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Schicksalswahl im Zeichen des Terrors

Paris. Das IS-Attentat auf den Champs-Elysées könnte die Präsidentschaftswahl in Frankreich an diesem Sonntag entscheidend beeinflussen. Christine Longin,Christian Böhmer

"Bougez-vous!" Bewegen Sie sich! Der schwerbewaffnete Polizist drängt Passanten zurück, die auf den Prachtboulevard Champs-Elysées gelangen wollen. Einheimische und Touristen folgen den Anweisungen. Über dem Areal kreist ein Hubschrauber, Polizeisirenen heulen.

Einige Straßenblöcke weiter: dieselbe gespenstische Atmosphäre. In der Rue de Balzac werden Angestellte von Sicherheitskräften aus ihren Büros begleitet. Ein Mann, der seinen Namen nicht nennen will, erzählt, er habe im Restaurant "Bistro Romain" auf den Champs-Elysées gegen 21 Uhr Schüsse gehört. "Einige gerieten in Panik", erzählt er.

Am Rande des Tatorts in der Nähe des Triumphbogens kursieren Gerüchte. Ein Passant erzählt, es gebe einen flüchtigen Komplizen des Terrorverdächtigen, der von der Polizei erschossen wurde. Offiziell wird das aber nicht bestätigt. Ein Sprecher des Innenministeriums sagt, es gebe nur einen Angreifer.

Der Mann hatte das Feuer in der Höhe eines Geschäfts der britischen Einzelhandelskette Marks & Spencer auf Polizisten eröffnet, tötete einen von ihnen und verletzte zwei schwer. Später nimmt die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) die Attacke für sich in Anspruch.

Der obere Teil der Prachtstraße in der Nähe des Triumphbogens ist komplett von Sicherheitskräften abgesperrt. Geschäfte haben Rollläden heruntergelassen, mehrere U-Bahn-Stationen sind aus Sicherheitsgründen geschlossen.

Es ist Donnerstagabend, 21.51 Uhr. Der Anschlag überschattet die Präsidentenwahl, die unmittelbar bevorsteht. Die in den Umfragen führenden Kandidaten schalten in den Krisenmodus. Auf den letzten Metern hoffen vor allem die Rechtspopulistin Marine Le Pen und der konservative Ex-Premierminister François Fillon, durch das Ereignis Boden gut zu machen. Beide sagen ihre Wahlkampfauftritte ab - ebenso wie der in den Umfragen bisher führende unabhängige Kandidat Emmanuel Macron. "Diese Stimmungsänderung verstärkt den erbitterten Kampf, der zwischen den vier Favoriten stattfindet", schreibt die Zeitung "Le Monde". Zum Spitzenquartett gehört neben Le Pen, Macron und Fillon auch der Linkspopulist Jean-Luc Mélenchon, der seine Wahlkampftermine beibehält. Jeder der in Umfragen dicht beieinander liegenden Kandidaten könnte den Einzug in die Stichwahl schaffen. Ein bisher in Frankreich einmaliges Szenario.

Wie stark die Bilder der in Blaulicht getauchten Champs-Elysées die Wahlkampagne verändern, können die Fernsehzuschauer am Donnerstagabend live miterleben. Nacheinander richten sich alle Kandidaten an ihre Landsleute. "Der Kampf gegen den islamistischen Totalitarismus muss die Priorität des nächsten Präsidenten sein", sagt Fillon, der in Umfragen auf dem dritten Platz liegt. Als ehemaliger Regierungschef kann er auf seine Erfahrung setzen, die ihn allerdings auch angreifbar macht. Denn in seiner Amtszeit wurde die Zahl der Polizisten um 13 000 verringert, woran Regierungschef Bernard Cazeneuve am Freitag noch erinnert. In einem Statement kritisiert der sonst so zurückhaltende Sozialist Fillon und Le Pen offen, die versuchten, aus dem Anschlag Kapital zu schlagen.

"Die Kandidatin des Front National versucht davon zu profitieren, um zu spalten", sagt Cazeneuve nach einer Krisensitzung im Elysée. Le Pen ist jüngst in Umfragen leicht abgesackt und liegt am Donnerstag noch knapp hinter Macron. In ihren letzten Wahlkampfauftritten setzt die Kandidatin, die für einen EU-Austritt Frankreichs wirbt, deshalb auf ihre Kernthemen Einwanderung und Sicherheit. "Schluss mit dem Laxismus, Schluss mit der Naivität", fordert die 48-Jährige. Erst kürzlich hatte sie mit ihrer Behauptung, sie hätte als Präsidentin den Anschlag auf den Pariser Konzertsaal Bataclan verhindern können, für Schlagzeilen gesorgt.

"Null Risiko gibt es nicht", erwidert Macron der FN-Chefin. "Diese Bedrohung wird Teil unseres Alltags bleiben." Als Jüngster des Bewerberfelds versucht der 39-Jährige mit seinem Auftritt zu zeigen, dass er als Präsident auch den schwierigen Anti-Terror-Kampf führen kann.

Seit den Terroranschlägen von Paris vom November 2015 gilt der Ausnahmezustand im Land. Attacken auf Sicherheitskräfte gab es bereits, vor einem Monat wurden Soldaten auf dem Pariser Flughafen Orly attackiert, der Angreifer wurde erschossen. Erst Anfang der Woche hatten Ermittler in Marseille zwei mutmaßliche Dschihadisten festgenommen, die vor der Wahl einen Anschlag verüben wollten. An diesem Sonntag sollen rund 50 000 Polizisten für Sicherheit in den 67 000 Wahllokalen sorgen.

Doch kann der Anschlag auf den Champs-Elysées tatsächlich die Wahl beeinflussen? "Das Ereignis könnte nur eine mäßige Auswirkung haben", sagt der Meinungsforscher Frédéric Dabi vom Ifop-Institut der Zeitung "Les Echos". "Erstens, weil es spät kommt und zweitens, weil die Franzosen eine gewisse Widerstandskraft entwickelt haben." Abzuwarten bleibt auch, ob er sich auf die Wahlbeteiligung auswirkt. Rund 30 Prozent der Franzosen hatten angekündigt, möglicherweise nicht zur Wahl zu gehen.

Zum Thema:

Rechtspopulisten liegen in Grenzregion vorne Bereits vor dem Angriff auf den Champs-Elysées hatte der Front National in der saarländischen Nachbarregion Grand Est die Nase vorn. Das zeigt die jüngste Umfrage von Ipsos für den Sender France 3. Mit 27,5 Prozent landet Le Pen in der Region weit vor Emmanuel Macron (21,5 Prozent). Für den Konservativen François Fillon würden dort 19,5 Prozent stimmen.