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Schulfach Glück für zielgerichtetes Lernen: Wie Kinder wirklich fürs Leben lernen

Köln/Frankfurt. Wirtschaft, Gesundheit, Glück, Schach: An Schulen werden immer mehr neue Fächer eingeführt, um die Kinder und Jugendlichen besser aufs Leben vorzubereiten. Dabei kommt es eigentlich auf etwas ganz anderes an, meinen viele Bildungsexperten. Sabine Damaschke (epd),Iris Neu (SZ)

"Glück" auf dem Stundenplan - Rektor Lüder Ruschmeyer ist für vieles offen. Aber als die Eltern der Realschule Lindlar bei Köln mit dem Wunsch nach diesem Unterrichtsfach auf ihn zukamen, war er weniger glücklich. "Wir konnten sie überzeugen, dass es die Inhalte des Faches schon zu über 90 Prozent in unserem Philosophie- und Religionsunterricht, in Projekten und Arbeitsgemeinschaften gibt", erzählt Ruschmeyer. An mehr als 100 Schulen im deutschsprachigen Raum allerdings gibt es das Fach bereits, in dem Jugendliche sich mit Ethik, Zufriedenheit, Gemeinschaft und Gesundheit auseinandersetzen.

So auch an der Gemeinschaftsschule Stadtmitte im saarländischen Neunkirchen. Dort gibt Sebastian Ecker "Glücks"-Unterricht. "Seit diesem Schuljahr haben wir das Fach fest integriert, mit jeweils circa zehn Stunden im Halbjahr für die 5er und 6er Klassen", sagt Ecker. Und berichtet über große Erfolge, etwa was das Lernklima betrifft - gerade in schwierigen Klassen. Er selbst wurde, wie er sagt, durch die Medien auf das Fritz-Schubert-Institut in Heidelberg aufmerksam, wo Lehrer im Fach "Glück" ausgebildet werden. Dort machte er eine einjährige Ausbildung. Seiner Meinung nach sollte "Glück" einen hohen Stellenwert im Stundenplan haben. Auch andere neue Unterrichtsfächer machen inzwischen Schule: Schach fördert die Konzentration, Medienkunde die Internetkompetenz, Ernährungslehre die Gesundheit, Theater das Selbstbewusstsein. Spezielles Wissen wird in Weinbau, Astronomie und Ökonomie vermittelt.

Seit die grün-rote Landesregierung in Baden-Württemberg angekündigt hat, im Schuljahr 2016/17 "Wirtschaft/Berufs- und Studienorientierung" an allen weiterführenden Schulen verpflichtend einzuführen, ist die Diskussion um all diese zusätzlichen Fächer wieder neu entbrannt. Hinzu kam das große Echo auf den Tweet der Schülerin Naina aus Köln vom Januar: "Ich bin fast 18 und hab keine Ahnung von Steuern, Miete oder Versicherungen. Aber ich kann 'ne Gedichtanalyse schreiben. In vier Sprachen".

Verbände, Unternehmen, Politiker und Eltern kommen mit immer neuen Vorschlägen, wie die Kinder und Jugendlichen in der Schule fit fürs Leben gemacht werden können. Bildungsexperten und Gewerkschaften warnen vor einer Überfrachtung der Stundentafeln. Wichtiger sei ein Nachdenken über das Lernen selbst, fordert das Vorstandsmitglied der Bertelsmann-Stiftung und frühere Hamburger Wissenschaftssenator, Jörg Dräger. Steigende Bedeutung habe die Fähigkeit, Informationen im Zusammenhang zu sehen, einzuordnen und zu bewerten, schreibt er in einer Stellungnahme. Ähnlich sieht es auch Ilka Hoffmann von der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) in Frankfurt am Main. Der ständige Ruf nach neuen Fächern zeuge von einem "sehr traditionellen" Bildungsdenken, kritisiert die Leiterin des Organisationsbereichs Schule. Statt Wissen häppchenweise im 45-Minuten-Takt zu vermitteln, gingen immer mehr Schulen dazu über, Fächerverbünde zu schaffen und thematische Projekte anzubieten. Daher steht die GEW auch einem Schulfach "Wirtschaft" sehr kritisch gegenüber. "Hier werden über ein abstraktes Fach einseitige Inhalte transportiert", bemängelt Hoffmann. Das Unternehmertum spiele in den bisher geplanten Lehrplänen eine viel zu große Rolle, während soziale Aspekte der Wirtschaft fehlten.

Der Bielefelder Professor für Wirtschaftssoziologie , Reinhold Hedtke, beobachtet schon seit 20 Jahren eine zunehmende Einflussnahme von Wirtschafts- und Finanzverbänden auf die Schulen . "Mit professionell und modern gestalteten Unterrichtsmaterialien, Vorträgen und Bewerbungstrainings versuchen Unternehmen, Handwerkskammern, Krankenversicherungen und Bankinstitute ihre meist neoliberale Auffassung von Wirtschaft in die Köpfe der Jugendlichen zu bekommen", kritisiert Hedtke. Für ihn gehören daher an den Schulen Wirtschaft, Politik und Recht zusam men.