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| 20:15 Uhr

Krisen, Kampf und kurze Röcke

Hamburg. Es war das Jahrzehnt von Familie Hesselbach und Diana Rigg als "Emma Peel", von Konrad Adenauer und Willy Brandt, von Manuela ("Schuld war nur der Bossa Nova") und Jimi Hendrix ("Hey Joe"). In den 60er Jahren veränderte sich Deutschland - nicht nur politisch Von dpa-Mitarbeiter Dieter Ebeling

Hamburg. Es war das Jahrzehnt von Familie Hesselbach und Diana Rigg als "Emma Peel", von Konrad Adenauer und Willy Brandt, von Manuela ("Schuld war nur der Bossa Nova") und Jimi Hendrix ("Hey Joe"). In den 60er Jahren veränderte sich Deutschland - nicht nur politisch. Als das Jahrzehnt begann, war Adenauer bereits seit elf Jahren Bundeskanzler und sollte es noch drei weitere Jahre bleiben. Als es endete, hatte die Kanzlerschaft von Willy Brandt gerade begonnen, stand die "Ostpolitik" vor der Tür. Neugierig erkundeten die West-Deutschen den Rest der Welt. Das bedeutete vor allem: Italien, später auch Frankreich und Spanien. Wer den Brenner-Pass bezwungen hatte, stand vor einer aufregend fremden Welt. Vico Torriani machte im TV-"Hotel Victoria" die Zuschauer singend mit exotischen Speisen bekannt. Conny Froboess sang "Zwei kleine Italiener". Als die 60er Jahre begannen, trug ein echter Mann noch Hut und wusch, polierte und lenkte das sicherheitsgurtfreie Auto höchstselbst. Das Jahrzehnt begann mit dem Sowjetastronauten Juri Gagarin, der im April 1961 die Erde in seiner kleinen Raumkapsel ein Mal umrundete und damit auch die Überlegenheit der Arbeiter- und Bauernklasse beweisen sollte. Am 13. August 1961 wurde die Mauer in Berlin gebaut. Es war der erste Höhepunkt einer Eiszeit in den Ost-West-Beziehungen. Noch ernster war die Kubakrise ein Jahr später. US-Präsident John F. Kennedy und Nikita Chruschtschow ließen die Welt in den Abgrund eines Atomkriegs schauen. Als die mit Raketen beladenen sowjetischen Frachter nicht mehr Kurs auf Kuba nahmen, hatten die USA den Weltmacht-Poker gewonnen. Kennedy war der Held. Ganz besonders in West-Berlin, wo er im Juni 1963 als erster US-Präsident nach dem Mauerbau ankam und das auf seinen Notizzettel geschriebene "Ish bin ein Bearleener" vorlas. Die Begeisterung über Kennedys Bekenntnis übertraf noch den Jubel, der Frankreichs Präsident Charles de Gaulle im September 1962 umtost hatte und dem wenig später der deutsch-französische Freundschaftsvertrag gefolgt war. Die Wirtschaft boomte, ausländische Arbeiter kamen nach Deutschland. Während die Kriegsgeneration vor allem Ruhe als erste Bürgerpflicht ansah, brodelte es bereits bei den Jüngeren. Die Große Koalition von 1966 bis 1969 - mit Kanzler Kurt Georg Kiesinger (CDU) und Außenminister Willy Brandt (SPD) - und der Mangel an offizieller Opposition stärkten die "außerparlamentarische Opposition" (APO), deren Kampf sich 1968 unter anderem auf die "Notstandsgesetze" konzentrierte. Der Student Benno Ohnesorg, der bei einer Demonstration gegen den Schah von Persien im Juni 1967 von einem Polizisten erschossen wurde, das Attentat auf den Studentenführer Rudi Dutschke vom April 1968 und der weltweit zunehmende Protest gegen den Vietnam-Krieg - all das bedeutete eine Radikalisierung in der 68er Bewegung. Die ging verschiedene Wege, von denen viele später in das damals verhasste "Establishment" zurückführten. Einige jedoch endeten auch im Terrorismus der "Roten Armee Fraktion". Der tatsächliche Umbruch fand jedoch nicht nur an den Universitäten statt. Deutschland machte sich frei. Der Mini-Rock setzt sich durch. Und das Verhältnis zur Sexualität wandelt sich von der Teenie-Pubertätsberatung des "Dr. Sommer" in der "Bravo" über den Film "Wunder der Liebe" von Oswalt Kolle (1968) bis hin zu einem weitgehend entspannten Umgang mit der Anti-Baby-Pille. Mitte des Jahrzehnts herrschte auch ein neuer Ton im Land. Die Musik wurde laut - und oft wurde sie auch politisch. Eltern belachten die Beatles als "Pilzköpfe" - und der allererste samstägliche "Beat Club" im Fernsehen konnte im September 1965 erst beginnen, nachdem Wilhelm Wieben die Eltern vorgewarnt und um Nachsicht gebeten hatte. Vier Jahre später, als Jimi Hendrix 1969 in Woodstock spielte, gab es bereits Hippies ohne Vorwarnung. Politik, Kultur und Musik: Alles war anders. Eines aber blieb: Während des gesamten Jahrzehnts ritten die vier Männer von der Ponderosa durch die Wohnzimmer. Wenn die Bonanza-Melodie erklang und die Landkarte in Flammen aufging - dann war Sonntag in Deutschland.