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Katholische Kirche
Papst findet klare Worte zum Missbrauch

Rom. Das Oberhaupt der Katholiken hat in einem Brief an die Gläubigen in aller Welt eingeräumt, dass die Kirche den Schmerz der Opfer lange ignoriert hat. Von Steffen Trumpf und Lena Klimkeit

Papst Franziskus hat den sexuellen Missbrauch durch Priester und dessen Vertuschung in einem Brief an Katholiken in aller Welt als Verbrechen verurteilt. Nach neuen Enthüllungen zu jahrzehntelangem Fehlverhalten der Kirche in den USA bat Franziskus gestern um Vergebung für den Schmerz, der den Missbrauchsopfern zugefügt wurde.


Jeder Katholik müsse sich daran beteiligen, Missbrauch und dessen Vertuschung gänzlich auszumerzen, schrieb der Papst. Er kritisierte eine Kultur, in der Kirchenoberen ihr Ruf wichtiger sei als der Schutz von Kindern.

„Mit Scham und Reue geben wir als Gemeinschaft der Kirche zu, dass wir nicht dort gestanden haben, wo wir eigentlich hätten stehen sollen und dass wir nicht rechtzeitig gehandelt haben, als wir den Umfang und die Schwere des Schadens erkannten, der sich in so vielen Menschenleben auswirkte“, schrieb Franziskus. „Wir haben die Kleinen vernachlässigt und allein gelassen.“



Der dreiseitige Brief kommt vor der päpstlichen Reise nach Irland an diesem Wochenende, die ebenfalls von der innerkirchlichen Missbrauchskrise bestimmt werden dürfte. In Irland hat die Glaubwürdigkeit der Kirche durch Jahre der Enthüllungen Schaden genommen, dass Kinder von Priestern vergewaltigt und belästigt worden sind, ohne dass die Täter zur Rechenschaft gezogen wurden. Stattdessen wurden ihre Taten für sie unter den Teppich gekehrt.

Durch die neuen Enthüllungen aus den USA hat das Thema zusätzliches Gewicht erhalten. Die Missbrauchsvorwürfe richten sich unter anderem gegen den früheren Erzbischof von Washington, Theodore McCarrick, einem Kardinal, der das Vertrauen von Franziskus genossen hat. McCarrick wird vorgeworfen, Jungen und erwachsene Seminaristen missbraucht zu haben.

Zusätzlich dazu veröffentlichte eine Geschworenenjury in Pennsylvania vor wenigen Tagen einen Bericht, in dem von mindestens 1000 Kindern gesprochen wird, die über sieben Jahrzehnte hinweg Opfer von knapp 300 Priestern geworden sind. Die Geschworenen kamen zu dem Schluss, dass Bischöfe mehrmals keine Maßnahmen zum Schutz der Kinder oder zur Bestrafung der Täter ergriffen hätten.

„Schauen wir in die Zukunft, so wird es nie zu wenig sein, was wir tun können, um eine Kultur ins Leben zu rufen, die in der Lage ist, dass sich solche Situationen nicht nur nicht wiederholen, sondern auch keinen Raum finden, wo sie versteckt überleben könnten“, erklärte Franziskus. Konkrete Maßnahmen zur möglichen Bestrafung der Verschleierung von solchem Missbrauch nannte er jedoch nicht.

Im Kampf gegen die Schandtaten nahm Franziskus auch die Gläubigen selbst in die Pflicht: Sie müssten sich für eine „Kultur des Schutzes und des ‚Nie wieder’ gegenüber jeder Art und jeder Form von Missbrauch“ einsetzen. „Es ist unmöglich, sich eine Umkehr des kirchlichen Handelns vorzustellen ohne die aktive Teilnahme aller Glieder des Volks Gottes.“

Eine internationale Recherchegruppe rief gestern eine Online-Datenbank mit irischen Geistlichen ins Leben, denen der sexuelle Missbrauch glaubhaft vorgeworfen wird oder wegen dessen sie bereits verurteilt wurden. Die im US-Bundesstaat Massachusetts ansässige Gruppe hofft darauf, Papst Franziskus so dazu bewegen zu können, die Namen aller als schuldig erachteten Priester und Glaubensbrüder zu veröffentlichen.

Co-Direktorin Anne Barrett Doyle erklärte, das Verstecken der Namen von Kinderschändern bringe nicht nur Kinder in Gefahr, sondern mache es für normale Katholiken auch fast unmöglich, ihre Familien zu schützen und Kirchenobere zur Verantwortung zu ziehen.