| 20:19 Uhr

Stress-Pause in den Bundesministerien
Jamaika sondiert, der Rest atmet durch

Zurzeit der politische Fokus Berlins: In der Parlamentarischen Gesellschaft (links) am Bundestag führen Union, FDP und Grüne ihre Gespräche. Beschaulich geht es derweil in den Ministerien der geschäftsführenden Regierung zu.
Zurzeit der politische Fokus Berlins: In der Parlamentarischen Gesellschaft (links) am Bundestag führen Union, FDP und Grüne ihre Gespräche. Beschaulich geht es derweil in den Ministerien der geschäftsführenden Regierung zu. FOTO: Michael Kappeler / dpa
Berlin. Während Union, FDP und Grüne vor sich hin beraten, läuft der Betrieb der geschäftsführenden Regierung in den Bundesministerien weiter, wenn auch eher entspannt. Von Stefan Vetter

Alle Aufmerksamkeit richtet sich derzeit auf die Jamaika-Verhandler. Doch was treibt eigentlich die Bundesregierung? Was läuft noch in den Ministerin? Wenig bis gar nichts, könnte man meinen. Schließlich sind die politisch Verantwortlichen seit der konstituierenden Sitzung des Bundestags am 24.Oktober nur noch geschäftsführend im Amt. Aber ganz so einfach ist es dann doch nicht.



„Es gibt keine politischen Vorgaben, die jetzt jemand macht, keine neuen Projekte“, heißt es im Bundesumweltministerium. Auch im Arbeitsministerium räumt man freimütig ein: „Es ist nicht so, dass es furchtbar rappelt“. Und im Gesundheitsministerium sagt einer augenzwinkernd: „Das Haus atmet etwas durch“. Tatsächlich gab es seit dem 24. Oktober keine Sitzung des Bundeskabinetts mehr. Die sonst jeden Mittwoch im Kanzleramt tagende Runde kommt nur noch „bei Bedarf“ zusammen, wie es heißt. Zum Beispiel im Krisenfall, aber den gab es nicht. Keine Kabinettssitzungen bedeutet, dass keine Sprechzettel für die jeweiligen Minister geschrieben werden müssen und auch sonst keine Papiere oder gar Gesetzesvorlagen. Bei den dafür zuständigen Referaten in den Ressorts „rappelt“ also wirklich derzeit so gut wie nichts. Und auch in machen Pressestellen geht es ruhiger zu als sonst. „Wo wir manchmal bis zu 100 Anfragen per Mail und Telefon am Tag bekommen, ist es jetzt deutlich weniger als die Hälfte“, sagt ein PR-Mitarbeiter eines CDU-geführten Ressorts.

Allerdings betrifft das nur die politische Leitungsebene, wie ein Referatsleiter in einem von der SPD geführten Ministerium deutlich macht. Das Regierungsleben besteht nur zum geringsten Teil aus dem Formulieren von Gesetzen. Was in seinem Haus überwiege, so der Beamte, sei die Begleitung und Finanzierung von Projekten, der Kontakt mit Vereinen und Institutionen, „und die ganz routinemäßigen Kontakte“ zu den Ländern oder zu anderen Ressorts. All das laufe auch bei einer bloß geschäftsführenden Regierung weiter, berichtet der Insider.

Manche sprechen deshalb auch von einem „ständigen Grundrauschen“ in ihrem Arbeitsumfeld. So muss sich zum Beispiel die Abteilung Bauen im Umweltministerium weiter um die Errichtung des Berliner Stadtschlosses kümmern, aber auch um verschiedene Neubauprojekte des Bundes im Ausland. Und im Landwirtschaftsministerium richtet sich der Blick wie immer um diese Zeit auf die „Grüne Woche“ in Berlin. Manche Ministeriale haben sogar doppelte Arbeit, denn so lange es noch keine neue Regierung gibt, die den Haushalt für 2018 einbringt, gilt die vorläufige Haushaltsführung. Also müssen die Zuwendungsempfänger vorläufige Bescheide mit abgespeckten Summen bekommen, während zugleich die endgültigen Bescheide auch schon vorbereitet werden müssen.

Auch unter den Bundesministern selbst sind die Arbeitsanforderungen in diesen Tagen sehr unterschiedlich. So sitzen zum Beispiel Gesundheitsressortchef Hermann Gröhe (CDU) und Agrarminister Christian Schmidt (CSU) bei den Jamaika-Verhandlungen mit am Tisch. Zudem hat Schmidt noch kommissarisch die Leitung des Verkehrsministeriums übernommen, weil sein Parteifreund, der vormalige Amtsinhaber Alexander Dobrindt, jetzt der CSU-Landesgruppe vorsteht. Auch bei Kanzleramtschef Peter Altmaier (CDU) kommt keine Langeweile auf. Ganz im Gegenteil. Neben der Kanzlerin ist der Saarländer für die Union die wichtigste Figur in den Jamaika-Verhandlungen. Und er leitet „nebenbei“ noch das Finanzressort, denn der vormalige Kassenwart, Wolfgang Schäuble (CDU), ist bekanntlich zum Bundestagspräsidenten gewählt worden.



Die meisten Bundesminister der SPD indes können sich zurücklehnen. Schon weil sie nicht wie ihre Unionskollegen in diversen Sondierungen stecken und auch nicht dafür zuarbeiten müssen. Für die Ministeriums-Mitarbeiter bedeutet das aber manchmal sogar Mehrarbeit statt Pause: „Die Minister haben jetzt mehr Zeit als sonst und nehmen auf ihre letzten Tage im Amt viel mehr Termine und Jubiläumsveranstaltungen wahr als früher“, weiß ein Beamter. Und die müssen alle vorbereitet werden. Und was tut der, der wirklich nichts zu tun hat? „Der ist auch mal froh, seine Überstunden abzubauen, oder macht Urlaub“, sagt ein anderer trocken.