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Frauen und Männer schauen getrennt
Saudi-Arabien erlaubt wieder Kinos

Riad. Öffentliche Filmvorführungen waren im islamisch-konservativen Staat über 35 Jahre lang verboten. Damit soll jetzt Schluss sein. Aber die Zensur bleibt.

Der saudische Schauspieler Hischam Fakih war glücklich und geschockt zugleich, als er die Nachricht bekam – und so richtig fassen kann er sie noch immer nicht. „Wir haben das seit Jahren gehört, und nun heißt es, es passiert bald“, sagt er am Telefon mit einer Stimme, die sich vor Begeisterung beinahe überschlägt. „Ich kann es nicht glauben.“


Tatsächlich stellt die Mitteilung, die Saudi-Arabiens Regierung gestern verbreitete, nicht nur für den 30 Jahre alten Künstler, sondern für das gesamte Land einen Kulturbruch dar: Erstmals seit mehr als 35 Jahren erlaubt das islamisch-konservative Königreich wieder öffentliche Kinos. Diese hatte die Führung Anfang der 1980er Jahre im Zuge einer konservativeren Politik verboten. Bis heute sehen konservative Saudis in jeder Art von Vergnügung einen Frevel.

Schon im kommenden März sollen die ersten Kinos in Saudi-Arabien öffnen und bis zum Jahr 2030 mehr als 300 Lichtspielhäuser im Land Filme zeigen. Die Entscheidung des Königreichs steht in einer Reihe von Maßnahmen, mit denen die Führung des Landes den Saudis mehr gesellschaftliche Freiheiten gibt. Ab Mitte 2018 sollen saudische Frauen endlich Auto fahren dürfen, was ihnen bisher verboten ist. Auch der Zutritt zu Sportstadien soll ihnen gestattet werden, wenn sie mit der Familie kommen. Vor einer Woche begeisterte die libanesische Sängerin Habi Tawadschi ihr – ausschließlich weibliches – Publikum in einer Konzerthalle in Riad. Bei den ersten Comic-Messen jüngst konnten sich Fans als ihre Lieblingshelden verkleiden.

Hinter der Liberalisierung steckt Mohammed bin Salman, der 32 Jahre alte Kronprinz, in dem eine ganze Generation junger Saudis einen Hoffnungsträger sieht. Längst gilt der Sohn von König Salman als eigentlicher Herrscher des Landes. Mit Entschlossenheit, aber auch mit Ungeduld treibt er Reformen voran, die viele junge Frauen und Männer längst für überfällig halten. Denn die Lesart des Islam mag in Saudi-Arabien ultrakonservativ sein – zugleich ist der Reformdruck in einer jungen Gesellschaft jedoch riesig geworden. Mehr als 70 Prozent der Saudis sind unter 30. Viele von ihnen waren zum Studium im Ausland, oder sie sind über soziale Medien mit der Welt verbunden. Sie fordern das ein, was sie aus anderen Ländern kennen.

Auch die Wirtschaft des Landes verlangt Reformen. Bislang hängt Saudi-Arabien fast vollständig von seinen Ölvorkommen ab, die jedoch in nicht allzu ferner Zukunft erschöpft sein werden. Die „Vision 2030“ von Kronprinz Salman will die Wirtschaft breiter aufstellen. Kinos sollen dazu beitragen, das Land für Besucher attraktiver zu machen und den Tourismus auszubauen.



In die Begeisterung über das Ende des Kinoverbots mischt sich auch Skepsis. „Kino ohne Mischung (von Frauen und Männern) ist kein Kino“, twitterte eine Frau aus der Hafenstadt Dschidda. Dass aber die strikte Trennung der Geschlechter bald aufgehoben wird, ist nicht zu rechnen. Auch nicht mit größeren politischen Freiheiten. Um potenziellen Widerstand gegen Reformen auszuräumen, ließ Salman im September prominente Geistliche festnehmen, die als Regierungskritiker gelten. Die britische Golf-Expertin Jane Kinninmont sieht deshalb in Saudi-Arabien derzeit eine „Modernisierung des Autoritarismus“. Und Schauspieler Fakih prophezeit: „Das Material wird die Zensur durchlaufen, damit sichergestellt wird, dass es in Einklang mit den Werten und der Medienpolitik des Königreichs steht.“