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Analyse SZ
Mutige Schülerin lässt Waffenlobby verstummen

Washington. Nach dem Massaker an der Schule in Parkland ist vieles anders als sonst. Selbst Präsident Trump muse über schärfere Waffengesetze nachdenken. Von Martin Bialecki

Etwas fühlt sich anders an nach diesem furchtbaren Schulmassaker in den USA, zumindest für den Moment. Dass sich Tränen, Trauer und Wut so rasch auch in konkrete Aktionen umformen und artikulieren, hat mit dem Ausmaß der Tat zu tun, mit der Macht sozialer Netzwerke und mit Menschen wie Emma Gonzalez.


Gonzalez, 18 Jahre alt, ist Schülerin der Marjory Stoneman Douglas High School in Parkland im US-Bundesstaat Florida. Sie überlebte den Überfall des Ex-Schülers Nikolas Cruz am Valentinstag. 14 Schüler und drei Erwachsene nicht. Mit einer aufgebrachten, klug gebauten Rede ist Gonzalez nun zum Gesicht des Protests geworden. Leidenschaftlich, wütend und organisiert.

Gonzalez demaskierte die mächtige Waffenlobby NRA ebenso wie deren Profiteure in der Politik. „An jeden Politiker, der Spenden von der NRA annimmt: Schande über euch!“, rief sie vor Hunderten. „Sie sagen, dass striktere Waffengesetze nichts an Waffengewalt ändern würden – wir nennen das BS!“, rief sie, BS ist die Abkürzung für Bullshit.

„Sie sagen, dass ein guter Mensch mit einer Waffe einen bösen Menschen mit einer Waffe stoppen kann – wir nennen das BS! Sie sagen, dass strengere Waffengesetze nicht zu weniger Waffengewalt führen: Wir nennen das BS! Sie sagen, dass Waffen einfach Werkzeuge sind wie Messer und so gefährlich wie Autos: Wir nennen es BS!“

„Genug ist genug!“ rief Gonzalez und wischte sich die Tränen aus den Augen.



Das Schweigen der NRA und der angesprochenen Politiker, es ist sehr laut. Präsident Donald Trump ist ein großer Fan der NRA und wird von ihr mit Millionen Dollar bedacht. Zu Vertrauten soll Trump nach der Bluttat gesagt haben: „Wir müssen etwas tun.“ Ob aber tote Kinder dieses Mal wirklich etwas ändern in Amerika, wird man sehen.

Für den Anfang hat das Weiße Haus zwei Runden anberaumt. Morgen hat Trump eine „listening session“, er will Schülern und Lehrern von High Schools zuhören. Am Donnerstag trifft er Vertreter aus Kommunen, es geht um Schulsicherheit. Nach Parkland sagte er, wie dringend diese Sicherheit ausgebaut werden müsse. Sein Budgetentwurf, kurz vor den Schüssen vorgelegt, streicht Millionen genau in diesem Bereich.

Emma Gonzalez will dafür sorgen, dass es dieses Mal nicht bei Lippenbekenntnissen bleibt – auch wenn sie weiß, dass das dauern wird. Dem CNN-Starmoderator Anderson Cooper sagte sie: „Wir sind die, die eines Tages die Gesetze machen werden. Und auch wenn es jetzt klein aussieht – irgendwo muss man ja mal anfangen.“

Gonzalez gehört zu einer Generation von Schülern, die mitgeprägt wurde vom Massaker an der Columbine High. Als Eric Harris und Dylan Klebold 1999 zwölf Schüler und einen Lehrer ermordeten, war ein solcher Horror noch eine Seltenheit. Heute gehören Schüsse an Schulen in den USA zum Alltag. Das wollen Teile der jungen Generation, gestützt auch von ihren Eltern, nicht mehr hinnehmen. Anders als früher, haben Gonzalez und ihre Altersgenossen über TV-Interviews und soziale Medien andere Möglichkeiten, Druck aufzubauen.

Und es bleibt nicht beim Hashtag #emmagonzales. Gonzalez, die an ihrer High School Regierungslehre in einer Art Leistungskurs belegt, will in Florida vor das Staatsparlament ziehen. In der Hauptstadt Washington wird es am 24. März einen „Marsch für unsere Leben“ von Schülern und Eltern geben. Außerdem ruft Gonzalez junge Menschen dazu auf, sich als Wähler registrieren zu lassen und abzustimmen – was heute Protest ist, soll morgen Politik verändern.

Schulleiter Ty Thompson pries auch über Twitter Gonzalez' leidenschaftlichen Einsatz, ihre Intelligenz und ihrer Eloquenz. Die Schülerzeitung weist Gonzalez als Vorsitzende der einer Allianz von Homo- und Heterosexuellen aus. Die Haare trägt sie erst seit kurzem raspelkurz: Die Pflege der langen sei ihr zu aufwändig und zu teuer geworden, außerdem sei es schlicht zu warm gewesen.

Trump, schreibt die „Washington Post“, habe übers lange Wochenende die vielen, vielen Fernsehberichte über die Schüler von Parkland sehr genau verfolgt. Das sind mächtige Zeugen. So streitsüchtig er ist – wütenden, verzweifelten Heranwachsenden zu widersprechen, dürfte ihm schwerfallen. Ob sich aber eine bleierne Waffengesetzgebung ändern wird, ist eine andere Frage.