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Konzerne drohen mit Stilllegung von Kraftwerken

Berlin. Seit Monaten klagen Stromkonzerne über Verluste mit Gas- und Kohlekraftwerken. Jetzt drohen sie mit der Abschaltung von jeder fünften Anlage. Kritiker sprechen von Stimmungsmache. Von SZ-KorrespondentStefan Vetter

Deutschlands Stromwirtschaft probt den Aufstand. Einem Pressebericht zufolge prüfen Konzerne und Stadtwerke im Zuge der Energiewende die Stilllegung zahlreicher Gas- und Kohlekraftwerke, weil sie sich wegen des Ökostrom-Booms nicht mehr rechnen. Von den bundesweit etwa 90 000 Megawatt Erzeugungskapazitäten für Atom- oder Kohlestrom könnten bis zu 20 Prozent wegfallen, zitierte die "Süddeutsche Zeitung" einen nicht namentlich genannten Konzernvertreter. Da Sonnen- oder Windkraft nicht immer verfügbar sind, könnte es zu Versorgungsengpässen kommen.

Das Problem der Stromproduzenten: Durch den Siegeszug der erneuerbaren Energien, die im Netz Vorrang haben, werden Gas- und Kohlekraftwerke immer weniger für die Stromversorgung gebraucht. Gleichzeitig lässt das wachsende Angebot den Börsenpreis sinken. Das macht den Betrieb konventioneller Anlagen unrentabel, obwohl sie Öko-Strom-Flauten ausgleichen müssen. Die Konzerne verlangen deshalb von der Bundesregierung eine Entlohnung für das Bereitstellen von herkömmlichen Kapazitäten.

Die Energie-Expertin beim Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW), Claudia Kemfert, hält Stromausfälle in Deutschland für abwegig. "Es ist schon bemerkenswert, dass die Stromkonzerne jetzt mit der Abschaltung von Kraftwerken drohen und so die Bevölkerung in Angst und Schrecken versetzen, wohl wissend, dass man gesetzlich verpflichtet ist, die Versorgungssicherheit aufrecht zu erhalten", sagte sie der SZ. Sie bezog sich damit auf eine Vorgabe von Wirtschaftsminister Philipp Rösler (FDP), der die Unternehmen dazu zwingt, so genannte systemrelevante Anlagen betriebsbereit zu halten.

Offenbar gehe es den Konzernen um weitere Subventionen für ein ohnehin überteuertes System, meinte Kemfert. Grünen-Fraktionsvize Bärbel Höhn beklagte gegenüber der SZ, dass die Industrie vor allem auf das Aus von vergleichsweise umweltschonenden Gaskraftwerken setze. Wegen des Preisverfalls der Emissions-Lizenzen lohne es sich, Kohlekraftwerke am Netz zu halten.