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Schlacht der Worte im Schuldendrama

Berlin. Diplomatische Verstimmung, vermutlich nach einem Übersetzungsfehler: Hat Finanzminister Wolfgang Schäuble seinen griechischen Amtskollegen Varoufakis beleidigt? André Stahl,Tim Braune (dpa)

So etwas passiert unter befreundeten Ländern ganz selten: Der griechische Botschafter ruft in Berlin beim Auswärtigen Amt an. Der Diplomat beschwert sich am Donnerstag offiziell im Namen der Regierung über Wolfgang Schäuble . Denn griechische Medien glauben, einen ungeheuerlichen Vorfall aufgedeckt zu haben. Tatort: Brüssel, 10. März. Der Tat verdächtigt: der deutsche Finanzminister . Tatwaffe: ein Zitat.

Schäuble soll nach dem Treffen der EU-Finanzminister vor Journalisten über die Kommunikationsstrategie seines Amtskollegen Gianis Varoufakis böse abgelästert haben. Als "dümmlich naiv" (englisch: "foolish naive") habe der Deutsche den erst seit kurzem amtierenden Griechen bloßgestellt. Wer sich aber den Mitschnitt der Pressekonferenz anschaut, wundert sich. Zwar macht sich Schäuble auf Deutsch durchaus lustig über Varoufakis, den er schon häufiger als "berühmten Weltökonom" verspottet hat. Dieser sei in Sachen Kommunikation und Eigen-PR eben stärker als in der Substanz. Aber wo ist - nach dem Streit um Entschädigungen, Flüchtlingsströme und die angedrohte Pfändung deutschen Eigentums - der neue Skandal?

Schäubles Original-Zitat am Ende der Fragerunde, das sich auf ein intensives Gespräch mit Varoufakis bezieht, ist eher harmlos: "Also, dass er (Varoufakis) nun plötzlich naiv in Sachen Kommunikation wäre, habe ich ihm gesagt, das ist mir ganz neu. Aber man lernt ja nie aus." Vermutet wird nun, dass griechische Journalisten einer falschen Übersetzung aufgesessen sind - oder es wird bewusst gezündelt. Auf alle Fälle reicht es für einen kleinen diplomatischen Eklat. Die Regierung von Ministerpräsident Alexis Tsipras reagiert - und legt, ohne konkreter zu werden, Protest wegen "einer Äußerung" des Bundesfinanzministers ein. Allein der förmliche Protest ist ungewöhnlich. Varoufakis und Schäuble sind wie alle Euro-Finanzminister per Du - jeder hat die Handynummern, ein Anruf genügt in der Regel, um solche Sachen aus der Welt zu schaffen.

Im Tagesverlauf scheint den Griechen zu dämmern, dass es sich um ein Missverständnis handeln könnte. In Athen heißt es plötzlich zur Begründung, es gehe nicht um einen Satz, sondern allgemein um Schäubles Ton und Auftreten. Varoufakis selbst beklagt in einem Interview: "Bei einem Treffen, das ich mit Herrn Schäuble hatte, sagte er mir, ich hätte das Vertrauen der deutschen Regierung verloren. Und ich sagte ihm: Ich hatte es nie, ich bin Mitglied einer Regierung der radikalen Linken."

In der Praxis spielt das eigentlich kaum noch eine Rolle. Varoufakis ist aus dem Spiel, denn längst handelt sein Premier Tsipras mit den Euro-Finanzministern die Deals aus. Dennoch ist Schäuble in Athen so verpönt wie das Geldgeber-Trio aus IWF, EU-Kommission und EZB. Der 72-jährige Schäuble macht seit Wochen keinen Hehl aus seiner Abneigung gegenüber dem fast 20 Jahre jüngeren Politneuling aus Athen . Schäuble hält Varoufakis für einen populistischen Zocker, der Absprachen ignoriert und öffentlich umdeutet.