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Erinnerung an Rudi Dutschke
Keine linke Ikone wie Che Guevara

Bis heute ein Symbol der linken Bewegung: Ché Guevara. Bei Rudi Dutschke ist das nicht so offensichtlich.
Bis heute ein Symbol der linken Bewegung: Ché Guevara. Bei Rudi Dutschke ist das nicht so offensichtlich. FOTO: -- / dpa
Berlin. Warum Rudi Dutschke weniger präsent ist als der Popstar der Kubanischen Revolution.

Rudi Dutschke steht am 11. April 1968 vor einer Apotheke auf dem Berliner Kurfürstendamm, als ihn ein Rechtsextremist mit drei Schüssen niederstreckt. Elf Jahre später stirbt der prominente linke Aktivist an den Spätfolgen des Attentats. Er war damals eine Symbolfigur, die den Hass der Rechten und Konservativen auf sich zog. Er hat neue Formen des Protests etabliert. Dennoch ist der prominenteste Vertreter des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes in seiner Heimat nie zur Ikone geworden – auch wenn man in Berlin-Kreuzberg 2008 eine Straße nach ihm benannt hat.


Geboren am 7. März 1940, war der Wehrdienstverweigerer Dutschke am 11. August 1961 mit 21 aus seiner Heimat Luckenwalde in Brandenburg nach Westberlin zum Studium der Geisteswissenschaften gezogen. Er gehörte zu der ersten Nachkriegsgeneration, bei der unter der latenten Bedrohung durch den Kalten Krieg ein wachsendes Unbehagen über die kollektiv verdrängten Gräueltaten der Nazis keimte. Die Jungen probten den Ausbruch aus der Enge und dem Schweigen der Eltern – und gerieten in Konflikt mit staatlichen Autoritäten. Der Protest entlud sich auch gegen den Vietnam-Krieg und den Besuch des Schahs von Persien im Juni 1967, als ein Polizist in Berlin den unbewaffneten Studenten Benno Ohnesorg erschoss. Ein Jahr später dann das Attentat auf Dutschke.

Bedenkt man, wie stark sich Deutschland unter dem Einfluss der 68er-Bewegung verändert hat, ist es eigentlich erstaunlich, dass deutsche Linke heute zwar das Konterfei des 1967 in Bolivien getöteten Guerrilleros Ché Guevara auf dem T-Shirt tragen, aber nicht das des einstigen Wortführers der deutschen Studentenproteste.

Das mag an Dutschkes bisweilen schwer verdaulichen Bandwurmsätzen liegen, die selten zum griffigen Slogan taugten. Vielleicht verhinderte auch sein selbstgestrickt-alternativer Look die posthume Vermarktung als Popstar des Protests. Ganz anders als Ché Guevara, der mit Barett, zerknittertem Hemd, Zigarre und Macho-Blick nicht nur für linke Ideologie stand, sondern irgendwie auch für Abenteuer und Männlichkeit.

„Ché hatte ein schönes Gesicht und ein wildes Aussehen“, sagt der Berliner Politologe Hajo Funke. An den Äußerlichkeiten alleine liege es aber nicht. Funke glaubt, Dutschkes Wirken sei später „überblendet worden durch die Debatten über die RAF“. Er meint den später von Gegnern der 68er oft erhobenen Vorwurf, die linke Studentenbewegung habe den Terror der Roten-Armee-Fraktion überhaupt erst möglich gemacht. Funke findet diese Interpretation unfair. Dutschke sei gegen Gewalt gewesen, ein warmherziger Mensch, „man hätte ihn mehr würdigen sollen“.



Dutschkes Theorie vom „langen Marsch durch die Institutionen“ hat sich dagegen im Rückblick als praxistaugliches politisches Rezept erwiesen. Viele derjenigen, die damals losmarschiert waren, wurden später Minister und Professoren.

Ricarda Lang war noch nicht geboren, als Dutschke starb. Die Sprecherin der Grünen Jugend sagt: „Die 68er-Bewegung hat insgesamt sehr viel geleistet für die Modernisierung und Demokratisierung der Bundesrepublik, auch wenn es lange gedauert hat, bis die Frauen auch gehört wurden.“ Rudi Dutschke sei „charismatisch und überzeugend“ gewesen, aber für sie persönlich kein Idol. Ché Guevara sieht sie kritisch, „wegen seiner Haltung zur Homosexualität, wegen seinem Einsatz von Gewalt gegen Andersdenkende und weil er innerhalb seiner Gruppe sehr autoritär agiert hat“.

Auch die Dutschkes nannten ihren ältesten Sohn Hosea-Ché – nach einem Propheten im Alten Testament und der linken Ikone Guevara. Aber auch Gretchen Dutschke hatte Probleme mit Ché, sagt sie. Eine Bewegung, die auf Hass gründete, gefiel ihr nicht. Gefreut hat sie sich dagegen, als sie neulich in Berlin einen Lampion mit dem Konterfei von Rudi Dutschke hängen sah. Sie sagt: „Bei denjenigen, die unter 30 sind, ist er meistens vergessen. Das finde ich schlecht, weil es so ein wichtiger Teil der deutschen Geschichte ist.“