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Russische Präsidentschaftswahl
Russland kämpft gegen Wahlmüdigkeit

Unser Archivfoto zeigt Russlands Präsident Wladimir Putin auf mehreren TV-Bildschirmen: Auch aktuell versucht der Kreml, das Volk allüberall an die bevorstehende Präsidentenwahl zu erinnern.
Unser Archivfoto zeigt Russlands Präsident Wladimir Putin auf mehreren TV-Bildschirmen: Auch aktuell versucht der Kreml, das Volk allüberall an die bevorstehende Präsidentenwahl zu erinnern. FOTO: dpa / Maxim Shipenkov
Moskau. Vor der Präsidentenwahl am 18. März sehen viele Russen nur zwei Möglichkeiten: Putin wählen oder ein Wahlboykott.

Bei der jungen Russin Olga geht der Riss durch die Familie, er ist typisch für das ganze Land. Am kommenden Sonntag sind mehr als 109 Millionen Menschen in Russland zur Präsidentenwahl aufgerufen. Viele sehen aber nur zwei Möglichkeiten: Wladimir Putin oder Boykott. Die 23-jährige Olga will diese Scheinalternative nicht akzeptieren. Während sie mit einem Team um den Oppositionellen Dmitri Gudkow andere zur Wahl motivieren und sogar als Wahlbeobachter rekrutieren kann, stößt sie bei ihrer Familie auf Widerstand.


Denn ihr Vater, ihre Mutter und selbst die Großeltern schließen wie viele Russen den Gang zur Urne bislang aus. „Die Stimme so zu verschenken, spielt nur dem Kreml in die Hände“, argumentiert Olga zwar mit Nachdruck. Doch wen immer man in der Hauptstadt fragt, es kommt die Antwort: Niemand könne das Endergebnis, die Wiederwahl Putins, beeinflussen – schon gar nicht die Wähler.

Mit Überraschungen ist am 18. März kaum zu rechnen. Staatlichen Umfragen zufolge liegt Putin seit Wochen konstant bei rund 70 Prozent der Stimmen. Keiner der sieben Herausforderer wird ihm nur annähernd gefährlich, sie liegen im einstelligen Prozentbereich. Putins Wiederwahl ist gesetzt: Bis mindestens 2024 wird er Russland weiter steuern. Dennoch gibt es am Wahltag ein Horrorszenario für die Staatsführung: eine niedrige Beteiligung. Es könnten weit weniger als die vom Kreml erhofften 70 Prozent der Wähler ihre Stimme abgeben. „Genau das wäre ein Alptraum für den Kreml“, sagt der russische Kolumnist Konstantin von Eggert. Dadurch könne der Mythos der triumphalen Zustimmung zu Putin entlarvt werden. Die Staatsführung werde daher alles versuchen, um mit einer hohen Beteiligung den Schein eines großen Sieges zu wahren. So überschüttet die Wahlkommission die Russen seit Wochen mit Werbung. An fast jeder Straßenecke, per SMS, sogar mit Plakaten vor dem Saunagang wird der 18. März in Erinnerung gerufen.

In der Diskussion darüber, nicht wählen zu gehen, kommt mehreres zusammen: Politikmüdigkeit, Misstrauen gegen die Obrigkeit und bewusster Boykott. Dazu ruft vor allem Kremlkritiker Alexej Nawalny auf, der wegen einer umstrittenen Vorstrafe von der Kandidatur ausgeschlossen wurde. „Jeder, der wählen geht, stimmt für Lügen und Korruption“, mahnt er in einem Video. Auch eine Stimme für einen Herausforderer sei ein Votum für den Kreml. Hat er Recht? Wahlabstinenz komme rechnerisch Putin zugute, sagen Experten. Nur eine abgegebene Stimme gegen ihn schmälere den Eindruck eines haushohen Putin-Sieges und zeige Unzufriedenheit. Also sollte man für andere Kandidaten stimmen oder ungültig wählen. So werde die Stimme mitgezählt, komme aber nicht Putin zugute. Eine größere Wahlbeteiligung stärke auch die Opposition, sagt der liberale Moskauer Politiker Dmitri Gudkow. Wer auf Platz zwei und drei lande, könne sein politisches Gewicht steigern – besonders für Quereinsteigerin Xenia Sobtschak und Kommunisten-Kandidat Pawel Grudinin sei dies wichtig. „Es geht darum, die Opposition zu vereinen und die Diskussion für die Zukunft anzuheizen“, sagt Gudkow, der nach eigenen Angaben Tausende Wahlbeobachter in Moskau rekrutiert hat.

Andere Organisationen schicken Mitarbeiter los, um Mehrfach-Stimmabgaben, gekaufte oder gefälschte Kreuze zu verhindern. „Wenn Putin schon gewählt wird, wollen wir sichergehen, dass dies auf faire Weise geschieht“, erklärt der Ex-Duma-Abgeordnete, der im Herbst bei der Bürgermeisterwahl in Moskau antreten will. Gudkow will die Politikverdrossenheit mildern. „Viele sind überzeugt, dass sie so die Wahl irgendwie beeinflussen können – wenn schon nicht mit dem Akt des Wählens.“ Selbst bei der trägen Präsidentenwahl habe sich gezeigt: „Die Menschen beginnen wieder zu diskutieren.“