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Schulkantinen
Nur vier Cent mehr für gesundes Essen

Gutes Essen für wenig Geld? Die Kommunen investieren viel in gesunde Mahlzeiten an Schulen. Doch die Gesellschaft für Ernährung sagt: Es gibt noch deutlich Luft nach oben – vor allem bei der Qualität.
Gutes Essen für wenig Geld? Die Kommunen investieren viel in gesunde Mahlzeiten an Schulen. Doch die Gesellschaft für Ernährung sagt: Es gibt noch deutlich Luft nach oben – vor allem bei der Qualität. FOTO: dpa / Ralf Hirschberger
Saarbrücken/Berlin. Fast fünf Millionen Kinder bekommen in Deutschland täglich eine warme Mahlzeit in der Kita oder in der Schule. Eine aktuelle Studie zeigt: Mit geringem Aufwand könnte die Qualität verbessert werden. Das Saarland geht mit gutem Beispiel voran. Von Fatima Abbas
Fatima Abbas

Gummiteile im Kantinen-Essen? Klingt unappetitlich. Aber genau das haben die Verantwortlichen mehrerer Saarbrücker Kitas im Sommer in gelieferten Mahlzeiten entdeckt. Eltern waren entsetzt, Politiker alarmiert: Ein Lieferant, der bis dato 21 städtische Einrichtungen versorgt hatte, bekam für die Fremdkörper in den Lebensmitteln eine Abmahnung. Nach einem Stadtratsbeschluss darf er fünf der 21 Kitas nicht mehr beliefern. Weitere Verbote könnten folgen.


Skandale wie dieser sind glücklicherweise nicht die Regel. Dennoch ist und bleibt gesundes Essen in pädagogischen Einrichtungen ein Thema, das die Gemüter erregt. Dass noch Luft nach oben besteht, zeigt eine jüngste Studie der Gesellschaft für Ernährung (DGE). Das Ergebnis: Für nur vier Cent mehr pro Mahlzeit könnten Kinder ein gesünderes Schulessen bekommen. Mit dieser Mehrausgabe könne in den Schulmensen eine Mittagsverpflegung angeboten werden, die den DGE-Qualitätsstandards entspreche, sagte Bundesernährungsministerin Julia Klöckner (CDU) gestern bei der Vorstellung der Studie. Der Untersuchung zufolge fördern die Kommunen das Schulessen mit bis zu 1,2 Milliarden Euro pro Jahr. Die Verpflegung ist damit zur Hälfte subventioniert. Eltern zahlen im Durchschnitt 3,50 Euro pro Mahlzeit. Laut Studie bezuschussen fast 27 Prozent der deutschen Kommunen die Preise für das Mittagessen in Schulen direkt, weitere 29 Prozent stellen auf eigene Kosten das Ausgabepersonal bereit.

„Wenn nur ein einstelliger Cent-Betrag den Unterschied macht, dann darf es keine Ausreden mehr geben für die flächendeckende Anwendung des DGE-Standards“, sagte Klöckner. Gemeinsam mit Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) warb sie dafür, die DGE-Qualitätsstandards für Schulessen flächendeckend in allen Schulen zu verankern. Die Standards sehen unter anderem ein tägliches Angebot von Getreide, Getreideprodukten, Kartoffeln, Gemüse und Salat vor. Mindestens einmal pro Woche soll es Seefisch geben und höchstens zweimal wöchentlich Fleisch oder Wurst.



Bisher gleicht das eher einer Wunschvorstellung: Nach DGE-Angaben haben lediglich das Saarland, Berlin und Bremen die Standards verpflichtend umgesetzt. In Kitas sind sie nur in Mecklenburg-Vorpommern und Bremen verbindlich. Die Kultusministerien der restlichen Bundesländer begnügen sich bislang damit, die Standards zu loben. Die Verbraucherschutzorganisation Foodwatch spricht von einem „verheerenden Staatsversagen“. Auch Klöckner bedauerte gestern die Situation. Qualität habe lange nicht im Fokus gestanden, sagte sie. Künftig sollen Kommunen deshalb besser beraten werden.

Im Saarland gibt es an allen Schulen mit einem ganztägigen Bildungs- und Betreuungsangebot eine warme Mittagsverpflegung – sprich an 22 gebundenen Ganztagsschulen, neun Schulen mit Ganztagsklassen und 256 Freiwilligen Ganztagsschulen. Wie das Bildungsministerium gestern auf SZ-Anfrage mitteilte, bezogen im Schuljahr 2016/17 bereits mehr als 60 Prozent der oben genannten Standorte Waren von Caterern, die gemäß DGE-Standard zertifiziert sind.

Für die aktuelle Studie aus Berlin ermittelten die Forscher Speisepläne, Lebensmittelpreise, Lieferkosten, Personalkosten und sonstige Betriebskosten im gesamten Bundesgebiet. Dazu wurden 1072 Essensanbieter sowie 488 Schulträger aus allen 16 Bundesländern kontaktiert. Dabei zeigte sich, dass es große Preisunterschiede gibt: Essen weniger als 100 Kinder in der Schulkantine, sind laut Studie vor allem die Personalkosten vergleichsweise hoch. Eine Mahlzeit koste dort ohne staatlichen Zuschuss im Schnitt bis zu 7,46 Euro. Je mehr Kinder versorgt würden, desto geringer werde der Preis pro Mahlzeit. Er liege bei ganz großen Kantinen mit mehr als 600 Schülern zum Teil nur noch bei 3,57 Euro. Der von Klöckner genannte Vier-Cent-Unterschied ergibt sich, wenn vor Ort gekocht und im Schnitt 200 Essen ausgegeben werden. Viele Schulen lassen jedoch vom Caterer liefern oder beziehen Tiefkühlkost, um dem gestiegenen Bedarf nach Mittagsverpflegung gerecht zu werden. Es ist fraglich, wie günstig eine Gesundheitswende in solchen Fällen ausfällt.

Die Ernährungsministerin kündigte eine weitere Unterstützung des Bundes an. Vom kommenden Jahr an würden die Mittel für Projekte der sogenannten Vernetzungsstellen Schulverpflegung der Länder auf zwei Millionen Euro pro Jahr verdoppelt.

Die Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG) forderte, für die Verpflegung in Schulen und Kitas den ermäßigten Mehrwertsteuersatz von sieben Prozent einzuführen. Der Staat müsse den „Kostendruck“ auf die Kantinen senken, sagte NGG-Vizechef Guido Zeitler. Derzeit zahlten Schulkantinen mit 19 Prozent ebenso viel Mehrwertsteuer wie Fastfoodrestaurants. Die Gewerkschaft sprach sich auch für die Einführung eines Schulfachs Ernährung aus. Dem erteilte man gestern nicht nur in Berlin eine Absage: Auch das saarländische Bildungsministerium wies darauf hin, dass Gesundheit und Ernährung „Querschnittsaufgaben“ seien, die in mehreren Schulfächern berücksichtigt würden.

Julia Klöckner (CDU), Bundesministerin für Ernährung und Landwirtschaft
Julia Klöckner (CDU), Bundesministerin für Ernährung und Landwirtschaft FOTO: dpa / Bernd von Jutrczenka