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Kubas nächste Revolution

Gastwirt Jonathan Reyes an einem der Tische seines „Wohnzimmer-Restaurants“ in Vedado, einem Stadtteil Havannas. Foto: Ehringfeld
Gastwirt Jonathan Reyes an einem der Tische seines „Wohnzimmer-Restaurants“ in Vedado, einem Stadtteil Havannas. Foto: Ehringfeld FOTO: Ehringfeld
Havanna. Heute feiert Kuba den Jahrestag des Angriffs auf die Moncada-Kaserne vom 26. Juli 1953 in Santiago de Cuba. Der Angriff war Startschuss für die Revolution, die Fidel Castro 1959 an die Macht brachte. Heute regiert Fidels kleiner Bruder Raúl das Land – und verändert es nachhaltig. Von SZ-MitarbeiterKlaus Ehringfeld

Das neue Kuba liegt zum Beispiel hier, im elften Stock eines Appartement-Hauses in Havannas Stadtteil Vedado. Doch wer zu Jonathan Reyes will, muss sich auskennen. Vor dem Hochhaus weist kein Schild, keine Werbung, nicht einmal eine Klingel den Weg zu seiner Wohnung. Ein freundlicher Nachbar zeigt dem Besucher die Aufzüge. Der Lift fährt in den elften Stock, scharrend öffnet sich die Tür, und plötzlich steht man in einem überladenen Wohnzimmer mit Plüschsofa, Kronleuchter, Büsten und Palmentapete. In den Geruch nach Braten mischt sich die Brise vom nahen Meer: Jonathan Reyes lächelt und reicht die kräftige Hand: "Willkommen im Porto Habana, dem besten Restaurant der Stadt für kreolische Küche." Reyes (32) betreibt einen Paladar, eines der vielen Wohnzimmer-Restaurants in Havanna. Paladar heißt wörtlich Gaumen und ist eine typisch kubanische Krisen-Erfindung. Eine Gastwirtschaft mit Familien-Ambiente.

In Reyes Wohnraum und vor allem seinem Wintergarten finden bis zu 30 Gäste Platz. Der Blick auf die Uferpromenade Malecón und die Bucht von Havanna sind gratis. Reyes ist "Cuentapropista", Kleinstunternehmer, der auf "eigene Rechnung" wirtschaftet. Mit Koch und Kellnern beschäftigt er fünf Angestellte. Mit seiner Ich-AG ist er der moderne Repräsentant des neuen sozialistischen Unternehmers, wie ihn sich die kubanische Führung vorstellt: Er liegt dem Staat nicht auf der Tasche und zahlt auch noch Steuern. Kuba will den Kommunismus erhalten, indem es ihn für den Kapitalismus öffnet. Es ist vermutlich das größte und gewagteste Reformprojekt seit der Revolution vor mehr als einem halben Jahrhundert. 200 solcher Paladare soll es mittlerweile in Kubas Kapitale gegeben. Von Gourmet-Tempel bis kubanisch-handfest ist alles dabei.

2001 verließ Reyes die Insel. Da war er gerade 21. Seine Mutter hatte einen Portugiesen geheiratet. Die neue Familie zog nach Europa. Jonathan arbeitete in der Baubranche, nahm die fremde Staatsbürgerschaft an, aber "die Liebe zu Kuba" sei geblieben, sagt er. Im Sommer vor drei Jahren machte er Ferien in der alten Heimat und wurde wie ganz Kuba von einer Rede seines Präsidenten aufgeweckt und aufgeschreckt. Es war der 1. August 2010, einer dieser schwülen Sommertage, als Raúl Castro mit seiner knarrenden Stimme vor der Nationalversammlung Sätze sagte, die man auf der Insel so noch nie gehört hatte. "Kuba ist das einzige Land auf der Welt, in dem man leben kann, ohne zu arbeiten. Davon müssen wir uns verabschieden." Und der kleine Bruder vom großen Fidel sagte noch mehr Revolutionäres: Dass der Staat auf sein Monopol verzichte, alleiniger Arbeitgeber aller Kubaner zu sein. Dass private Klein- und Kleinstbetriebe mit Angestellten erlaubt werden. Die Schattenseite: Hunderttausende Staatsdiener würden auf die Straße gesetzt. Aber die Regierung setzte darauf, dass sich die Masse der Entlassenen als Selbstständige einen neuen Job sucht, Steuern zahlt und gleichzeitig die Wirtschaft ankurbelt. Die Rechnung scheint langsam aufzugehen.

Als Reyes damals die Rede von Castro II. hörte, wusste er: "Das ist die Gelegenheit." Er ließ seinen Rückflug nach Lissabon verfallen und richtete das große Appartement im bürgerlichen Stadtteil Vedado her, das er von Seiner Mutter geerbt hatte. Am 18. Februar 2011 eröffnete er auf 238 Quadratmetern sein Wohnzimmer-Restaurant. Seither brummt der Laden. Nur die Besorgung der Lebensmittel bringt ihn manchmal zur Verzweiflung. In einem Land, in dem der Mangel die Regel ist, muss er mitunter fünf Stunden suchen oder Schlange stehen, um seine Zutaten zu finden. "Besonders Langusten und Fleisch, aber auch Basis-Produkte wie Reis oder Bohnen sind manchmal nur schwer zu bekommen."

180 Berufszweige hat die kubanische Führung für die neuen Selbstständigen geöffnet. Nicht nur gastronomische Betriebe florieren. Wer die Straßen von Havanna entlangläuft, stößt in fast jedem Haus auf einen neuen Kleinunternehmer. Ein Selfmade-Uhrmacher wechselt Batterien, Jungen füllen Einweg-Feuerzeuge auf. Eine Hausfrau verkauft auf der Türschwelle Blumen. Hochkonjunktur haben diesen Sommer Reparateure von Ventilatoren. Noch vor drei Jahren war der Staat Arbeitgeber für 95 Prozent der fünf Millionen werktätigen Kubaner. "Mittlerweile sind es nur noch 77 Prozent", sagt Carlos Mateu Pereira, Sprecher des Arbeitsministeriums. Die übrigen 23 Prozent arbeiten auf eigene Rechnung, sind bei Selbstständigen angestellt, verdingen sich in einer Kooperative oder haben beim Staat eine Scholle gepachtet, auf der sie für sich Obst und Gemüse anbauen.

Die kommunistische Insel, die ein halbes Jahrhundert lang im Meer des Kapitalismus dümpelte und jeder Veränderung trotzte, ist in Bewegung gekommen. Seit drei Jahren heißt die Richtung Kapitalismus, auch wenn das offiziell alle leugnen. Die Menschen dürfen jetzt Autos und Häuser verkaufen, Handys besitzen, Gemüse auf eigene Rechnung anbauen. Noch vor Jahren konnten Kubaner ihre eigenen Hotels nur betreten, wenn sie dort arbeiteten. Mittlerweile sind sie im Ferienort Varadero nach den Kanadiern die zahlenmäßig größte Urlauber-Gruppe.

Plötzlich erscheint die Insel vielen als das Land der Möglichkeiten: "Ich habe ein halbes Dutzend Freunde, die zurückgekommen sind, um sich hier eine Existenz aufzubauen", sagt Gastwirt Reyes. Auch politisch öffnet sich das Land - zögernd: Seit Januar herrscht Reisefreiheit. Die Kubaner dürfen nun gehen und kommen, wohin und wann sie wollen. Lange Jahre wurde der Bevölkerung das Internet vorenthalten. Seit Juli gibt es 118 staatlich betriebene Internetcafés. Die Stunde surfen im WorldWideWeb kostet umgerechnet 3,50 Euro. Selbst die Seiten oppositioneller Blogger und der Anti-Kuba-Medien in Miami kann man öffnen. Jonathan Reyes, der Wohnzimmer-Gastwirt, beobachtet die Veränderungen auf Kuba noch immer staunend. "Es geht alles sehr schnell, aber hoffen wir, dass es dieses Mal auch unumkehrbar ist." Und für die Zukunft wünscht er sich noch mehr Freiheiten: Dass er noch weitere Restaurants und Cafés aufmachen darf, was bisher verboten ist. Und dass die Behörden bald seine Werbeschilder genehmigen. "Damit die Gäste unser Restaurant von unten erkennen."