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Schluss mit Hausaufgaben!?

Gezielte Förderung im Unterricht anstatt Hausaufgaben – das ist die Philosophie am Elsa-Brändström-Gymnasium. Fotos: Berg/dpa
Gezielte Förderung im Unterricht anstatt Hausaufgaben – das ist die Philosophie am Elsa-Brändström-Gymnasium. Fotos: Berg/dpa
Oberhausen/Saarbrücken. Wenn Eltern für das Nacharbeiten des Lernstoffs mitverantwortlich sind, wird Chancenungleichheit gefördert, sagt Bernhard Strube. Im Gespräch mit SZ-Redakteur Pascal Becher erklärt der Sprecher der Landeselterninitiative für Bildung warum. Von Christoph Driessen (dpa) und Pascal Becher (SZ)

Als Lutmir Krasniqi vor sieben Jahren aus dem Kosovo ins Ruhrgebiet kam, sprach er kein Wort Deutsch. Vor ein paar Wochen hat der 18-Jährige Abitur gemacht - mit einem Durchschnitt von 1,4. Einer seiner beiden Leistungskurse war Deutsch, die Sprache, in der er bei seiner Ankunft nicht mal bis zehn zählen konnte. Es ist eine echte Erfolgsgeschichte im deutschen Schulsystem. Das Problem ist: Es sind zu wenige.

Immer wieder zeigen Studien: Der Bildungserfolg in Deutschland hängt stark vom Elternhaus ab. "Insgesamt geht es mit der Chancengerechtigkeit eher im Schneckentempo voran", warnte Jörg Dräger, Vorstand der Bertelsmann Stiftung, jüngst im Chancenspiegel der Stiftung.

Seit vielen Jahren diskutieren Politiker darüber, wie man das ändern kann. Bildungsexpertin Jutta Allmendinger hat nun Hausaufgaben als eine Wurzel des Übels ausgemacht. "Hausaufgaben alten Stils zementieren soziale Ungleichheit", sagte die Präsidentin des Wissenschaftszentrums Berlin für Sozialforschung. Es sei viel besser, den Lernstoff im Unterricht selbst in kleinen Gruppen zusammen mit dem Lehrer noch einmal durchzuarbeiten. Die Bildungsforscherin fordert daneben ein längeres gemeinsames Lernen mindestens bis zum Alter von 14 Jahren. Das Wichtigste sei jedoch ein flächendeckender Ausbau von Kindertagesstätten. Ohne den Kita-Besuch gerieten Kinder aus sozial schwachen Familien schon in den ersten Lebensjahren in massiven Entwicklungsrückstand. Leider treffe für Deutschland immer noch zu: "Einmal arm - immer arm."

Doch so muss es nicht laufen - wie das Beispiel von Lutmir und seiner Familie zeigt. Sie ließ sich 2006 in Oberhausen nieder, einer der ärmsten Städte Deutschlands. Im Zentrum stehen viele Geschäfte und Kaufhäuser leer. Auch das Elsa-Brändström-Gymnasium, ein düsterer Backsteinbau, könnte mal wieder einen neuen Anstrich gebrauchen. Doch die Schule mit einem hohen Migrationsanteil ist mehrfach ausgezeichnet - und sie hat Hausaufgaben abgeschafft.

Was anfangs für Widerstand sorgte: "Irgendwo ist das bei allen im Kopf drin: Zur Schule gehören auch Hausaufgaben", sagt Schulleiterin Brigitte Fontein. Viele Eltern seien keineswegs dankbar, wenn ihnen die Paukerei abgenommen werde. "Sie befürchten Kontrollverlust." Am Oberhausener Gymnasium wird heute auch die Übungsphase in den Unterricht eingebaut - spezielle Hausaufgabenstunden gibt es nicht, dafür gezielte Förderung. Dann übt ein Fachlehrer mit höchstens vier Schülern. Spätestens um 16 Uhr gehen alle nach Hause - und haben dann auch nichts mehr auf. Sechs Stunden in der Woche sind für Freiarbeit reserviert.

Ein durchaus ungewöhnlicher Weg in Deutschland. Denn seit Bismarcks Zeiten soll das Paucken am heimischen Schreibtisch erledigt werden - auch bei vielen Ganztagsschulen ist das heute so. Die Forderung Allmendingers "Hausaufgaben abschaffen" stößt entsprechend auch auf erheblichen Widerstand. Nichts davon hält der Deutsche Lehrerverband. "Hausaufgaben sind sinnvoll und ein notwendiger Bestandteil schulischen Lernens", sagt Verbandspräsident Josef Kraus. Gerade für schwächere Schüler seien Hausaufgaben unerlässlich, nämlich als Chance zum nachträglichen Verstehen und zum Einüben. Auch seien sie ein wichtiger Gradmesser für Pädagogen, um den Erkenntnisstand der Schüler abzulesen, sagt Kraus.

Für Andrea Becker, Staatssekretärin im saarländischen Bildungsministerium, wird die Diskussion über eine generelle Abschaffung der Hausaufgaben in Deutschland hingegen zu "holzschnittartig" geführt. Sie werde "weder den einzelnen Schülerinnen und Schülern noch der jeweiligen Situation an den Schulen vor Ort gerecht." Becker spricht sich dafür aus, so wenig wie möglich "rechtsverbindliche Vorschriften, die das Erteilen und Anfertigen von Hausaufgaben" regeln, zu erlassen. Diesen Weg habe das Saarland eingeschlagen. Und: "Daran wollen wir auch nichts ändern."

Das Oberhausener Gymnasium will sich jedenfalls von Zweiflern nicht irritieren lassen - und ganz auf Freiarbeit gehen.Das Berliner Wissenschaftszentrum für Bildung fordert, Hausaufgaben abzuschaffen. Sie würden soziale Ungleichheit zementieren. Wie sehen Sie das?

Strube: Der Ansatz ist richtig. Gerade Ganztagsschulen, und um die geht es ja den Forschern hier, schaffen für Schüler ein optimales Lernumfeld. Sie haben die richtige Balance über den Tag hinweg aus Lernen, Entspannen und Vertiefen des Stoffs. Neu ist der Ansatz allerdings nicht. Er ist sogar in der saarländischen Verordnung zur Gebundenen Ganztagsschule verankert. Dort steht: Hausaufgaben sind weitgehend durch Schulaufgaben zu ersetzen.

Was bedeutet weitgehend?

Strube: Für Schüler soll zu Hause die Freizeit beginnen. Vokabeln lernen oder im Lehrplan vorgesehene Bücher lesen ist soweit noch in Ordnung. Regelmäßig mehr aber nicht. Und für diesen Weg macht sich die Elterninitiative für Bildung stark.

Und damit liegen Sie klar auf der Linie einer Umfrage der Uni Bielefeld. Dort beklagten 60 Prozent der Eltern, sich zunehmend als Hilfslehrer zu fühlen.

Strube: Zu Recht. Es darf nicht sein, dass Eltern mit ihren Kindern sogar Stoff durchnehmen müssen, den Lehrer im Unterricht zeitlich nicht gepackt haben. Gerade so kommt es leicht zur vielbeklagten Chancenungleichheit zwischen bildungsnahen und -fernen Schichten in Deutschland, den die Berliner Forscher anprangern.

Wie das?

Strube: Weil beispielsweise Eltern mit Migrationshintergrund oft nicht die sprachlichen Fähigkeiten haben, den Stoff adäquat zu vermitteln. Oder Eltern haben schlicht nicht die Kenntnisse dafür. Der Punkt, an dem sie nicht mehr weiterwissen, ist irgendwann erreicht. Und die Kinder bleiben auf der Strecke. Zwangsweise. Nein, für die Stoffvermittlung sind Lehrer gefragt. Und die Schule muss sich mit der Anlage von Unterricht und Lernen den Kindern anpassen.

Ganztagsschulen sorgen also für Gerechtigkeit bei der Bildung.

Strube: Ja: Sofern es echte Ganztagsschulen sind. Viele sind allerdings sogenannte freiwillige Ganztagsschulen. Die Bezeichnung ist eine Mogelpackung. Es wird schulische Bildung vorgegaukelt, aber überwiegend Aufbewahrung mit Beschäftigung der Schüler am Nachmittag geboten - mit einer Stunde Hausaufgabenbetreuung.. Da hetzen Kinder auch oft nur morgens von Fach zu Fach. Machen Aufgaben und gehen heim. Das war's.



Noch vor sieben Jahren sprach er kein Wort Deutsch, jetzt hat Lutmir Krasniqi sein Abitur mit Durchschnitt 1,4 gemacht.
Noch vor sieben Jahren sprach er kein Wort Deutsch, jetzt hat Lutmir Krasniqi sein Abitur mit Durchschnitt 1,4 gemacht.
Bernhard Strube
Bernhard Strube