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Martin Schulz
„Ob ich jemals wieder fit werde, weiß ich nicht“

Martin Schulz fasst sich durchaus auch an die eigene Nase, wenn es um die Frage geht: Wie konnte es so weit kommen? Doch im Gespräch mit dem „Spiegel“ teilt der ehemalige SPD-Chef nun auch ordentlich gegen seine Partei aus. Er sei für sie am Ende der „ideale Sündenbock“ gewesen.
Martin Schulz fasst sich durchaus auch an die eigene Nase, wenn es um die Frage geht: Wie konnte es so weit kommen? Doch im Gespräch mit dem „Spiegel“ teilt der ehemalige SPD-Chef nun auch ordentlich gegen seine Partei aus. Er sei für sie am Ende der „ideale Sündenbock“ gewesen. FOTO: dpa / Michael Kappeler
Berlin. Ex-SPD-Chef Martin Schulz sieht sich nach seinem Absturz als Opfer einer „gnadenlosen“ Partei.

() Wenn Martin Schulz zurückblickt, fühlt er sich an „House of Cards“ erinnert, die US-Serie über Macht, Brutalität und Niedertracht in der Politik. Schulz räumt ein, dass er Fehler gemacht habe als Kanzlerkandidat und SPD-Chef, „dumme Fehler“, wie er sagt. Aber er fühlt sich auch als Opfer, als „idealer Sündenbock“, der an seiner eigenen Anständigkeit gescheitert ist.


So hat es der 62-Jährige dem „Spiegel“-Reporter Markus Feldenkirchen erzählt, der Schulz vor der Bundestagswahl über Monate hinweg begleitet hat. Viele in der SPD waren fassungslos, als der „Spiegel“ Ende September mit seiner „Schulz-Story“ erschien. Selbstzweifel, Hilflosigkeit, Frustration – Schulz hatte dem Autor Einblicke in seine Seelenlage gewährt, wie sie in der Politik bislang beispiellos waren („Die Leute finden mich peinlich. Die lachen doch über mich.“).

Jetzt hat Feldenkirchen nachgelegt. Er hat Schulz bis zum Ende seines Weges begleitet, bis zu jenem kalten Februartag, an dem der SPD-Chef nach Berlin aufbricht, um sein Amt niederzulegen. Die Geschichte, die der Autor für den neuen „Spiegel“ und sein Buch „Die Schulz-Story“ aufgeschrieben hat, zeigt das Bild eines zutiefst erschöpften Mannes. „Gott bin ich müde. So unfassbar müde. Ob ich jemals wieder fit werde, weiß ich nicht. Ich glaube, ich brauche ein halbes Jahr, um wieder zu Kräften zu kommen.“

Schon der Anfang klingt filmreif. „Entweder du killst ihn, oder er killt dich“, soll ihn Andrea Nahles Anfang 2017 mit Blick auf Sigmar Gabriel gewarnt haben. Der hatte Schulz damals SPD-Vorsitz und Kanzlerkandidatur angeboten, um selbst Außenminister zu werden. Als Schulz am Ende der Koalitionsverhandlungen mit der Union nach dem Amt des Außenministers griff, war es Gabriel, der dem einstigen Freund mit seinem Interview über den Mann mit den „Haaren im Gesicht“ den härtesten Schlag versetzte. Im Rückblick räumt Schulz ein, dass seine Entscheidung für das Auswärtige Amt ein Fehler war, nachdem er den Eintritt in ein Kabinett von Angela Merkel zuvor ausgeschlossen hatte: „Ich habe das falsch eingeschätzt mit dieser Glaubwürdigkeitslücke.“

Als Wendepunkt sieht Schulz die Entscheidung der SPD, nach den gescheiterten Jamaika-Sondierungen doch mit der Union über eine erneute Regierung zu verhandeln. „Da hätte ich zurücktreten müssen.“ Er habe den Schwenk zunächst nicht gewollt. Aber er habe damals gedacht, wenn der Bundespräsident ihn zu sich zitiere, könne er nicht Nein sagen oder zurücktreten. Seine Disziplin sei ihm zum Verhängnis geworden.



„Ich war ein glückloser Parteiführer“, bilanziert Schulz. „Ich glaube, ich bin nicht politisch gescheitert, aber sicher teilweise an den Strukturen der Partei zerschellt.“ Die SPD könne gnadenlos sein. „Ich bin der ideale Sündenbock für alles, was die Partei seit Jahren falsch gemacht hat.“ Seine Schwester hatte von einer „Schlangengrube“ gesprochen. „Mein Bruder ist nur belogen und betrogen worden“, sagte die Sozialdemokratin Doris Harst damals.

Schulz meint, man habe ihm einen Strick gedreht aus dem Satz, dass er nicht in eine Regierung von Merkel eintreten würde. Dabei sei dieser Satz direkt nach der Bundestagswahl und damit zu einem Zeitpunkt gefallen, als die ganze Partei gegen einen Eintritt in die Regierung gewesen sei. „Jetzt geht die ganze Partei in die Regierung, nur der Parteichef darf es nicht.“ Heute sitzt Schulz als einfacher Abgeordneter im Bundestag. Genauso wie Sigmar Gabriel.