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Brandbrief
Lehrer-Brandbrief schlägt hohe Wellen

An der Gemeinschaftsschule Bruchwiese gibt es viele Probleme – wie offenbar auch an anderen Schulen im Saarland.
An der Gemeinschaftsschule Bruchwiese gibt es viele Probleme – wie offenbar auch an anderen Schulen im Saarland. FOTO: SZ
Saarbrücken. Nach den SZ-Berichten über die verheerenden Zustände an der Gemeinschaftsschule Bruchwiese erntet die saarländische Landesregierung viel Kritik. Opposition, Lehrerverbände und Facebook-Nutzer werfen ihr vor, nicht genügend für die Schulen zu tun. Gerrit Dauelsberg

„Traurig“, „furchtbar“, „unfassbar“ – das waren gestern bei Facebook häufige Reaktionen auf die bekannt gewordenen Zustände an der Saarbrücker Gemeinschaftsschule Bruchwiese. Die Saarbrücker Zeitung berichtete exklusiv über einen Brandbrief des Kollegiums an die Landesregierung – sowie über Gewalt, Beleidigungen, Drogen- und Alkoholmissbrauch an der Schule. Die Lehrer prangern in dem Schreiben unter anderem „die radikale Umsetzung der Inklusion ohne die Schaffung der notwendigen Voraussetzungen in personeller, materieller, sächlicher und räumlicher Hinsicht“ an.



Die Artikel über den Hilferuf der Lehrer wurden im sozialen Netzwerk hunderte Male geteilt und kommentiert. Die Nutzer waren entsetzt über die Zustände an der Schule, aber nicht immer überrascht: „Ein gesellschaftliches Problem“, schreibt ein Nutzer. „Das ist mit Sicherheit nicht nur auf dieser Schule so.“ Ein anderer meint: „Tolle Aussichten für unsere Kinder.“ Viele geben auch der Flüchtlingspolitik von Kanzlerin Angela Merkel (CDU) die Schuld und verweisen auf den hohen Anteil von Schülern nicht-deutscher Herkunft (laut Brief 86 Prozent) an der Schule, der ihrer Ansicht nach das Problem darstellt. Auch die Landesregierung wird bei Facebook scharf kritisiert: Schlimm sei es, dass „das Ministerium sich hinter den typischen Politikerphrasen“ verstecke, schreibt ein Nutzer.

Das von SPD-Minister Ulrich Commerçon geführte saarländische Bildungsministerium hatte am Dienstag beteuert, dass man den Brandbrief, der das Haus bereits im Juni erreichte, „von Anfang an ernst genommen“ habe. Sprecherin Marija Herceg zählte mehrere Maßnahmen auf, die ihr Haus seitdem in die Wege geleitet habe. So seien der Schule zusätzlich 109 Lehrerwochenstunden und weitere 60 Stunden zur Sprachförderung zugewiesen worden. Weitere Maßnahmen seien in Planung.

Viele Facebook-Nutzer nehmen diese Beteuerungen nicht ernst. „Lächerlich“, schreibt eine Nutzerin. „Es gibt viel zu wenige Lehrer, wo sollen die auf einmal herkommen. Hier muss mal geklotzt werden, Herr Ulrich Commerçon.“

Kritik muss sich die Landesregierung auch von der Opposition im saarländischen Landtag anhören: Die bildungspolitische Sprecherin der Linken-Fraktion, Barbara Spaniol, fordert Konsequenzen aus dem Hilferuf: „Es ist völlig utopisch, Kinder aus den verschiedensten Kulturen, mit den verschiedensten Hintergründen, mit und ohne Behinderung, fast ohne zusätzliches Personal, quasi zum Nulltarif zu einem erfolgreichen Schulabschluss führen zu wollen“, sagt Spaniol. Es sei sehr ernüchternd, dass der Brief im Juni an die Landesregierung ging, sich seitdem aber offenbar nichts geändert habe. „Auch bei den Haushaltsberatungen haben CDU und SPD wieder einmal die Chance verpasst, mehr Geld für Unterstützungspersonal an den Schulen einzustellen. Wenn rund 80 Prozent der Schülerinnen und Schüler einer Schule erst sprachlich und kulturell integriert werden müssen, reicht kein ‚Wir schaffen das’.“



Die AfD-Fraktion im Landtag fühlt sich durch den Brandbrief bestätigt und vermutet auf ihrer Internetseite ähnlich verheerende Zustände auch an anderen Schulen. Sie schreibt weiter: „Die AfD-Fraktion fordert den Stopp von Migration und Inklusion.“

Die Grünen äußern sich über ihre Fraktion im Saarbrücker Regionalverband, der Träger der weiterführenden Schulen ist. Fraktionschef Manfred Jost nimmt deshalb auch Regionalverbandsdirektor Peter Gillo (SPD) in die Verantwortung. Der müsse alles unternehmen, um die verheerenden Zustände an der Schule unverzüglich abzustellen. Zugleich müsse die Schulsozialarbeit maßgeblich gestärkt werden, um solche Zustände von vorne herein auch an anderen Schulen nicht erst aufkommen zu lassen.

Die SPD-Fraktion nimmt Commerçon in Schutz: Das Ministerium habe auf den Brandbrief vom Juni „zeitnah reagiert und der Gemeinschaftsschule zusätzliche Ressourcen zur Verfügung gestellt“, teilt der bildungspolitische Sprecher Jürgen Renner mit. Das Kollegium vor Ort leiste eine sehr engagierte und gute Arbeit. „Wir sollten einzelne Schulen nicht mit einem Etikett (‚Rütli-Schule’) versehen, dies wird der Arbeit der Lehrkräfte und auch dem Ruf der Schule nicht gerecht.“ Vielmehr müsse an der Beseitigung von aktuell auftretenden Problemen gearbeitet werden. „Dies geschieht auch.“ Insbesondere Schulstandorte im Ballungsraum Saarbrücken hätten es mit besonderen Herausforderungen zu tun. Renner: „Die Koalition arbeitet deshalb an Entlastungsstrategien für betroffene Standorte.“ Dies betreffe eine sozial indizierte Ressourcenzuweisung sowie zusätzliche Mittel in Höhe von insgesamt 446 000 Euro für Schulen an belasteten Standorten im Haushalt 2018. „Die Koalition hat sich auch darauf verständigt, den Aufbau von multiprofessionellen Teams unter Einbindung unter anderem von Sozialarbeitern zu forcieren“, teilt Renner weiter mit. Ein weiteres Thema sei die Sicherstellung der Gleichwertigkeit von Gemeinschaftsschulen und Gymnasien. Eine entsprechende Expertenkommission nehme nächste Woche ihre Arbeit auf.

Der bildungspolitische Sprecher der CDU-Landtagsfraktion, Frank Wagner, sichert der Gemeinschaftsschule Bruchwiese Unterstützung zu. Er will sich mit dem Bildungs-Arbeitskreis der Fraktion ein Bild von der Situation machen und die Schule im Januar besuchen. „Wir nehmen uns der Problematik an und müssen sehen, wie wir die Rahmenbedingungen an der Schule verbessern und den Lehrkräften unter die Arme greifen können!“, so Wagner. Die vom Bildungsministerium eingeleiteten Maßnahmen seien ein erster Schritt in die richtige Richtung. Für Wagner ist die Beschwerde der Schule ein Anlass, gerade den Bereich der Inklusion an Gemeinschaftsschulen noch einmal genau zu prüfen: „Es kann nicht sein, dass wir die Lehrer im Regen stehen lassen. Inklusion kann nur gemeinsam gelingen. Deshalb müssen wir dafür sorgen, dass die Schulen mit ausreichenden räumlichen, personellen und sachlichen Mitteln ausgestattet sind. Wir brauchen eine maßgeschneiderte individuelle Unterstützung und Förderung jedes Einzelnen und keine Inklusion der Inklusion wegen.“

Der saarländische Landesverband der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) fordert die von der SPD versprochene sozial indizierte Ressourcenzuweisung. Gerade für Schulen in innerstädtischen Lagen mit ihren enormen pädagogischen Herausforderungen reichten die vorgehaltenen Ressourcen nicht aus. „Inklusion kann nur gelingen, wenn das System Schule an die geänderten gesellschaftlichen Bedingungen angepasst wird und besser ausgestattet wird.“ Ähnlich äußert sich die Arbeitskammer des Saarlandes: „Wir fordern eine Abkehr vom Gießkannen-Prinzip bei der Schulfinanzierung und setzen uns für eine bedarfsgerechte Ressourcenausstattung an Schulen ein“, teilt AK-Hauptgeschäftsführer Thomas Otto mit.

Der Saarländische Lehrerinnen- und Lehrerverband (SLLV) stellt klar, dass es sich bei der desolaten Situation an der Gemeinschaftsschule Bruchwiese um keinen Einzelfall handelt. „Fast täglich erreichen den SLLV mittlerweile die Hilferufe der Kolleginnen und Kollegen aus den Gemeinschaftsschulen, die sich den Anforderungen im Schulalltag nicht mehr gewachsen sehen“, teilt der Verband mit. „Die Beschwerden kommen nicht nur aus den Brennpunktschulen, sondern immer häufiger auch aus den ländlicheren Regionen.“ Vor allem die Unterrichtung von zahlreichen Schülern mit sozial-emotionalem Förderbedarf bringe die Kollegen an ihre Grenzen. „In hohem Maße belastet die Lehrkräfte aber auch die große Anzahl von Schülerinnen und Schülern mit Migrationshintergrund, die unterschiedlichsten  Kulturkreisen entstammen und häufig kaum Deutsch sprechen.“ Der Verband setzt sich für die Verbesserung der Bedingungen zur Umsetzung der Inklusion ein. Gemeinschaftsschulen müssten gestärkt werden.