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Man spricht weniger Deutsch

Künftig werden wohl weniger Kinder in Frankreich lernen, wie die Obstsorten auf Deutsch heißen. Foto: Pleul/dpa
Künftig werden wohl weniger Kinder in Frankreich lernen, wie die Obstsorten auf Deutsch heißen. Foto: Pleul/dpa FOTO: Pleul/dpa
Paris. Die Reform der Mittelschule, die im September in Frankreich in Kraft trat, schwächt nach Ansicht der Lehrer den Deutschunterricht. Probleme dürfte es künftig bei Klassenreisen und Schüleraustausch geben. Christine Longin

Marion de Thézy wollte nach den Sommerferien eigentlich in einer Europaklasse auf ihrer Schule anfangen. Insgesamt fünf Stunden Deutsch hätte das für die Achtklässlerin bedeutet, die eine staatliche Mittelschule in Versailles besucht. "Sie ist sehr enttäuscht", sagt ihre Mutter Catherine. Denn die Europaklassen wurden mit der Reform der Mittelschule abgeschafft, die am 1. September in Kraft trat. Auch die Zwei-Sprachen-Klassen, in denen Deutsch zusammen mit Englisch ab der sechsten Klasse jeweils drei Stunden pro Woche unterrichtet wurde, gibt es so nicht mehr. Stattdessen wurde mit dem neuen Schuljahr Deutsch als mögliche zweite Fremdsprache für alle ab der siebten Klasse eingeführt - mit zweieinhalb Wochenstunden.



"Das bedeutet einen Rückschritt für den Deutschunterricht", kritisiert die Vorsitzende des Deutschlehrer-Verbandes ADEAF, Thérèse Clerc. Sie sieht das bestätigt, wovor der ADEAF gewarnt hat: deutlich weniger Deutschstunden und die Verteilung der Lehrer auf mehrere Schulen. Klassenreisen und Schüleraustausche können so aus Zeitgründen nicht mehr organisiert werden. "Bei einer Minderung des Deutschunterrichts drohen die Schulpartnerschaften unterzugehen", warnt auch Gereon Fritz, der Vorsitzende der Vereinigung deutsch-französischer Gesellschaften für Europa, VDFG.

Fast 50 000 dagegen

Fast 50 000 Unterschriften sammelte der ADEAF gegen die Pläne von Bildungsministerin Najat Vallaud-Belkacem, gegen die sich im vergangenen Jahr auch zahlreiche prominente Politiker wandten. Die Sozialistin schwenkte daraufhin von einer Abschaffung der Zwei-Sprachen-Klassen auf eine Beibehaltung unter der Bedingung um, dass Deutsch bereits in der Grundschule gelernt wird. "Wir werden Deutsch nicht töten, sondern im Gegenteil stärken", versicherte die 38-Jährige im Januar. In tausend Grundschulen solle zusätzlich Deutsch unterrichtet werden, das dann in der Mittelstufe in einer zweisprachigen Klasse weitergeführt werden kann. "Wir hoffen, dass der Trend nach unten dadurch gestoppt wird", sagt Stefan Brunner, der Leiter der Sprachlernabteilung am Goethe-Institut in Paris . Die Nachfrage nach Fortbildungen für Deutschunterricht an der Grundschule sei auf alle Fälle groß.

Doch Deutsch als erste Fremdsprache ist für viele Eltern in Frankreich keine Option. "Wenn Englisch und Deutsch konkurrieren, wählen mehr als 90 Prozent der Eltern Englisch", sagt Catherine de Thézy. Die engagierte dreifache Mutter hatte Schwierigkeiten, in Versailles genug Gleichgesinnte für eine Deutschklasse an der Grundschule zusammenzubekommen. "Man kann den Eltern Deutsch nicht aufzwingen." Vor allem nicht, wenn mit Deutsch als erster Fremdsprache Englisch erst fünf Jahre später folgt - für viele zu spät.



Regionale Unterschiede

Auch deshalb war die Einführung der Zwei-Sprachen-Klassen 2003 eine gute Lösung, denn Deutsch wurde parallel zu Englisch gelernt und gewann dadurch an Attraktivität. Der Anteil der Deutschlerner, der sich in den vergangenen Jahren auf einem stabilen Niveau von 15 Prozent eingependelt hatte, dürfte nun wieder zurückgehen. Im Januar dieses Jahres wurden dazu erste Zahlen veröffentlicht, die ergaben, dass in Paris im neuen Schuljahr alle Zwei-Sprachen-Klassen erhalten bleiben, während in Caen in der Normandie nur fünf Prozent überleben. Dass tatsächlich 30 000 Kinder mehr Deutsch lernen, wie die Bildungsministerin versprach, glaubt Thérèse Clerc nicht. Der ADEAF rechnet mit rund einem Drittel "classes bilangues" weniger in diesem Schuljahr.

Deutsch gilt in Frankreich nach wie vor als elitär. Auch deshalb hatte Vallaud-Belkacem sich für die Abschaffung der Zwei-Sprachen-Klassen eingesetzt, die ihrer Ansicht nach nur einen kleinen Teil der Schüler erreichten. "Wo ist die Gleichheit, wenn die Kinder in Paris Deutsch lernen können und in Caen nicht?", empört sich Catherine de Thézy. Sie fürchtet, dass mit der Schulreform viele Eltern ihre Kinder nun auf Privatschulen geben werden, wo der bilinguale Unterricht ebenso weitergeführt wird wie die Europaklassen. Die Chancengleichheit in Frankreich, für die Vallaud-Belkacem sich einsetzt, wäre damit gerade ins Gegenteil verkehrt.

Frankreichs Bildungsminsterin Najat Vallaud-Belkacem hat die umstrittene Reform der Mittelschule zu verantworten. Foto: Petit Tesson/dpa
Frankreichs Bildungsminsterin Najat Vallaud-Belkacem hat die umstrittene Reform der Mittelschule zu verantworten. Foto: Petit Tesson/dpa FOTO: Petit Tesson/dpa