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"Man konnte leben wie Gott in Frankreich"

An jene Zeit, als sich die Bundesrepublik im Grundgesetz zu ihren Werten bekannte, erinnern sich Friedel und Kurt Ziegert, ein Architekten-Ehepaar aus Saarlouis, noch recht gerne Von SZ-Redakteur Gerhard Franz

An jene Zeit, als sich die Bundesrepublik im Grundgesetz zu ihren Werten bekannte, erinnern sich Friedel und Kurt Ziegert, ein Architekten-Ehepaar aus Saarlouis, noch recht gerne. Während draußen ein Frühlingsregen den grün sprießenden Garten benetzt, denken die beiden Bauplaner beim Blick durch das raumhohe, von Wand zu Wand reichende Fenster an die Ereignisse von 1949 zurück, als der Studienplatz in Trier an der Werkschule rund eine Stunde Eisenbahn plus Zollkontrolle entfernt lag.


Zoll? Klar, das Saarland war ein eigenes Land, mit eigener Währung und wirtschaftlich angelehnt an Frankreich. "Da hat sich das Schmuggeln echt gelohnt", weiß Friedel Ziegert, wie ihr Mann Jahrgang 1926, aus eigener Erfahrung: "Für ein paar Nylonstrümpfe hab ich 100 Mark bekommen; damals hat die Studiengebühr 120 Mark betragen. Das war viel Geld." Kurz nach dem Krieg, resümiert ihr Mann Kurt, "gab's an der Saar fast alles; man konnte leben wie Gott in Frankreich". Die Konsumlücke, die zwischen dem von Frankreich unterstützten Saarland und dem angrenzenden "Reich" klaffte, sei mit der Währungsreform vom Juni 1948 geschlossen worden. Ab diesem Zeitpunkt seien die Schaufenster, in denen zuvor nur Attrappen standen, meist wieder voll gewesen. Und mit dem Schmuggel der "wohlhabenden" Saarländer gab es an der Zollstation von Saarhölzbach, jenem Bahnhof, an dem Konrad Adenauer am 1. Janur 1957 erstmals seinen Fuß auf saarländischen Boden setzte, offenbar die verrücktesten Erlebnisse. "Wenn wir dort den Zug verlassen mussten, hatten wir die Zigaretten meist hinter den aus Holzlatten bestehenden Rückenlehnen versteckt." Doch eines Tages sei der französische Zoll dahinter gekommen und habe alles beschlagnahmt.

Wieso der französische Zoll? Die hätten doch eigentlich nur die Ware kontrollieren sollen, die ins Saarland reingeschmuggelt werden sollte? "Nein", erwidert der Architekt, "die Franzosen wollten nicht, dass dieses Gut nach Deutschland kommt."

Die erste Zeit des Studiums in Trier sei recht hart gewesen; über der Porta Nigra habe die Hungerfahne geweht, eine schwarze Flagge des Protests gegen die mangelnde Versorgung; in den Studienräumen sei nicht geheizt worden. "Manchmal mussten wir mit Handschuhen zeichnen, weil wir so gefroren haben", erinnert sich Friedel. Doch im Mai 1949, als das Grundgesetz in Kraft trat, sei das Wohlstandsgefälle bereits überwunden gewesen.

Ob denn die Verfassung der Bundesrepublik im Bewusstsein von Saarländern überhaupt eine Rolle gespielt habe? "Weniger", antwortet Kurt, denn damals hatte man die Luftbrücke in Berlin vor Augen, wegen der Differenzen der West-Alliierten mit den Sowjets. Die Franzosen waren in einen Krieg in Indochina verwickelt. Selbst den heraufziehenden Konflikt in Korea habe man mit Sorgen betrachtet. "Der Ost-West-Konflikt hat uns damals viel stärker bewegt; wir hatten alle Angst, dass es wieder Krieg geben könnte."



Im Übrigen habe man politisch zur Kenntnis genommen, dass sich Kanzler Adenauer und der französische Außenminister Robert Schuman wohl einig waren, dass das Saarland selbstständig werden sollte. "Das wurde von uns wohlwollend aufgenommen", unterstreichen die beiden im Rückblick. Zumal in der Familie der Architektin über eine Großmutter aus der Gegend von Diedenhofen (heute: Thionville) das französische Element stark ausgeprägt gewesen sei. Oma sorgte dafür, dass die Familie sofort nach dem Krieg mit französischen Konsumgütern ausgestattet wurde, die sie aus Creutzwald mitbrachte. Insofern sei die Einschätzung, dass der "Saarländer zwei Fahnen im Schrank" habe, nicht falsch.