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Lafontaine spielt weiter den Aufpasser

 Der scheidende Vorsitzende der Linkspartei, Oskar Lafontaine, will sich auch nach seiner Verabschiedung auf dem Bundesparteitag zu Wort melden. Foto: dpa
Der scheidende Vorsitzende der Linkspartei, Oskar Lafontaine, will sich auch nach seiner Verabschiedung auf dem Bundesparteitag zu Wort melden. Foto: dpa
Rostock. Die Bühne ist in ein warmes Rot getaucht. Vor dem Logo "Die Linke" steht das neue Führungsduo eingerahmt vom alten. Gesine Lötzsch, die Quotenfrau aus dem Osten, und Klaus Ernst, der Quotenmann aus dem Westen, schwenken Rosensträuße. Oskar Lafontaine und Lothar Bisky, die Gründungsväter der Partei, blicken zufrieden auf ihre Nachfolger Von SZ-Korrespondent Stefan Vetter

Rostock. Die Bühne ist in ein warmes Rot getaucht. Vor dem Logo "Die Linke" steht das neue Führungsduo eingerahmt vom alten. Gesine Lötzsch, die Quotenfrau aus dem Osten, und Klaus Ernst, der Quotenmann aus dem Westen, schwenken Rosensträuße. Oskar Lafontaine und Lothar Bisky, die Gründungsväter der Partei, blicken zufrieden auf ihre Nachfolger. Die Delegierten applaudieren kräftig - linke Harmonie, die vergessen machen soll, dass es sich um eine personelle Notlösung handelt.


Es war im November des Vorjahres, als Oskar Lafontaine überraschend seinen Rückzug vom Fraktionsvorsitz ankündigte und zwei Monate später mitteilte, aus Gründen einer Krebserkrankung auch nicht mehr für die Parteispitze zu kandidieren. Prompt entstand ein Machtvakuum, in dem es zu heftigen Personalquerelen und Richtungsstreitigkeiten kam. Höhepunkt des Dramas: der erzwungene Rückzug des im Reformlager beliebten Bundesgeschäftsführers Dietmar Bartsch, weil er politische und persönliche Interna über Lafontaine an die Medien weitergegeben haben soll. Ausgerechnet sein alter Kumpel Gregor Gysi stellte den Parteiorganisator dafür öffentlich an den Pranger, in der Hoffnung, Lafontaine so doch noch für eine weitere Amtszeit zu gewinnen. Doch das war eine Fehlkalkulation.

So verliert die Linke auf dem Rostocker Parteitag in Lafontaine ihr westliches Aushängeschild und mit Bartsch einen überaus erfolgreichen Parteimanager aus dem Osten gleich mit dazu. In seiner Abschiedsrede zieht der Saarländer noch einmal alle rhetorischen Register. "Eine erfolgreiche Strategie wechselt man nicht aus", lautet sein Vermächtnis. Ohne ihn wäre die PDS wohl immer eine Ost-Partei geblieben und die von ihm gepuschte WASG eine Fußnote der Geschichte. Durch die Fusion der beiden Gruppierungen sitzt die Linke mittlerweile in 13 von 16 Landesparlamenten. Dieses Verdienst erkennen auch jene Parteigänger an, die sich am autoritären Führungsstil des Saarländers und an seinem fundamentaloppositionellen Pathos stoßen.



Kritik gibt es allenfalls am Zustandekommen des Personaltableaus, das dem Parteitag zur Abstimmung vorliegt. Fraktionschef Gregor Gysi hatte die neue Parteiführung Ende Januar mit den Landesverbänden nach allen Regeln des Ost/West-, Strömungs- und Geschlechter-Proporzes ausgekegelt. Mit knapp 93 Prozent erzielt Gesine Lötzsch erwartungsgemäß das beste Ergebnis, ihr Co-Chef Klaus Ernst bekommt nur rund 75 Prozent.

Zu den eher bizarren Vorgängen gehört die Wahl von Sahra Wagenknecht, der Wortführerin der Kommunistischen Plattform, zur Stellvertreterin. 2007 hatte Gysi dies noch mit aller Macht verhindert. Drei Jahre später in Rostock begründet er, warum Wagenknecht genau die Richtige dafür ist: Sie sei "streitbar" und könne Standpunkte "klar formulieren". In ihrer Bewerbungsrede wettert die bekennende Marxistin tatsächlich klar gegen "vermeintliche Sachzwänge" ihrer Partei und eine Annäherung an die SPD. Den allermeisten Delegierten gefällt das prächtig. Wagenkecht kommt auf 75,3 Prozent der Stimmen. Nur der Lafontaine-Vertraute und saarländische Landtagsabgeordnete Heinz Bierbaum schneidet bei der Vize-Wahl um ein paar Zehntel besser ab. Der künftige Saarbrücker Sozialbeigeordnete Harald Schindel, Lafontaines Büroleiter, wurde ebenfalls in den Bundesvorstand gewählt.

Als Gysi schließlich Dietmar Bartsch für seine Verdienste lobt, schütteln viele Delegierte ob der Heuchelei den Kopf. Lafontaine ist zu diesem Zeitpunkt gar nicht im Saal. Er gibt lieber Interviews - und sagt: "Wenn ich den Eindruck habe, ich sollte etwas sagen, werde ich mich auch wie gewohnt zu Wort melden." "Eine erfolgreiche Strategie wechselt man nicht aus."

Oskar Lafontaine in seiner letzten Rede

als Linken-Chef

 Der scheidende Vorsitzende der Linkspartei, Oskar Lafontaine, will sich auch nach seiner Verabschiedung auf dem Bundesparteitag zu Wort melden. Foto: dpa
Der scheidende Vorsitzende der Linkspartei, Oskar Lafontaine, will sich auch nach seiner Verabschiedung auf dem Bundesparteitag zu Wort melden. Foto: dpa