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Nächste Ausfahrt Camping-Idyll Autobahn

„Ist doch schön hier?“ Domenico Gagliardo lebt in Malstatt. Aber sobald das Wetter passt, ist er an seinem Wohnwagen. Fotos: Oliver Dietze
„Ist doch schön hier?“ Domenico Gagliardo lebt in Malstatt. Aber sobald das Wetter passt, ist er an seinem Wohnwagen. Fotos: Oliver Dietze
Saarbrücken. Mallorca liegt auf dem Spicherer Berg – zumindest für Hans-Joachim Fröhlich. Der 79-Jährige ist einer der Dauercamper, die ihr Sommer-Glück auf einem Campingplatz unmittelbar neben der Autobahn suchen und finden. Von SZ-RedakteurPascal Becher

Der Lärm der vierspurigen Autobahn dröhnt den kleinen Hügel hinauf. Hoch zum Saarbrücker Campingplatz Spicherer Berg. Das grüne Fleckchen Erde liegt direkt an der deutsch-französischen Grenze - eingerahmt von Wald und Asphalt. Ein kurzes Grollen von der Straße - das sind die Autos. Ein dumpfes Rumpeln - ein Lastwagen. Und dann gibt es noch die Motorräder. Sie übertönen für einen kurzen Moment jedes Geräusch. Ohne Pause geht das so: morgens, mittags, abends und nachts. Und doch ist der Campingplatz prall gefüllt mit Menschen direkt aus Saarbrücker Stadtteilen, die von Frühjahr bis Herbst meist ihre komplette Freizeit verbringen.

Zwei von ihnen sind Renate und Hermann Bretzing vom Saarbrücker Rodenhof, beide 72 Jahre alt. "Wir gönnen uns hier gerne ein paar ruhige Stunden", sagt Hermann, und meint das völlig ernst. Er und seine Frau Renate zählen noch zu den "Neuen" auf dem Platz. Sie sind die erste Saison da. "Die Leute sind sehr nett hier", meint Renate. Über 30 Jahre lang haben sie am Mittersheimer Weiher gecampt. Doch in Frankreich gefiel es ihnen einfach nicht mehr. Nicht wegen der Leute. "Die Toiletten waren grauenhaft", sagt Hermann Bretzing. Am Spicherer Berg sei das besser. "Und die Autobahn verdrängt man schnell", sagt Hermann. Er plant gerade eifrig das neue Refugium rund um den Wohnwagen. "Ich will noch einen Pavillon aufstellen. Und um die Hecken muss ich mich noch kümmern, ein paar Blumen wären schön."

Hans-Joachim Fröhlich hat das längst hinter sich. Der Rentner ist ein Urgestein der Saarbrücker Camper-Szene. Seit 34 Jahren verbringt er quasi jeden Sommertag am Spicherer Berg. "Das ist mein Mallorca." Auch heute ist er da. "Muppes" also Dickerchen, wie Fröhlich mit Spitznamen heißt ("Ich war nun mal als Kind etwas kräftig"), sitzt entspannt in einem Klappstuhl mit buntem Polster - vor einem über Jahrzehnte hinweg umgebauten Campingwagen. Er hat eine Bierflasche in der Hand - und lacht. Wie immer eigentlich. "Ich heiße nicht nur Fröhlich, ich bin's auch", sagt der 79-Jährige einstige Handelsvertreter für Tapeten.

Und "Muppes" hat auch gut lachen. Denn der Mann im Hawaii-Hemd hat einen Platz auf dem Prominentenhügel ergattert. Dort wohnten zwar nie echte Promis. Aber: "Man hatte es einfach geschafft, wenn man nach Jahren der Wartezeit hier oben einen Platz bekam", berichtet Fröhlich von der "großen Zeit des Campings" in den 80er Jahren. Der Prominentenhügel liegt direkt hinter einer Baumreihe, weit weg von der tönenden Autobahn, nahe an den Toiletten und dem "Büdchen", das die Camper mit allem versorgt, was sie brauchen: Bier, Zigaretten, Eis. "Perfekt also." Doch die guten Camping-Zeiten sind vorbei, grummelt Fröhlich. "Es kommen einfach zu wenige Junge nach."

"Das stimmt schon", sagt Michel Muth. Er ist mit 43 Jahren einer der wenigen "Jungen". Von April bis Oktober lebt er mit seiner Familie auf dem Platz, gleich neben dem Eingang zum Zeltbereich. Klar, er ist ja auch der Platzwart. Und das in zweiter Generation. Einst habe sein Vater Günther (75) den Job gemacht. In den 80er Jahren. Und damals erlebte "der junge Muth" eine "tolle Zeit", sagt er. "Wir sind zeitweise in Wohnwagen-Kolonnen durchs Land getingelt, haben mit hunderten Campern Feste gefeiert. Manchmal auch mit total fremde Menschen." Doch die Rallyes sind vorbei. Die Partys auch.

Zukunftssorgen um den Platz hat Muth aber keine. "Warum auch?", fragt er. Bis auf zehn Flächen sind alle 113 Stellplätze belegt. "Und die Dauercamper sind unser Rückgrat." Seit 1972. So lange gibt es die Anlage bereits. Hinzu kommen die Durchreisenden. Da sei die Autobahnnähe durchaus praktisch. "Das passt schon alles."

Das findet auch Settino Cavallaro (61). "Es ist einfach herrlich hier", schwärmt der Sizilianer. Er und seine Frau Heidi (51) kommen schon seit 13 Jahren hierher. "Eigentlich fast genauso lange, wie wir verheiratet sind." Das Camper-Leben sei so schön unkompliziert, anders als Zuhause in Bischmisheim. "Viel entspannter - ein Zigeunerleben." Die rothaarige Heidi nickt zustimmend und wippt gemütlich auf der Hollywood-Schaukel hin und her. Ganz langsam. "Ich habe ein Problem mit dem Herz", sagt sie. Und zeigt auf einen handtaschengroßen schwarzen Beutel, der neben ihr liegt. Ein künstliches Herz. "Campen ist genau das Richtige für mich. Tut mir gut", versichert sie. Nun nickt Settino. Auch ganz langsam. Er hat es an der Bandscheibe. "Is' Kaputt", sagt er und man hört seine italienische Herkunft heraus.

Genau wie bei Domenico Gagliardo (75). Der Kalabrier ist sozusagen die treue Seele des Campingplatzes "Eine von vielen", versichert er. Er lebt in Malstatt. Aber sobald es warm wird, ist er auf dem Berg. Seit 21 Jahren macht er das so. "Nur die Motorräder sonntags, die nerven schon mal. Mann. Mann. Mann", sagt er. Ansonsten sei er "rundum glücklich" auf dem Platz, mit dem schönen grünen Rasen. "Dass das so bleibt, dafür muss jeder was machen". Aber da der wuselige Kalabrier ohnehin nie still sitzen kann, und sowieso immer ein waches Auge auf die Anlage hat, ist das für ihn kein Problem. "Ist doch schön hier?", fragt er rhetorisch und zeigt mit einer breiten Handbewegung über den Campingplatz.

Abends trifft man sie dann wieder. Auf der Terrasse des "Büdchens". Da sitzen alle beisammen. Fröhlich, "der junge Muth" mit Oma Heidi (69) sind da. Und der Kalabrier Gagliardo fehlt auch nicht. Im Hintergrund läuft Musik. Ein kühles Getränk in der Hand, plaudern sie über die große Politik und die kleinen Sorgen des Alltags. Eben über all das, was Camping ausmacht. Und die Autobahn? Irgendwie ist sie nicht mehr zu hören. "Man gewöhnt sich einfach schnell dran", sagt Fröhlich grinsend.

Und dann wird's doch noch mal hektisch: Schlag zehn Uhr. Autos und Motorräder jagen am Campingplatz vorbei, einen kleinen Feldweg hoch in den Wald über die Grenze. "Das sind die Franzosen von der ZF", sagt Muth. "Irgendwann passiert da noch was", fürchtet Gagliardo. Doch nach wenigen Minuten ist alles wieder vorbei. Das Radio spielt einen Schlager. Im Hintergrund brummt leise die Autobahn.

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Am Rande: Der Campingplatz am Spicherer Berg ist eine von 28 Anlagen im Saarland, die das statistische Landesamt auflistet. Auf allen Plätzen verbuchten die Statistiker im Jahr 2012 insgesamt 124 103 Übernachtungen. Das sind 3,2 Prozent weniger als im Vorjahr. Die Hauptklientel an der Saar sind deutsche Touristen. Sie machen rund 85 Prozent der Camper aus. Die schlafen im Schnitt 3,2 Nächte auf einem Campingplatz. pbe

„Zukunftsängste? Habe ich nicht.“ Michael Muth ist in zweiter Generation der Platzwart der Anlage.
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„Ich heiße nicht nur Fröhlich, ich bin's auch.“ Hans-Joachim Fröhlich campt bereits seit 34 Jahren am Spicherer Berg – seinem „Mallorca“.
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