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Experten halten Baden für unbedenklich
Saarländische Gewässer – keimgetrübt?

Badespaß am Bostalsee: Die Wasserqualität gilt als ausgezeichnet – obwohl auch hier in geringem Ausmaß multiresistente Keime nachgewiesen wurden.
Badespaß am Bostalsee: Die Wasserqualität gilt als ausgezeichnet – obwohl auch hier in geringem Ausmaß multiresistente Keime nachgewiesen wurden. FOTO: Bonenberger Klos / Bonenberger
Saarbrücken. Wissenschaftler fanden in Bächen und Seen Keime, die gegen bestimmte Antibiotika resistent sind. Dem Badespaß tut das aber keinen Abbruch, sagen Experten. Von Iris Neu-Michalik
Iris Neu-Michalik

Selten ist so viel Badespaß wie in diesem Sommer – nicht nur in saarländischen Freibädern. Denn wer sich ungern im Gewimmel zwischen chlorgeschwängertem Wasserbecken und ausgetretener Liegewiesen bewegt, taucht hierzulande gern ein paar Kilometer weiter in Bostalsee oder Losheimer Stausee ein. Unbelastete Naturgewässer eben, wie man bisher glaubte. Gilt doch die Qualität der beiden offiziellen EU-Badegewässer als ausgezeichnet. Gefahr durch Keime standen hier bislang jedenfalls nicht zur Debatte – anders als etwa in Niedersachsen, wo Forscher bei Recherchen des NDR multiresistente Bakterien in zahlreichen Gewässern fanden.


Nun tat es ein Rechercheteam des SR den NDR-Kollegen gleich und ließ Wissenschaftler mehrere saarländische Bäche, Flüsse und Seen untersuchen. Das Karlsruher Institut für Technologie (KIT) wurde auch prompt fündig: In allen getesteten Gewässern wies es so genannte multiresistente Keime nach – also Krankheitserreger, bei denen bestimmte Antibiotika versagen. Am stärksten fiel dabei die Belastung des Erbach bei Homburg in der Nähe der dortigen kommunalen Kläranlage aus. Dieselben Erreger wurden auch im Köllerbach nachgewiesen. Geringer fiel die Konzentration in der Saar aus. Auch im Würzbacher Weiher und selbst in Bostalsee und Losheimer Stausee ließen sich multiresistente Bakterien nachweisen – wenn auch in sehr geringem Ausmaß. Ist es nun also aus und vorbei mit dem unbedenklichen Badesee-Spaß im Saarland?

Ginge es nach solchen Keimbelastungen, läge wohl auch das Badevergnügen im Bodensee und zahlreiche anderen Gewässern deutscher Ferienregionen brach. Experten geben indes weitgehend Entwarnung. Für gesunde Menschen sei die Gefahr solcher Bakterien extrem gering, sagte etwa Gerd Fätkenheuer, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Infektiologie, gegenüber „Spiegel Online“. Viele der Bakterien, die bei solchen Tests gefunden würden, könnten sich auf oder im Körper eines Menschen ansiedeln, ohne ihn krank zu machen. Selbst wenn ein Schwimmer Wasser schlucke, müssten die Bakterien erst einmal das Bad in der Magensäure überstehen und zudem noch der Immunabwehr trotzen. Bei einem gesunden Menschen sei das sehr unwahrscheinlich. Menschen mit Wunden oder geschwächtem Immunsystem sollten dagegen eher vorsichtig sein.



Ähnlich sieht das auch die Leiterin des Instituts für Medizinische Mikrobiologie und Hygiene an der Uniklinik Homburg, Professor Barbara Gärtner, die im SR-Gespräch auf die zahlreichen mikrobiologischen Untersuchungen der beiden saarländischen Seen hinweist: „Es hat sich dort gezeigt, dass die Wasserqualität wirklich ausgezeichnet ist.“ Die Anzahl multiresistenter Keime in Gewässern sei „eher Symptom als Ursache“. Letzere sei unter anderem der immer noch hohe Einsatz von Antibiotika in der Landwirtschaft.

Auch wenn gesunde Menschen weiterhin angstfrei in Badeseen eintauchen können – wirklich unbedenklich ist der Befund in den Gewässern nicht. Unter anderem weil auch ein gesunder Mensch Träger multiresistenter Keime sein kann und sie an andere Menschen mit geschwächten Abwehrkräften weitergeben kann. Und weil die Zahl solcher Keime bedrohlich steigt.

Alarm schlug denn auch gestern der saarländische Verein Pro H2O: Sein Vorsitzender, der Illinger Bürgermeister Armin König (CDU), forderte eine weitere Reinigungsstufe bei den Kläranlagen und Investitionen in das Kanalsystem. Eine vierte Klärstufe, wie sie Pro H2O fordert, könnte jedoch möglicherweise noch nicht ausreichend sein. Norbert Jardin, Chef des Essener Ruhrverbands, der 65 Kläranlagen betreibt, hält gar eine fünfte oder sechste Stufe für nötig, um die Resistenz-Last nennenswert zu reduzieren. In einer Anhörung im Umwelt-Ausschuss des Bundestages warnte er im Juni allerdings vor drastischen Gebührenerhöhungen für die Verbraucher durch Klärverfahrenstechniken wie Ultra- oder Nanofiltration.

Lothar Christ, Bürgermeister von Losheim am See, sieht nach den Untersuchungen jedenfalls Gesprächsbedarf mit Fachleuten und Behörden: „Neben den ökologischen spielen für unsere Region ja auch wirtschaftliche Aspekte eine entscheidende Rolle“, sagte er gestern der SZ.

Das saarländische Umweltministerium registrierte indes keine wirklich neuen Erkenntnisse: „Die entsprechenden Ergebnisse des SR-Gutachtens liegen in dem bekannten Bereich“, hieß es. Die Thematik werde derzeit in einem bundesweiten Forschungsvorhaben vertieft untersucht.