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Neuer Skandal erschüttern Vatikan
Der Papst steckt in der Missbrauchs-Falle

Rom/Trier. Eine neue Studie entlarvt tausende neue Fälle und erschüttert den Vatikan. Franziskus beruft jetzt einen Sondergipfel ein. Reicht das? Von Julius Müller-Meiningen, Rolf Seydewitz und den Agenturen

„Null Toleranz“ bei Kindesmissbrauch: Das predigt Papst Fransziskus seit Jahren, trifft sich deshalb immer wieder mit neuen Opfern und macht stets neue Ankündigungen, wie die katholische Kirche dieses Thema endlich in den Griff bekommen soll und so wieder das Vertrauen ihrer Christen zurückgewinnen kann. Doch das gelingt ihm nicht wirklich. Im Gegenteil. Im Vatikan herrscht Alarmstimmung.


Jetzt holt der Pontifex quasi zum Befreiungsschlag aus. Franziskus hat jetzt die Vorsitzenden aller Bischofskonferenzen weltweit zu einem Treffen in den Vatikan eingeladen, um über Missbrauchsprävention zu beraten. Vom 21. bis 24. Februar werden sich deshalb die 113 Vorsitzenden mit dem Papst im Apostolischen Palast versammeln. Von einer „Mini-Sy­node“ ist in Italien die Rede. Allerdings sind es noch fünf Monate bis dahin – und niemand weiß, wie viele neue Skandale die katholische Kirche noch erschüttert haben werden.

Vergangenes Jahr machte beispielsweise die Aufarbeitung des Missbrauchsskandals in Australien Schlagzeilen. Anfang des Jahres brachte sich Franziskus selbst in Bedrängnis, weil er Opfer von sexuellem Missbrauch durch Kleriker in Chile der Verleumdung bezichtigte und offenbar den falschen Prälaten Glauben schenkte. Im Juli wurden – mehr als 15 Jahre nach den ersten Enthüllungen in der US-Kirche – erneut unhaltbare Zustände in US-Diözesen bekannt. Eine Grandjury in Pennsylvania berichtete von mehr als tausend Kindern und Jugendlichen, die über einen Zeitraum von 70 Jahren von mehr als 300 katholischen Priestern missbraucht wurden.



Und erst am Mittwoch wurde eine von der Deutschen Bischofskonferenz vor vier Jahren in Auftrag gegebene Studie vorab im „Spiegel“ und der „Zeit“ bekannt, die ebenfalls tief blicken lässt. Danach sollen in 27 Diözesen zwischen 1946 und 2014 3677 Kinder und Jugendliche von 1670 Klerikern missbraucht worden sein. 4,4 Prozent aller Kleriker der deutschen Bistümer waren demnach mutmaßliche Missbrauchstäter. Mehr als jedes zweite, meist männliche Opfer sei höchstens 13 Jahre alt gewesen, in jedem sechsten Fall sei es wohl zu Formen der Vergewaltigungen gekommen. Zudem sei hier von Mindestzahlen die Rede, schreiben die Verfasser.

Die Forscher gehen davon aus, dass es noch eine hohe Dunkelziffer gibt. Ein Grund: Nach Angaben der „Zeit“ gab es beispielsweise aus zwei Bistümern Informationen, „dass Akten oder Aktenbestandteile mit Bezug auf sexuellen Missbrauch Minderjähriger in früherer Zeit vernichtet wurden“. Im Bistum Trier wurden zwischen 2010 und 2017 insgesamt 42 verstorbene und 33 noch lebende Priester beschuldigt, Kinder sexuell missbraucht zu haben. 135 Opfer hatten sich bis Januar beim Bistum gemeldet. Aktualisierte Zahlen will das Bistum laut Sprecherin Judith Rupp erst veröffentlichen, wenn die Studie offiziell vorgestellt wird. Und auch erst dann will sich der Trierer Bischof Stephan Ackermann ausführlich zu den Ergebnissen der Studie äußern, sagte seine Sprecherin gestern. In einer Stellungnahme nach Bekanntwerden erster Ergebnisse hatte sich der Missbrauchsbeauftragte der katholischen Kirche tags zuvor verärgert gezeigt über „die verantwortungslose Vorabbekanntmachung der Studie“. Gleichzeitig sagte Ackermann aber auch, das Ausmaß des sexuellen Missbrauchs sei „für uns bedrückend und beschämend“. Der Trierer Bischof wörtlich: „Wir Bischöfe stellen uns den Ergebnissen.“ Man werde alles dafür tun, dass sich derartige Verfehlungen nicht wiederholten. Vertreter von Opferinitiativen sehen sich jedoch bereits jetzt bestätigt. Der Sprecher der Trierer Opfervereinigung Missbit kritisierte Ackermann gestern scharf. Der Bischof habe „kein wirkliches Aufklärungsinteresse“. Zudem stehe (auch) bei ihm das Image der katholischen Kirche im Vordergrund.

Auch der Jesuitenpater Klaus Mertes meldete sich gestern zu Wort. Er lobte die Vorveröffentlichung der Unterlagen. „Die Kirche verliert die Kontrolle und damit auch die Deutungshoheit über die Aufarbeitung von Missbrauch“, schrieb er in einem Kommentar für „katholisch.de“. Mertes hatte den Missbrauchs-Skandal in der katholischen Kirche vor acht Jahren ins Rollen gebracht. Seitdem ist übrigens auch Bischof Ackermann Missbrauchsbeauftragter.Mertes mahnte: „Jede Untersuchung, die von derjenigen Institution in Auftrag gegeben wird, die untersucht werden soll, steht allein schon deswegen unter Verdacht, gesteuert zu sein.“ Er zweifele nicht an der Seriosität der Autoren. Aber die Kirche „kann ihr Glaubwürdigkeitsproblem nicht in eigener Regie lösen“.

Aber das will sie durchaus. Auch mit der Mini-Synode im kommenden Februar. Den Vorschlag, das Krisentreffen im Februar abzuhalten, hatte übrigens der neunköpfige Kardinalsrat Papst Franziskus unterbreitet. Das höchste Beratungsgremium des Papstes, zu dem auch Reinhard Kardinal Marx zählt, der Vorsitzende der deutschen Bischofskonferenz. Und auch dieses Gremium steckt im Missbrauchsskandal. Denn gegen mindestens zwei Mitglieder des sogenannten K-9-Rates werden schwere Vorwürfe erhoben. So steht der von Franziskus beurlaubte Chef des vatikanischen Wirtschaftssekretariats, George Kardinal Pell, in Australien wegen Missbrauchsvorwürfen vor Gericht. Auch der Chilene Francisco Javier Errázuriz soll Missbrauchstäter gedeckt und den Papst falsch informiert haben.