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Müller und das afrikanische Problem

Jaunde. Bundesentwicklungsminister Gerd Müller hat Kamerun weitere Unterstützung im Kampf gegen die Terrormiliz Boko Haram zugesagt. Die ist auch dringend nötig. Hagen Strauß

Boko Haram holt Gerd Müller gleich am zweiten Tag seiner Afrikareise ein. Nach dem Kongo besucht der Entwicklungsminister Kamerun. Ein politisch eher stabiles Land, das sich bisher vor allem mit Fußball und der Frage beschäftigt hat, wie lange der greise, 82 Jahre alte Präsident Paul Biya die Macht wohl noch in den Händen halten will. Doch mittlerweile ist auch in Kamerun vieles anders.

Das innenpolitische Top-Thema ist inzwischen der Kampf gegen die islamistische Terrormiliz Boko Haram . Dass Präsident Byla mal wieder in Europa weilt, um sich gesundheitlich aufpäppeln zu lassen, schert kaum jemanden. Kamerun kämpft an der Seite von Nigeria, Tschad und Niger gegen die "nebulöse Sekte", wie es heißt. Es herrscht ein brutaler Krieg im Norden des Landes. Offiziell sind bereits 66 000, inoffiziell 220 000 Menschen vor den Terroristen von Nigeria nach Kamerun geflüchtet. Es gibt nur ein Flüchtlingslager, viele sind bei Verwandten untergekommen.

Not, Armut, Angst und Verzweiflung herrschen in der gesamten Region. Das geschäftliche Leben an der Grenze ist fast zum Erliegen gekommen. Wasser ist extrem knapp, Hirse für viele unerschwinglich, wie zwei einheimische Flüchtlingshelfer erzählen. "Die Leute leiden wirklich sehr." Boko Haram habe deshalb leichtes Spiel, neue Kämpfer zu rekrutieren. Viele junge Männer finden keine Arbeit, haben keine Perspektive. Ein afrikanisches Problem, dem Müller bei seiner Reise immer wieder begegnet - genauso wie der Korruption oder der Machtbesessenheit einiger Eliten. Die so angeworbenen jungen Männer kämpfen nicht für die religiöse Ideologie von Boko Haram (übersetzt: Westliche Bildung ist Sünde), sondern ganz schnöde für Geld, das die Miliz durch Entführungen und Plünderungen einnimmt.

Kameruns Finanzminister Alamine Ousmane Mey sagt: "Wir werden in der Lage sein, die Situation in den nächsten Monaten zu normalisieren." Das hofft ganz Kamerun, denn der Terror hat die Nation enger zusammengeschweißt. Nur daran glauben wollen viele nicht. Eher besteht die Gefahr, dass der Nord-Süd-Gegensatz im Land sich verschärft, solange Boko Haram nicht besiegt ist. Länder wie Kamerun erwarten sich von der Weltgemeinschaft jetzt mehr Unterstützung, vor allem bei der Bewältigung der Flüchtlingsproblematik.

"Boko Haram ist für uns alle eine Bedrohung", sagt Müller beim Empfang in der deutschen Botschaft in Jaunde . Deutschland helfe finanziell und logistisch. Rund 120 Fahrzeuge, zum Teil gepanzert, wurden bereits in die Krisenregion geliefert. Mehr Material ist aber wohl nicht drin. Letztes Jahr gab die Bundesregierung zudem 20 Millionen Euro für die humanitäre Hilfe. "Wir werden das fortsetzen", verspricht Müller. Das Interesse an Afrika, so viel steht fest, scheint in Berlin wieder gewachsen zu sein - vor zwei Wochen erst war Außenminister Frank-Walter-Steinmeier (SPD ) in der Region unterwegs. Müller betont, die Gefahr der Destabilisierung ganzer Staaten sei groß. Die Sorge vor einem noch höherem Flüchtlingsdruck auf Europa geht um.

Bleibt die Frage, welche Folgen der aktuelle Treueschwur Boko Harams gegenüber dem "Islamischen Staat" in Syrien haben könnte. Entsteht da ein neuer Bogen der Terrorallianz von Nigeria bis Syrien und Libyen, direkt vor den Türen Europas? Einer, der es wissen könnte, ist Martin Kobler. Der Deutsche leitet die 18 000 Mann Starke UN-Friedenstruppe im Osten des Kongos, die dort mit einem robusten und aktiven Mandat gegen Rebellen kämpft. Boko Haram spielt zwar im Kongo direkt keine Rolle. Aber es gibt in dem Land rund 50 Rebellengruppen, darunter auch Islamisten. Kobler betont, eine mögliche Kooperation verschiedener Terrorgruppen sei nicht die eigentliche Gefahr für die Stabilität. Eher der Umstand, dass in sechs der neun Anrainerstaaten des Kongo demnächst gewählt werde. In vier Ländern dürften laut Kobler die Präsidenten eigentlich nicht mehr antreten. "Manche haben vielleicht aber doch den Wunsch, an der Macht zu bleiben." Mit allen möglichen Folgen für die betroffenen Länder und damit für die gesamte Region.