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Mehlwurm-Pasta und Schoko-Schaben am Spieß

Ungewöhnliche Kost: Waldschaben, Heuschrecken und Mehlwürmer sind die Zutaten für eine knusprige Insektenmahlzeit. Fotos: Karin Willen
Ungewöhnliche Kost: Waldschaben, Heuschrecken und Mehlwürmer sind die Zutaten für eine knusprige Insektenmahlzeit. Fotos: Karin Willen
Landau. Um Grillen, Mehlwürmer und Schaben macht die westeuropäische Küche einen großen Bogen. Dabei gelten sie gemeinhin als gesunde, eiweißreiche Kost. SZ-Redakteurin Ilka Desgranges wagte sich in einen Insekten-Kochkurs und hat die Tierchen auch probiert.

Kleine Krokodile gleiten lautlos durchs Wasser, riesige Schlangen winden sich um Baumstämme, knallbunte Frösche blinken im Grün. Wir stapfen durch feinen Sand und fühlen uns sicher, denn die Tiere im Landauer Reptilium, einem Terrarien- und Wüstenzoo, leben alle hinter dickem Glas. Dschungelatmosphäre auf die gemütliche Art. Mittendrin drei Tische: einer mit Gläsern, Wasser und Wein, einer schön gedeckt mit weißem Geschirr und ein dritter, an dem das Abendessen zubereitet werden soll. Das ist Dschungelcamp in Light-Version. Denn am dritten Tisch endet das Wohlgefühl.

Olivenöl, Ricotta und Basilikum verheißen zwar ein leckeres mediterranes Abendessen. Aber: Mitteleuropäer bleiben halt nicht entspannt, wenn man sie anweist, Heuschrecken den Kopf und die Hinterbeine abzureißen, ehe sie in den Wok kommen. Ich stehe am Beginn eines Insekten-Kochkurses und wünsche mich gerade sonst wohin. Weit weg jedenfalls von Grillen, Heuschrecken, Schaben und Mehlwürmern, die zu einem Menü verarbeitet werden.

Wir sollten uns rechtzeitig entscheiden, ob wir die Pastasoße mit oder ohne Mehlwürmer essen wollen, empfiehlt der promovierte Biologe Stephan Dreyer, Mitarbeiter des Reptiliums. Er weiß, dass man die Tiere nicht mehr aus der Soße fischen kann. Wie recht er hat. Mein Gegenüber am Tisch versucht es später lange, aber vergeblich, während ich nach zwei Bissen auf Nudeln natur umgestiegen bin. Die Soße schiebe ich an den Tellerrand. Dabei schmeckt sie gut, und man könnte sich ja vorstellen, die länglichen schwarzen Teilchen seien Wildreis oder so. Doch erstens würde niemand Wildreis in Pastasoße tun und zweitens wissen wir: Es sind Mehlwürmer! Schließlich waren wir bei der Zubereitung ja dabei. Mehlwürmer gelten unter Insektenessern als "Einsteigerkost". Manch einer bereitet sie zu wie einen Krabbencocktail.

Für uns gibt es zunächst ein amuse gueule: Grillen und Schoko-Schaben am Spieß. Knusprig, knackig, sie schmecken nach gut gewürzten, gerösteten Erdnüssen. Die Ermahnung unseres Kursleiters im Ohr ("Der menschliche Körper ist nicht gut geeignet für das Verdauen von Chitin") kaue ich und kaue. Nach der dritten Kostprobe fällt mir ein, dass mein Tischnachbar mittags nur wenig gegessen hat. Ob er vielleicht mein amuse gueule . . . ? Auch er kaut und kaut - und lehnt dankend ab.

Schon während des Kochens dringt immer wieder ein bestimmtes Wort an mein Ohr: Dschungelcamp! Ein bisschen fühlen wir uns so. Unerfahrenen Insektenessern muss man Mut zusprechen. "Austern", sagt der fröhliche Mitarbeiter des Reptiliums, "essen Sie doch auch." Statt eine Auster zu schlürfen, probiere ich eine Heuschrecke. Länger als drei Minuten soll man sie nicht frittieren, "sonst werden sie bitter". Am Kochtisch haben sie viel Chilipulver drüber getan. Sie schmeckt. Eine reicht mir dennoch. Im Reptilium ist es tropisch heiß, ich schwitze, habe Sand in den Schuhen und könnte einen Schnaps gebrauchen. Den gibt es später auch, doch wie konnte ich bloß annehmen, dass er insektenfrei ist? Mehlwürmer, Grillen und Schwarzkäferlarven schwimmen darin. Ich verzichte gern.

Woran mag es liegen, dass ich mich für mein durchaus wohlschmeckendes Insekten-Menü nicht erwärmen kann? Weil wir den Heuschrecken die Beine ausrupfen mussten? Weil wir Insekten für Ungeziefer halten und mit Schaben Schmutz verbinden? Stephan Dreyer und Reptiliums-Leiter Uwe Wünstel lenken mich mit Fakten ab. Sie erklären: Insekten , die an Tiere verfüttert werden, dürfen nicht für Menschen zubereitet werden. Sie werden eigens bestellt, kommen schockgefrostet in die Küchen. Dreyer und Wünstel arbeiten gerade an einem Insektenkochbuch. Da wird dann sicherlich auch nachzulesen sein, dass die Kerbtiere geeignet sein könnten, ein mögliches weltweites Ernährungsproblem zu lösen. Als eiweißreich gelten sie immer noch, obwohl inzwischen bekannt sei, wie Biologe Dreyer erklärt, dass bei der Berechnung des Eiweißanteils wohl der Chitinpanzer einbezogen wurde, was die Angaben möglicherweise verfälsche. Probieren lohnt sich dennoch. Aber ob sich das Insektenessen in unseren Breiten durchsetzen wird? Erste Insektenrestaurants gibt es in Deutschland bereits. Wer die kleinen Tierchen selbst zubereiten möchte, kann sie sich im Fachhandel bestellen. Gezüchtet, wie in Thailand, wo sie selbstverständlich auf den Speiseplan gehören, werden sie in Deutschland nicht.

Die Landauer Insektenköche nennen ihren Kurs ein "Abenteuer". Nach vier Stunden gehe ich an den Krokodilen und Schlangen vorbei zum Ausgang. Ich weiß, dass ich nach dem Menü für Einsteiger gleich wieder Aussteiger bin. Am nächsten Tag konzentrieren wir uns bei einer Kräuterwanderung auf Sauerampfer, Brennnesseln und Co.. Möglicherweise verschlucken wir dabei auch das ein oder andere Insekt. Unbemerkt und ungewürzt.

www.reptilium.de

SZ-Redakteurin Ilka Desgranges (3.v.l.) schaut zu, wie Stephan Dreyer (rechts) und Uwe Wünstel die fertig zubereiteten Insekten auf den Tellern verteilen.
SZ-Redakteurin Ilka Desgranges (3.v.l.) schaut zu, wie Stephan Dreyer (rechts) und Uwe Wünstel die fertig zubereiteten Insekten auf den Tellern verteilen.