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Mit vollem KörpereinsatzContergan: Der Skandal um ein Arzneimittel

 Auto-Fan Patrik Schuler liebt rote Ferraris, wenn auch wie hier in Kleinformat. Foto: Iris Maurer
Auto-Fan Patrik Schuler liebt rote Ferraris, wenn auch wie hier in Kleinformat. Foto: Iris Maurer
Wallerfangen. Als sich die Haustür öffnet, versagt - für einen Sekundenbruchteil - der vertraute Begrüßungsreflex. Die rechte Hand verharrt in Warteposition. Der Hausherr indes zaudert nicht: Lächelnd beugt er seinen Oberkörper ein Stück vor und streckt seine Hand entgegen. Händeschütteln. Klar, ganz normal Von SZ-Redakteurin Iris Neu

Wallerfangen. Als sich die Haustür öffnet, versagt - für einen Sekundenbruchteil - der vertraute Begrüßungsreflex. Die rechte Hand verharrt in Warteposition. Der Hausherr indes zaudert nicht: Lächelnd beugt er seinen Oberkörper ein Stück vor und streckt seine Hand entgegen. Händeschütteln. Klar, ganz normal. Normal, das Wort fällt dutzendfach während des Gesprächs mit Patrik Schuler über die schweren Behinderungen, von denen allein im Saarland 34 Menschen, weltweit um die 10 000 betroffen sind: Jene nämlich, deren Mütter in der Schwangerschaft das in den Jahren 1957 bis 1961 häufig verabreichte Medikament Contergan einnahmen (siehe auch nebenstehenden Text).Schuler ist Jahrgang 1961. Seine Arme sind bis zur Schulter verkürzt. Gäste bewirten ist für ihn dennoch kein Thema. Beim Öffnen und Schließen von Schränken und Türen sind Hände, Beine, Knie in Bewegung. Flugs strömt Sprudel ins Glas, ist Kaffee aus der Espresso-Maschine gezapft. Alles funktioniert - mit vollem Körpereinsatz. Ganz normal eben. Weil er, im Vergleich zu manch anderem Betroffenen, noch Glück hatte, sagt Schuler. Vor allem mit seinen Eltern, die ihn "so normal wie möglich" aufwachsen ließen. Anders als viele Leidensgenossen, die wegen ihrer körperlichen Einschränkungen Sonderschulen besuchen mussten, konnte Schuler in eine Regelschule daheim im saarländischen Emmersweiler gehen. Den seelischen Schmerz, ausgelöst etwa durch die permanenten Trennungen von Eltern und Schwester, spielt der heute 50-Jährige geschickt herunter: "Da waren ja auch die anderen Kinder." Weitgehend entspannt spricht er denn auch über die langen Jahre, in denen er zusammen mit anderen Contergan-Geschädigten in der Heidelberger Universitätsklinik betreut wurde. "Dort wurden medizinische Studien gemacht, Prothesen ausprobiert, vor allem wurden wir zur Selbstständigkeit trainiert", erinnert er sich. Die Eltern konnten ihn nur am Wochenende besuchen. Noch mit etwa 16 Jahren wurde eine Armprothese an ihm getestet, die über die Schultern gezogen wurde. "Ich sah damit aus wie Arnold Schwarzenegger und fühlte mich noch behinderter", erzählt Schuler schmunzelnd.


Wie aber reagierten die Kinder in seiner Schule auf ihn? Gab es Spott, Hänseln? "Nein, nie", Schuler schüttelt energisch den Kopf. "Im Gegenteil: Jeder wollten mit mir befreundet sein." Überhaupt habe er keine schlechten Erfahrungen gemacht. Klar, manchmal starren ihn Leute an, vor allem Kinder, etwa beim Einkauf im Supermarkt. Doch peinlich berührt fühlt sich Schuler dadurch nicht: "Ich schau' dann nicht weg, sondern lächele sie an. Und wenn sie mich fragen, warum meine Arme so kurz sind, erkläre ich es ihnen."

Jenen offenen Umgang nimmt man dem saloppen 50-Jährigen durchaus ab. Das Leben meinte es ja - trotz Handycaps - recht gut mit ihm: Er machte Abitur, schloss eine Verwaltungsausbildung an, schaffte es 1982 in den gehobenen Dienst der saarländischen Finanzverwaltung. Heute arbeitet er beim Landesamt für Zentrale Dienste. Und Schuler hatte Glück in der Liebe: 1992 heiratete er eine Kollegin, 1994 kam ein Sohn zur Welt.



Nein, einen Grund, mit seinem Schicksal zu hadern, sieht Schuler nicht. "Ich bin ja mit den Einschränkungen auf die Welt gekommen, ich kenne es nicht anders", sagt der Autofan, der eine Ferrari-Modellauto-Sammlung besitzt. Und der freilich auch selbst mobil ist. Im Gegensatz zu vielen anderen Contergan-Geschädigten brauchte er die rund 17 000 Euro teure Umrüstung seines Golfs, der eine Fußlenkung besitzt, nicht aus eigener Tasche zu bezahlen. Wegen seiner Berufstätigkeit übernahm die Hauptfürsorgestelle die Kosten.

Grenzenlose Freiheit also - trotz Behinderung? Sicherlich nicht. Oft sind es die banalen Dinge im Alltag, bei denen Unterstützung nötig ist. "Nägel schneiden, zum Beispiel, Schuhe binden, Jacke zumachen, Hemd in die Hose stecken - all das kann ich nicht allein", sagt er. Kleidung muss zumeist geändert werden, vor allem Ärmel gekürzt. Auf Hemden und Krawatten verzichtet Schuler weitgehend: T-Shirts, Sweatshirts und Sportschuhe trägt er ohnehin am liebsten. Und seine schwarze Lederjacke: Die schwingt er mit seinen Händen geschickt über den Rücken, in die Ärmel schlüpft er mit Einsatz der Zähne. Selbstständigkeit ist für ihn höchstes Gut. "Wenn's nötig ist, gehe ich aber durchaus auch auf die Leute zu und bitte um Hilfe."

Freilich rechnet Schuler damit, dass sich seine Einschränkungen mit dem Älterwerden verstärken. Ohnehin ist das Leben Contergan-Geschädigter teuer. Viel zu gering, meint Schuler, fielen daher die finanziellen Entschädigungen des Pharma-Unternehmens Grünenthal aus, der den Contergan-Skandal verursacht habe. 1127 Euro Rente bekommt er monatlich vom Staat, der Pharma-Konzern steuert seit 2009 lediglich 2300 Euro im Jahr zu. "Warum", fragt Schuler ärgerlich, "muss eigentlich der Staat, die Allgemeinheit also, für den skandalösen Fehler von Grünenthal geradestehen und nicht das Unternehmen selbst?" Mit moralischer Einsicht des Konzerns in die wachsende finanzielle Not der Contergan-Geschädigten rechnet Schuler, der auch Vorstandsmitglied des Contergan-Vereins Pfalz/Saar ist, indes kaum: "Die warten ab und zögern alles so lange hinaus, bis wir tot sind."Berlin. Der Name Contergan steht für den größten Medizinskandal der Nachkriegsgeschichte. Von 1957 an war das als hoch wirksam gepriesene Schlafmittel werdenden Müttern rezeptfrei verkauft worden. Tatsächlich aber führte der Wirkstoff Thalidomid bei tausenden Neugeborenen weltweit zu Missbildungen der inneren Organe und Extremitäten. Eines der bekanntesten Opfer ist der Sänger Thomas Quasthoff. Am 27. November 1961 zog der Hersteller Grünenthal das Medikament zurück. Als Folge des Skandals hat die Bundesrepublik Deutschland eines der strengsten Arzneimittelgesetze der Welt.

Contergan wurde ab 1957 verkauft; die 30er-Packung kostete 3,90 Mark. Bereits Anfang 1960 fiel Ärzten auf, dass immer häufiger Kinder mit missgebildeten inneren Organen und Gliedmaßen geboren wurden. Die betroffenen Eltern wurden befragt, Tests wurden unternommen, und langsam kristallisierte sich ein Zusammenhang zwischen der Contergan-Einnahme und der Behinderung der Kinder heraus.

Gegen Grünenthal wurde Ende 1961 ein Ermittlungsverfahren eingeleitet. Als im April 1967 Anklage gegen mehrere Verantwortliche des Unternehmens erhoben wurde, waren die geschädigten Kinder bereits zwischen fünf und neun Jahren alt. Der Prozess zählt zu einem der längsten Verfahren Europas. Die Anklageschrift umfasste knapp 1000 Seiten. Im Dezember 1970 endete der Prozess mit einem Vergleich. Grünenthal verpflichtete sich, gut 100 Millionen Mark zur Entschädigung der Contergan-Opfer bereitzustellen. Nach dem Prozess wurde 1972 eine Stiftung gegründet, in die Grünenthal 114 Millionen Mark einzahlte. Auch der Bund beteiligte sich. Dieses Geld war 1997 aufgebraucht. Heute noch gezahlte Entschädigungen werden vom Bund übernommen. 2009 gab Grünenthal noch einmal 50 Millionen Euro für die Stiftung. In Deutschland leben etwa 2400 Conterganopfer (34 im Saarland. Die Stiftung zahlt ihnen je nach Schwere der Behinderung pro Monat zwischen 250 und 1127 Euro Rente. dapd

"Ich sah damit

aus wie Arnold Schwarzenegger."

Patrik Schuler

über eine Armprothese