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Respekt statt Religionskrieg

Rouen/Paris. Nach dem Mord an einem Priester demonstrieren die Religionen in Frankreich Einigkeit. Bei der Totenmesse waren gestern auch Juden und Muslime anwesend. Vor der Kirche harrten viele im Regen aus. Christine Longin

Jacques Hamel galt als zurückhaltender Typ, der keine Menschenmassen mochte. Die streng bewachte Totenmesse mit rund 1700 Gläubigen in der Kathedrale von Rouen passte nicht zum bescheidenen Lebensstil des 85-jährigen Priesters, dem vergangene Woche zwei Islamisten mitten im Gottesdienst die Kehle durchgeschnitten hatten. Doch dass zu der Zeremonie auch Muslime und Juden gekommen waren, dürfte durchaus im Sinne des Geistlichen gewesen sein. "Wie du entscheide auch ich mich für den Respekt, die Liebe und die anderen", erinnerte seine Nichte Jessica mit tränenerstickter Stimme in einer kurzen Ansprache an den Toten.



Das Zusammenleben der Religionen ist seit dem ersten tödlichen Angriff in einer Kirche ein großes Thema in Frankreich. Schon einen Tag nach der Bluttat zweier 19-Jähriger, zu der sich die Terrororganisation Islamischer Staat bekannte, lud Präsident François Hollande die Vertreter aller großen Glaubensgemeinschaften in den Elysée-Palast. Nach dem Treffen rief der Pariser Erzbischof André Vingt-Trois zur Einheit auf: "Wir können uns nicht auf das Spiel des IS einlassen, der die einen gegen die anderen aufbringen will." Worte, die im Sinne von Hamel gewesen sein dürften, denn der Priester hatte eng mit den Muslimen in Rouen zusammengearbeitet.

"In den vergangenen 18 Monaten, seit den ersten Anschlägen in Frankreich, haben wir uns oft ausgetauscht", berichtete der Vorsitzende des muslimischen Glaubensrates der Normandie, Mohamed Karabila, der Zeitung "Le Figaro". Mit Hamel habe er einen Freund verloren, ergänzte Karabila, der gestern auch an der Totenmesse teilnahm. Der Dialog zwischen den Religionen war in mehreren großen Städten entstanden, nachdem sich nach dem Attentat auf die Satirezeitung "Charlie Hebdo" eine islamfeindliche Stimmung breit gemacht und die Zahl entsprechender Attacken extrem erhöht hatte.

Katholiken und Muslime , mit fünf Millionen Mitgliedern die zweitgrößte Glaubensgemeinschaft Frankreichs, demonstrierten nach der Bluttat in der Kirche von Saint-Etienne-du-Rouvray deshalb schnell Einigkeit. Der Leiter des muslimischen Glaubensrates, Anouar Kbibech, rief seine Gläubigen auf, mit ihrer Präsenz in der Sonntagsmesse Solidarität mit den trauernden Katholiken zu zeigen. Ein Appell, dem hunderte Muslime nachkamen. So saßen in der Kathedrale von Rouen Frauen mit Kopftuch neben den katholischen Gläubigen. "Wir begrüßen unsere muslimischen Brüder und Schwestern als Baumeister des Friedens", sagte der Erzbischof von Rouen, Dominique Lebrun. Als wenige Stunden später in der Pariser Kathedrale Notre-Dame der Gedenkgottesdienst für Hamel gefeiert wurde, war dort nicht nur Präsident Hollande, sondern auch der Rektor der Moschee, Dalil Boubakeur, anwesend. "Man kann keine Einheit aufbauen, indem man Sündenböcke jagt", warnte Vingt-Trois.

Worte, die dem Szenario des Religionskriegs entgegenwirken sollten, das Regierungschef Manuel Valls entworfen hatte. "Das Ziel ist es, einen Krieg der Religionen heraufzubeschwören, aber unsere Stärke ist unsere Verschiedenheit", mahnte Valls in einem Interview. "Wir müssen eine Einheit bilden gegen jene, die uns auseinander bringen wollen."



Meinung:

Einigkeit als einzige Antwort

Von SZ-Korrespondentin Christine Longin

Es ist ein Bild, an das sich viele erst gewöhnen müssen: Frauen mit Kopftüchern in einer katholischen Kirche. Und das, nachdem zwei Islamisten einen Geistlichen ermordet haben. Doch dieser so ungewöhnliche Schulterschluss, der bei der Beisetzung des Priesters gezeigt wurde, ist die einzige Antwort auf die Barbarei des Islamischen Staates. Die meisten Muslime wissen, dass auch sie vor Terror nicht gefeit sind. Auch Imame haben Morddrohungen erhalten. Auch die Moscheen von gemäßigten Geistlichen können Ziele werden. Und sowohl in Nizza als auch Paris waren Muslime Opfer. Wer jetzt die Gläubigen gegeneinander aufhetzt, hat den Ernst der Lage nicht verstanden. Das Ziel der Islamisten ist nicht die eine oder die andere Religion. Das Ziel ist ganz Frankreich. Die Kirchen haben das verstanden.