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Menschenfreund und Lebenskünstler

Freunde nannten ihn "Charly": Carl Bossert. Foto: Maurer
Freunde nannten ihn "Charly": Carl Bossert. Foto: Maurer
Saarbrücken. Es gibt Menschen, die eine Stadt prägen, ihr ein Gesicht geben. "Typen" und "Originale", die mit ihrem Können und ihrem Engagement andere mitreißen und begeistern können. Carl Bossert war so einer. Seinen 90. Geburtstag hat "Charly", wie der langjährige Chef der Saarlandhalle von Freunden genannt wurde, nicht mehr erreicht Von SZ-Redakteur Bernard Bernarding

Saarbrücken. Es gibt Menschen, die eine Stadt prägen, ihr ein Gesicht geben. "Typen" und "Originale", die mit ihrem Können und ihrem Engagement andere mitreißen und begeistern können. Carl Bossert war so einer. Seinen 90. Geburtstag hat "Charly", wie der langjährige Chef der Saarlandhalle von Freunden genannt wurde, nicht mehr erreicht.


Bossert hatte das Kunststück vollbracht, die bescheidene Saarlandhalle im kleinen Saarbrücken, das abseits der großen Metropolen Paris, Berlin oder München liegt, fest im Terminkalender der Stars und Sternchen zu verankern. Als "Charly" die (damals noch moderne) Veranstaltungshalle neben dem Ludwigspark-Stadion managte, insgesamt 25 Jahre lang, schuf er den Grundstein dafür, dass sich nationale Künstler von Rang und sogar Weltstars die saarländische Klinke in die Hand gaben: Ella Fitzgerald, Joan Baez, Yehudi Menuhin, Frank Zappa. Paul McCartney war hier und Michael Jackson, die Bee Gees und Udo Jürgens, Caterina Valente und José Carreras, Peter Alexander und natürlich Thomas Gottschalk, der (mit Frank Elstner und Wolfgang Lippert) "Wetten dass . . ?" zum Dauerbrenner in der Saarlandhalle machte. Mehr als ein Dutzendmal sendete das ZDF der Deutschen liebste Samstags-Show aus jener Halle, die heute etwas aus der Mode gekommen ist und den Charme der 60er Jahre verströmt - und deshalb nicht mehr für die großen Top-Events in Deutschland gebucht wird. Für heutige Verhältnisse ist die Halle zu klein und die Technik veraltet.

Bossert hat den schleichenden Bedeutungsverlust "seiner" Halle betrübt miterlebt. Aber seine sprichwörtliche Lebensfreude, die den Molschder aus der Frankenstraße so sympathisch machte, hat er sich bewahren können. Deshalb kam er auch so gut bei den Leuten an, deshalb mochten ihn berühmte Zeitgenossen ebenso wie einfache Menschen, die er schon deshalb gut verstand, weil er als langjähriger Wirt der "Schdrohdiele" in der Saarbrücker Reichsstraße den Bürgern "aufs Maul schauen" konnte.



Der fröhliche Rentner

Charly Bossert mit der markanten Kojak-Glatze war ein Lebenskünstler, der sich seine Karriere und seinen Ruf redlich erarbeitet hat. Nach dem Tod des Vaters musste er schon früh mit anpacken, lernte Metzger im Betrieb eines Onkels, musste dann als junger Soldat in die Hölle von Stalingrad. "Charly" hatte Glück, er überstand den Krieg, schlug sich als Koch bei Franzosen und Amerikanern durch, jobbte in den legendären "Les Halles" von Paris und machte danach die "Schdrohdiele" zum Treffpunkt von Fußballern und Fans seines geliebten FCS. Als der Toto-Chef und Sport-Funktionär (und spätere DFB-Präsident) Hermann Neuberger ihn 1967 zum Direktor der Saarlandhalle berief, war der große Erfolg noch nicht absehbar. Doch Bossert, Kommunikationskünstler und Vermarktungsgenie, hievte die Saarlandhalle in die erste Reihe bundesdeutscher Veranstaltungsorte. Als er vor 20 Jahren aus Altersgründen ausscheiden musste, startete er seine letzte Karriere, wurde "fröhlicher Rentner vom Winterberg" (wo er wohnte) und Sprecher des Ältestenrates der Saarbrücker Zeitung.

Erfolg und Anerkennung, der stete Kontakt zu den Show-Größen - all dies hat Bossert nicht hochmütig werden lassen. Als er im April 1987 sein 50-jähriges Arbeitsjubiläum feierte, lud er vornehmlich jene Menschen zu sich ein, die ihn auf dieser langen Wegstrecke begleitet haben und sei es auch nur für ein Stück - vom Bierzapfer und Ausfahrer über Handwerker und Sekretärinnen bis hin zu seinen Aufsichtsräten oder Alt-Oberbürgermeister Schuster. Damals schrieb SZ-Redakteur Michael Beckert: "Treue und Loyalität sind die Haupttugenden des passionierten Jägers und Schafzüchters, und unermüdlicher Fleiß - auch ein Jahr vor dem Pensionsalter. Ein saarländischer Preuße sozusagen, der Fantasie und Disziplin in sich vereint und seinen Beruf als eine Mischung aus Manager, Zirkusdirektor und Impressario begreift".

Carl Bossert hinterlässt seine Ehefrau Christel, zwei Kinder, drei Enkel und einen Urenkel. Und jede Menge Freunde, die um ein echtes Saarbrücker Original trauern.