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„Lügenpresse“ ist Unwort des Jahres 2014

Darmstadt. Der Begriff „Lügenpresse“, der seinen Ursprung schon im Ersten Weltkrieg hat, ist zum Unwort des Jahres 2014 gewählt worden. Damit ist die Jury zwar nicht der Mehrheit der Ideengeber gefolgt. Sie erntet aber trotzdem Lob. Dpa-Mitarbeiterjoachim Baier

"Lügenpresse" gilt als Kampfbegriff aus der Zeit des Ersten Weltkriegs, wieder aufgegriffen von den Nazis, von Hitlers Propagandaminister Joseph Goebbels . Als die Darmstädter Sprachkritikerin Nina Janich (46) die abwertende Bezeichnung als "Unwort des Jahres 2014" bekannt gab, war klar: Die kritisierte Parole ist nicht nur Geschichte, sondern brisant und aktuell wie ein "Unwort" bisher selten. "Lügenpresse" wird heute bei Demonstrationen des Anti-Islam-Bündnisses Pegida skandiert.

"Uns war es in der Jury von vornherein klar, dass wir ein Wort rund um die Pegida-Debatte als Unwort auswählen wollen", beschrieb Janich gestern die Diskussion in der Runde. Das sei schon vor den terroristischen Attentaten in Frankreich so gewesen, die Ereignisse hätten die Einstellung aber noch verstärkt. Das Unwort mache es aber auch möglich, einen aktuellen Zusammenhang in der Islamisierungsdebatte aufzugreifen. Medien sollten den "Mut haben, weiter zu schreiben und weiter zu karikieren", meint Janich. Der Begriff "Lügenpresse" sei zudem ein "besonders perfides Mittel". Viele der Pegida-Demonstranten wüssten vermutlich nicht, aus welcher Zeit die Parole stammt, die "sprachgeschichtliche Aufladung des Ausdrucks" dürfte einem Großteil unbekannt sein.

Aus Sicht der protestierenden Pegida-Anhänger herrscht auch heute keine wirkliche Meinungsvielfalt oder Meinungsfreiheit. Vielmehr bestimmten Regierung oder "System" darüber, was veröffentlicht werden darf. So gibt es derzeit Vorwürfe an die Medien wegen der Berichterstattung über den Ukraine-Konflikt. Das Vertrauen in die Presse ist einer aktuellen Forsa-Umfrage im Auftrag des NDR zufolge auf einem Tiefpunkt. Die Journalisten würden zu hart mit Russland und Kremlchef Wladimir Putin ins Gericht gehen, die ukrainische Regierung aber zu nachsichtig behandeln - und zwar auf Geheiß westlicher Regierungen und der Nato , wie die Kritiker behaupten.

Natürlich müssten Medien weiterhin kritisiert werden, meint dazu Janich. "Dass Mediensprache eines kritischen Blicks bedarf und nicht alles, was in der Presse steht, auch wahr ist, steht außer Zweifel." Aber "Lügenpresse" sei ein Kampfbegriff mit dunkler Vergangenheit, "den man eigentlich überhaupt nicht verwenden sollte""

Mit der Entscheidung hat die unabhängige Jury wieder ein Wort gewählt, das mit sieben Vorschlägen kein Spitzenreiter war. Am meisten genannt worden waren unter den fast 1250 Einsendungen "Putin-Versteher"/"Russland-Versteher" (60 Mal), "Pegida"/"Patriotische Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes" (44 Mal) und "Social Freezing" (29 Mal). Die Jury richtet sich nicht nach der Häufigkeit der Vorschläge, sondern will die Sensibilität für Sprache fördern.

Lob für die Entscheidung kommt von Sprachwissenschaftlern. "Das ist eine Wahl, wie sie nicht hätte besser sein können", meint Heinrich Detering, Präsident der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung in Darmstadt . "Das zeigt, wie schnell populistisches Reden in NS-Jargon kippen kann - und auch, dass das Ressentiment derer, die Begriffe wie "Lügenpresse" verwenden, sich gegen eine offene Gesellschaft richtet."

So sieht es auch der Direktor des Instituts für Deutsche Sprache in Mannheim, Professor Ludwig M. Eichinger. Man solle besser "zwei Mal nachdenken, ob man das Wort in einer demokratischen Gesellschaft verwendet".