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Doppelstress für Arbeitnehmer
Pflege und Beruf sind oft schwer vereinbar

DGB-Vorstandsmitglied Annelie Buntenbach
DGB-Vorstandsmitglied Annelie Buntenbach FOTO: Jaðrg Carstensen / picture alliance / dpa
Berlin. Jeder elfte Beschäftigte pflegt inzwischen einen Angehörigen, sagt eine neue DGB-Studie. Und: Die Doppelaufgabe belastet viele. Von Stefan Vetter

Jeder elfte Beschäftigte in Deutschland kümmert sich nebenbei noch um einen pflegebedürftigen Angehörigen. Fast drei Viertel der Betroffenen stellt die zeitliche Vereinbarkeit von Beruf und Pflege allerdings vor Probleme. Das geht aus einer aktuellen Untersuchung des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB) hervor, die der Saarbrücker Zeitung vorliegt.



In Deutschland sind rund 3,3 Millionen Menschen pflegebedürftig (im Saarland waren es Ende 2015 laut der aktuellsten Statistik rund 38 000). Gut zwei Millionen Betroffene werden daheim versorgt, zumeist von ihren Angehörigen. Wie aus einer repräsentativen Befragung im Rahmen des DGB-Index „Gute Arbeit“ hervorgeht, sind mittlerweile neun Prozent der Berufstätigen zusätzlich mit privaten Pflegeaufgaben betraut. Unter den älteren Beschäftigten ab 60 Jahren kümmert sich sogar bereits jeder Fünfte um pflegebedürftige Angehörige. Pro Woche werden dafür im Schnitt 13,3 Stunden aufgewendet. Bei jedem fünften Beschäftigten sind es sogar 20 Wochenstunden und mehr.

Die Pflege des Partners oder der Eltern stelle Berufstätige vor große Herausforderungen, heißt es in der Gewerkschaftsstudie. So geben 71 Prozent der mit privaten Pflegeaufgaben betrauten Beschäftigten an, dass sie zeitliche Probleme haben, um beide Aufgaben unter einen Hut zu bringen. Bei etwa jedem sechsten Betroffenen passiert das sehr häufig. Besonders angespannt ist hier offenbar die Lage für vollbeschäftigte Frauen – mehr als drei Viertel von ihnen stufen die Doppelbelastung als problematisch ein.

Zwar gab es in den vergangenen Jahren eine Reihe von gesetzlichen Maßnahmen, um die Situation von pflegenden Angehörigen zu verbessern. Beispielsweise können Berufstätige im Interesse ihrer zusätzlichen Pflegetätigkeit bis zu 24 Monate lang verkürzt arbeiten. Auch eine komplette Freistellung ist vorübergehend möglich. Doch die betriebliche Praxis wird davon offenbar kaum berührt. Der DGB-Untersuchung zufolge bekommen lediglich fünf Prozent der Betroffenen in ihren Unternehmen zusätzliche Auszeiten für die Pflege von Angehörigen. Aber 61 Prozent sagen, dass ein solches Angebot für sie hilfreich wäre. Eine zentrale Rolle spielt dabei die finanzielle Unterstützung. Nur ein Prozent der Befragten berichtet über entsprechende Hilfen durch ihren Betrieb. Fast zwei Drittel der Betroffen (61 Prozent) sehen jedoch in einer solchen Unterstützung einen wichtigen Faktor für die Verbesserung der Vereinbarkeit von Pflege und Beruf. Mehr Zeit für pflegende Angehörige ist auch eine der Forderungen, mit denen die IG Metall zurzeit für das Recht auf eine befristete Teilzeit kämpft.

DGB-Vorstandsmitglied Annelie Buntenbach forderte Politik und Arbeitgeber zum Handeln auf. „Einmal mehr wird sichtbar, wie wichtig mehr Arbeitszeitsouveränität für die Beschäftigten ist, um Privates mit dem Berufsleben vereinbaren zu können“, sagte Buntenbach der SZ. „Deshalb brauchen wir einen besseren gesetzlichen Rahmen für selbstbestimmte Arbeitszeiten und von den Arbeitgebern mehr zeitliche Flexibilität mit finanzieller Unterstützung.“