen junge Menschen dort ab, wo sie stehen. Der IS greife in seinen Videos gezielt Elemente aus Filmen und Computerspielen heraus, so der Islamwissenschaftler Rüdiger Lohlker. Zugleich werde Jugendlichen in Krisen eine klare Lösung angeboten: "Es gibt einen deutlich definierten Feind und eine deutlich definierte Wir-Gruppe, die als erfolgreich wahrgenommen wird." Inzwischen erreichen die Dschihadisten alle gängigen Internetplattformen sowie den Kurznachrichtendienst Twitter , sagte Lohlker.



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HintergrundAnderthalb Wochen nach dem Anschlag auf das Nationalmuseum in Tunis haben am Sonntag tausende Menschen in der tunesischen Hauptstadt gegen den Extremismus demonstriert. "Freies Tunesien, Terrorismus raus", skandierten die Teilnehmer des Protestmarschs, der unter scharfen Sicherheitsvorkehrungen stattfand. Das tunesische Innenministerium teilte indes mit, am Samstag hätten Sicherheitskräfte in der Gebirgsregion Sidi Aïch neun Kämpfer der Okba-Ibn-Nafaa-Brigade getötet. Diese gilt als größte Dschihadistengruppe des Landes. Nach Angaben des Ministeriums gehörten die Getöteten zu den "gefährlichsten Terroristen Tunesiens". Regierungschef Habib Essid teilte mit, auch der Okba-Ibn-Nafaa-Anführer Lokmane Abou Sakhr sei getötet worden. afp