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Baader und Ensslin
Mit Kaufhausbränden begann vor 50 Jahren der linke Terror

Polizisten und Feuerwehrleute besichtigen am 3. April 1968 die Schäden in der ausgebrannten vierten Etage des Frankfurter Kaufhofs.
Polizisten und Feuerwehrleute besichtigen am 3. April 1968 die Schäden in der ausgebrannten vierten Etage des Frankfurter Kaufhofs. FOTO: dpa / Roland Witschel
Frankfurt. Am 2. April 1968 legten vier Täter in Frankfurt Feuer. Darunter waren mit Andreas Baader und Gudrun Ensslin zwei spätere RAF-Mitbegründer.

Es ist bald 18.30 Uhr. Der Ladenschluss im Kaufhaus Schneider auf der Einkaufsstraße Zeil in Frankfurt am Main am 2. April 1968 steht kurz bevor. Da betreten noch zwei Kunden das Geschäft. Sie eilen die Treppen hinauf. In der Abteilung für Damenoberbekleidung verstecken sie einen Brandsatz aus Benzin in einer Plastikflasche mit Reisewecker und Taschenlampenbatterie. Einen weiteren deponieren sie in der Möbelabteilung des Geschäfts.


Kurz vor Mitternacht klingelt das Telefon bei einer Nachrichtenagentur. „Gleich brennt‘s bei Schneider und im Kaufhof“, sagt eine Frauenstimme. „Es ist ein politischer Racheakt.“ Unmittelbar darauf geht ein Notruf bei der Feuerwehr ein, er meldet Flammen im Kaufhaus Schneider. Auch im nahe gelegenen Kaufhof brennt es, hier bricht das Feuer in der Betten- und in der Spielwarenabteilung aus.

Die Feuerwehr erstickt die Flammen schnell, Menschen werden nicht verletzt. In beiden Häusern entsteht ein Schaden von gut 670 000 Mark – der größte Teil davon allerdings durch Löschwasser. Schon zwei Tage danach nimmt die Polizei die Täter fest: Andreas Baader, Gudrun Ensslin, Thorwald Proll und Horst Söhnlein. Noch während der Löscharbeiten hatten Baader und Ensslin in einem nahe gelegenen linken Szenelokal gefeiert und öffentlich Anspielungen fallengelassen, die auf sie als Täter hindeuteten.

Baader hat seit seiner Jugend Probleme mit Autoritäten, fliegt von der Schule, klaut Motorräder und Autos. Der gebürtige Münchner taucht 1967 im Umfeld der linken Wohngemeinschaft Kommune I in West-Berlin auf, wo er und Ensslin ein Paar werden. Die Tochter eines schwäbischen Pfarrers ist bereits ideologisch gefestigte Marxistin. Proll ist Kunststudent und mit den beiden befreundet, während Baader den Theatermacher Söhnlein aus Münchner Tagen kennt.

Auch Baader und Ensslin wollen nach eigenen Angaben mit dem Kaufhaus-Anschlag gegen die Gleichgültigkeit gegenüber dem Vietnamkrieg protestieren – eines der tragenden Motive der Studentenbewegung, der „Außerparlamentarischen Opposition“ (APO).



Der Prozess gegen die Brandstifter beginnt am 14. Oktober 1968. Die vier Angeklagten feixen während der Verhandlung, sitzen mit Zigarren auf der Anklagebank. „Man wollte keinen Respekt vor dem Gericht zeigen“, erläutert Göttinger Historiker Florian Jessensky. „Die Justiz war ja der große Feind der APO, sie galt als Instrument der Klassenherrschaft.“ Das Urteil fällt am 31. Oktober: jeweils drei Jahre Haft. Schon am 13. Juni 1969 kommen die Brandstifter aber wieder vorerst frei, weil im November der Bundesgerichtshof über die Revision der Urteile entscheiden soll. Die Revision wird abgelehnt. Söhnlein tritt seine Haft an, Baader, Ensslin und Proll tauchen unter. Proll stellt sich später. Er und Söhnlein haben nach Verbüßung ihrer Strafe nie wieder etwas mit Terrorismus zu tun.

Im April 1970 wird Andreas Baader festgenommen. Die Journalistin Ulrike Meinhof, die schon länger zum Dunstkreis der Gruppe gehört, lässt ihn im Mai von zwei Beamten in eine Bibliothek in West-Berlin bringen – angeblich, um mit ihm an einem Buch zu arbeiten. Es tauchen bewaffnete Befreier auf und schießen um sich, Baader und Meinhof können fliehen. In der Öffentlichkeit heißt die Gruppe nun „Baader-Meinhof-Gruppe“. Anfang 1971 gibt sie sich den Namen „Rote Armee Fraktion“ (RAF).