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Kattowitz
Die Klimakonferenz und die Schicksalsfrage der Menschheit

Die Abholzung des Regenwaldes schädigt das Weltklima noch weiter. Dennoch will der künftige brasilianische Präsident Rodungen erleichtern.
Die Abholzung des Regenwaldes schädigt das Weltklima noch weiter. Dennoch will der künftige brasilianische Präsident Rodungen erleichtern. FOTO: dpa / Heriberto Araujo
Kattowitz. Die Erhitzung der Erde ist voll im Gang, die Folgen spürbar. Können die Vertreter von fast 200 Staaten beim Treffen in Polen das Ruder herumreißen? Von Torsten Holtz

Es ist eine zweiwöchige Konferenz der Superlative: Vertreter von fast 200 Staaten beraten seit gestern im polnischen Kattowitz (Katowice) über eine Schicksalsfrage der Menschheit. Gelingt es, die Erderwärmung auf ein erträgliches Maß zu begrenzen? Fragen und Antworten dazu:


Wie schlimm ist die Lage?



Schon jetzt hat sich die Erde um rund ein Grad aufgeheizt seit der Zeit um 1750. Weltweit fliehen mehr Menschen vor Naturkatastrophen und Klimaereignissen als vor Krieg und Gewalt. In vielen Regionen sei der Klimawandel schon jetzt eine „Frage von Leben und Tod“, mahnte UN-Generalsekretär António Guterres gestern in seiner Eröffnungsrede. Doch auch in diesem Jahr steigt der Ausstoß des Klimakillers Kohlendioxid erneut an. Noch immer werden in vielen Staaten massiv neue Kohlekraftwerke gebaut, noch immer fahren die meisten Autos nicht elektrisch, noch immer sind viele Wirtschaftssektoren auf Öl, Kohle und Gas ausgerichtet. Macht die Welt weiter wie bisher, leben wir Ende dieses Jahrhunderts wohl in einer drei bis vier Grad wärmeren Welt.

Was tut die Welt gegen die Erderhitzung?

Auf der UN-Klimakonferenz in Paris vor drei Jahren haben sich die gut 190 vertretenen Staaten darauf geeinigt, die Erderwärmung möglichst auf 1,5 Grad zu begrenzen. Viele Länder haben sich seither nationale Reduktionsziele gesetzt. Alle Experten sagen jedoch, dass diese zusammen bei weitem nicht ausreichen. Der Weltklimarat (IPCC) hat vorgerechnet: Die globalen CO2-Emissionen müssen zur Erreichung des 1,5-Grad-Ziels bis 2030 gegenüber 2010 um 45 Prozent sinken, und bis 2050 sogar auf netto null. Dies erfordert einen radikalen Umbau unseres Wirtschafts- und Verkehrssystems – weg von Kohle, Öl und Gas, und zwar ab sofort. Fraglich ist, ob große Staaten mitziehen: US-Präsident Donald Trump hat sich aus dem Pariser Abkommen verabschiedet, in Brasilien ist ein rechtsradikaler Präsident dabei, die Abholzung des so wichtigen Regenwalds zu erleichtern. Und China versucht zwar angesichts der Luftverpestung in seinen Mega-Städten, den Ausstieg aus der Kohle anzuschieben – investiert aber gleichzeitig unter anderem in Afrika und Asien massiv in Kohlekraft.

Welche Rolle spielt Deutschland?

Das Image der Bundesrepublik als Vorreiter beim Klimaschutz hat viele Kratzer bekommen: So hat die Regierung ihre selbst gesteckten Klimaziele für 2020 verpasst – was Umweltministerin Svenja Schulze (SPD) in Kattowitz „sehr schmerzlich“ nannte. Auch kam sie ohne eine feste Zusage nach Polen, wann genau der Ausstieg aus der Kohleverstromung hierzulande vollzogen wird. Wie schleppend es in vielen Bereichen beim Klimaschutz läuft, zeigt der Verkehrssektor: Hier haben sich die Emissionen von Kohlendioxid seit 1990 überhaupt nicht verringert, sondern erhöht. Immerhin: Seine Finanzzusage an den Grünen Klimafonds, einen wichtigen UN-Geldtopf für arme Staaten, hat Deutschland jüngst auf 1,5 Milliarden Euro jährlich verdoppelt.

Was soll das Treffen in Polen bringen?

Verabschiedet werden soll ein Regelbuch, um die Beiträge der einzelnen Staaten zum Klimaschutz und auch die Finanzzusagen messbar und vergleichbar zu machen. Für Deutschland ist das auch eine Frage der Fairness: Wenn andere Staaten laxer kontrollieren, sind Wettbewerbsnachteile zu befürchten. Und auch die ärmeren Länder wollen nachhalten können, dass die zugesagten Finanzhilfen und Investitionen tatsächlich fließen. Keiner soll mogeln können. Schulze: „Am Ende soll jeder genau wissen, was er zu tun hat, damit wir gemeinsam den Klimawandel bekämpfen können.“