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Kardinal auf Abruf

Gerhard Ludwig Müller, gebürtiger Mainzer, ist mit Franziskus theologisch nicht auf Linie; zum Beispiel beim Thema Geschiedene. Foto: dpa
Gerhard Ludwig Müller, gebürtiger Mainzer, ist mit Franziskus theologisch nicht auf Linie; zum Beispiel beim Thema Geschiedene. Foto: dpa FOTO: dpa
Rom. Seit drei Jahren muss Gerhard Ludwig Müller als Präfekt der Glaubenskongregation den „bad guy“ im Schatten des „Superstars“ Papst Franziskus geben. Vielleicht wird der 68-jährige deutsche Kardinal bald erlöst. Julius Müller-Meiningen

Es könnte einer seiner letzten großen Auftritte im Vatikan gewesen sein. Als Präfekt der Glaubenskongregation präsentierte Gerhard Ludwig Müller im Juni ein Schreiben über Rechte und Pflichten der sogenannten kirchlichen Gemeinschaften. Müller saß im vollen Ornat auf dem Podium im vatikanischen Pressesaal, aber er tat sich nicht wirklich leicht beim Vorlesen des vorbereiteten italienischen Textes. Lockere Auftritte vor großem Publikum sind seine Sache nicht.



Gerhard Ludwig Müller lächelt viel, obwohl viele Leute im Vatikan behaupten, dass dem obersten Glaubenshüter in der katholischen Kirche eher weniger zum Lachen zu Mute ist. Im Gegenteil, Menschen, die täglich mit ihm zu tun haben, behaupten, Müller habe es in Rom gerade ausgesprochen schwer. Der Grund ist die Kluft zwischen der Agenda des Papstes und den Überzeugungen eines Mannes, der dieses Programm eigentlich mitgestalten sollte. Müller wirkt unter Papst Franziskus aber wie ein Fremdkörper. Seit Monaten wird im Vatikan intensiv über seine Ablösung spekuliert.

Dass der 68 Jahre alte Kardinal aus Mainz-Finthen und der 79-jährige Papst aus Buenos Aires nicht zusammenpassen, ist schon seit Längerem evident. Eine Abberufung Müllers kurz nach Amtsantritt hätte noch wie ein Affront gegen Benedikt XVI . gewirkt, der den ehemaligen Bischof von Regensburg wenige Monate vor seinem Rücktritt als Chef der Glaubenskongregation berief, als Garanten für theologische Kontinuität.

Spätestens im April wurde aber auch Kritikern des Papstes bewusst, dass ein Wechsel überfällig sein könnte. Damals wurde das nachsynodale Schreiben Amoris Laetitia präsentiert, die Antwort des Papstes auf die Diskussionen bei den beiden Bischofssynoden von 2014 und 2015 zum Thema Familie. Nicht etwa Müller, der qua Amt prädestinierte Mann für den Vortrag, trug den Inhalt des folgenreichen Schreibens vor, sondern der Wiener Kardinal Christoph Schönborn. Der Termin vor der Weltpresse wirkte wie eine inoffizielle Wachablösung.

Angesichts des Inhalts des Schreibens wäre es undenkbar gewesen, dass Müller die Schlüsse des Papstes der Öffentlichkeit vortrug. Bergoglio positioniert sich in Amoris Laetitia deutlich im Hinblick auf das umstrittenste katholische Thema der vergangenen Jahre, die Zulassung wiederverheirateter Geschiedener zu den Sakramenten. De facto lässt der Papst den Gläubigen künftig weitgehend freie Hand. Müller hingegen kämpfte jahrelang auch für die bisher geltende Regelung, dass die Wiederverheirateten nur bei sexueller Enthaltsamkeit zur Kommunion zugelassen sind. In seinen Augen und nach Ansicht vieler Traditionalisten wäre sonst das Gebot der Unauflöslichkeit der Ehe aus den Angeln gehoben. Mit Amoris Laetitia wurde endgültig sichtbar, dass Franziskus und sein Präfekt theologisch auf unterschiedlichen Wellenlängen unterwegs sind. Die Stimmen im Vatikan, dass demnächst Müllers Ablösung bevorstehe, mehren sich seitdem.



Irgendwie folgerichtig, aber auch erniedrigend für Müller mutete es an, als Franziskus Schönborn bei mehreren Gelegenheiten für seine Interpretation von Amoris Laetitia lobte. Der Wiener Erzbischof hatte im Namen des Papstes über Liebe und Familie geschwärmt und die Ausführungen Bergoglios mit theologischen Argumenten unterfüttert. Als der Papst anschließend zu unklaren Formulierungen befragt wurde, verwies er mehrmals lobend auf Schönborn und dessen enthusiastischen Vortrag. Der Wiener Kardinal, selbst Mitglied der Glaubenskongregation, sei "ein großer Theologe", sagte Franziskus. Über Müller hat Franziskus nie derartiges geäußert.

Hört man sich im Vatikan um, klingt es auch bei Papstkritikern so, als sei die Wachablösung Müllers zwar noch keine Tatsache, aber zumindest eine logische und wünschenswerte Maßnahme. Welchen Sinn hat ein Präfekt der Glaubenskongregation, der in der entscheidenden theologischen Frage der Gegenwart eine andere Meinung als der Papst vertritt?

Im Vatikan stehen demnächst verschiedene Nominierungen an, unter anderem die Berufung des Chefs der von Franziskus neu geschaffenen Behörde für Laien, Familie und Leben. Als aussichtsreicher Kandidat gilt einer der engsten Vertrauten von Franziskus, Kardinal Óscar Rodríguez Maradiaga aus Honduras. Mit Maradiaga begannen auch die Leiden Müllers. Wenige Monate nach Beginn des Pontifikats warf der Bergoglio-Freund dem Präfekten öffentlich mangelnde Flexibilität vor. Den Stempel des engstirnigen und kaltherzigen, also gänzlich unbarmherzigen Gesetzeshüters wird Müller nicht mehr los.

Müller wurde mehrmals als Gegner oder gar Feind des Papstes bezeichnet. Doch diese Kategorien treffen nicht den Kern, sie verletzten Müller hingegen persönlich. Denn aus seiner Perspektive kämpft er im Namen von Tradition und Wahrheit einen gerechten Kampf gegen diejenigen, die den aus seiner Sicht theologisch unbedarften Papst in die falsche Richtung lotsen. "Ich weiß tausendmal besser, wer der Papst ist und was der Primat bedeutet", schimpfte er über seine Kritiker. Es wirkte so, als habe die Rolle des "bad guy" im Schatten des Medien-Lieblings Franziskus tiefe Spuren hinterlassen.

Müller bekommt den Papst nicht zu greifen. Zwar begegnen sich die beiden Männer zu den Routinebesprechungen, die Glaubenskongregation wurde zuletzt aber nicht mehr in die Ausarbeitung der wichtigsten päpstlichen Schriften einbezogen. Die umstrittenen Gesetze zur Erleichterung der Ehenichtigkeitsverfahren bekam der Präfekt der Glaubenskongregation erst vorgelegt, als sie bereits erlassen waren. Amoris Laetitia wurde der Glaubenskongregation vor Veröffentlichung zwar vorgelegt, die seitenweise vorgeschlagenen Änderungen am Text aber ignoriert. Sogar einflussreiche konservative Kommentatoren wie der Vatikan-Journalist Sandro Magister behaupten deshalb schon länger, Müller zähle unter Franziskus "nichts mehr".

Auch Müller hat seinen Teil zur Eskalation beigetragen. Im März 2015 stellte er in einem Interview mit der französischen Zeitung "La Croix" fest, die Aufgabe seiner Behörde sei es, insbesondere ein pastoral geprägtes Pontifikat wie das gegenwärtige "theologisch zu strukturieren". Es hörte sich so an, als habe Franziskus theologische Nachhilfe nötig. Zum öffentlichen Schlagabtausch setzte nicht der Papst selbst, sondern Víctor Manuel Fernández an, Rektor der katholischen Universität von Buenos Aires und Mitverfasser der wichtigsten Schriften von Franziskus. Der Vertrauenstheologe des Papstes warf dem Deutschen vor, Franziskus wie eine Marionette zu behandeln. Im Gegenzug brandmarkte Müller öffentliche Gedankenspiele von Fernández zur Dezentralisierung der Kurie als "häretisch".

Bleibt die Frage, was mit Müller geschehen soll, wenn er einmal nicht mehr Präfekt der Glaubenskongregation sein sollte. Ein Gedankenspiel lautet, den 68-Jährigen als Bischof in seine Heimat Mainz zu versetzen. Dort ist nach dem altersbedingten Rücktritt von Kardinal Karl Lehmann eine Stelle frei. Dagegen spricht, dass das von Lehmann geprägte, liberale Domkapitel ein Mitspracherecht bei der Neubesetzung des Bischofsstuhls hat und sich kaum ein so konservatives Kaliber wie Müller ins Haus holt.